LONDON (IT BOLTWISE) – Das Ifo-Institut sieht Deutschland beim wirtschaftlichen Potenzial Künstlicher Intelligenz (KI) auf Abstandsangriff. In einer Studie im Auftrag der IHK für München und Oberbayern fehlen dem Land laut den Autoren strukturelle Voraussetzungen vor allem in IKT, öffentlicher Digitalisierung und Bildung. Als Beispiele nennt die Untersuchung, dass der IKT-Sektor nur 4,6 % zur Bruttowertschöpfung beisteuert und dass Deutschland bei IKT-Dienstleistungen 2025 im Import deutlich stärker war als im Export. Parallel bleibt die Verbreitung KI-gestützter Verwaltungsservices offenbar hinter europäischen Nachbarn zurück.

Deutschland steht nach Einschätzung des Ifo-Instituts vor dem Risiko, den KI-Boom wirtschaftlich nicht im gleichen Tempo zu nutzen wie andere Länder. Der Befund kommt aus einer Studie, die das Münchner Institut im Auftrag der IHK für München und Oberbayern erstellt hat. Im Kern geht es dabei nicht um die Frage, ob KI-Technologien verfügbar sind, sondern ob die strukturellen Rahmenbedingungen im Land groß genug sind, um KI-Projekte aus der Pilotphase in produktive Nutzung zu bringen.
Besonders deutlich wird die Lage bei den Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT): Der Ifo-Untersuchung zufolge steuert der IKT-Sektor hierzulande lediglich 4,6 % zur heimischen Bruttowertschöpfung bei. Das ordnet das Institut in ein unteres EU-Mittelfeld ein. Hinzu kommt ein wachsender Hang zur Abhängigkeit von internationalen Anbietern, der sich im Handelsbild für IKT-Dienstleistungen ablesen lässt: Für 2025 weist die Studie für Deutschland „unter dem Strich“ einen Importüberschuss von 11 Milliarden US-Dollar aus, also mehr eingekaufte als exportierte IKT-Dienstleistungen.
In der Studie werden die Ursachen nicht auf eine einzelne Schwachstelle reduziert. Ifo-Daten und die Einordnung aus dem Umfeld der digitalen Transformation machen vielmehr ein Bündel an Defiziten sichtbar: Die Hightech-Branche sei noch zu klein, die Verwaltung sei zu wenig digitalisiert und das Bildungssystem passe sich offenbar zu langsam an die Veränderungen an, die KI mit sich bringt. Oliver Falck, Leiter des Ifo-Zentrums für Innovationsökonomik und digitale Transformation, stellt dabei vor allem auf die fehlenden Voraussetzungen in diesen Kernbereichen ab und verknüpft damit auch die Frage, wie schnell sich KI-Anwendungen im Alltag von Unternehmen und Behörden skalieren lassen.
Auch bei der Modernisierung des öffentlichen Sektors sieht die Studie eher Stillstand als Beschleunigung. Obwohl KI-Systeme in Kombination mit vorhandenen Behördendaten Bürger- und Unternehmensservices deutlich beschleunigen könnten, bleibt Deutschland laut Ifo im Vergleich zu europäischen Nachbarn zurück. Genannt werden unter anderem Dänemark, die Niederlande, Polen und Österreich. Selbst als „grundlegend“ beschriebene Services wie vorausgefüllte Formulare befänden sich hierzulande demnach noch im Versuchsstadium – ein Hinweis darauf, dass der digitale Sockel fehlt, auf dem KI-gestützte Prozesse überhaupt sinnvoll aufsetzen können.
Der Engpass wird anschließend sehr konkret über Kompetenzen beschrieben. Ein Mangel an digitalem Know-how bremse die betriebliche Umsetzung geplanter KI-Initiativen, und die Untersuchung nennt dazu messbare Datenpunkte: 40 % der Achtklässler erreichen laut Ifo-Daten nicht die zweite Kompetenzstufe im Umgang mit Computern und Daten. Gleichzeitig ordnet das Institut die weitergehenden digitalen Fähigkeiten Deutschlands unter den EU-Mittelwert ein. Diese Faktoren sind für Unternehmen in der Praxis besonders relevant, weil KI-Entwicklung zwar auch mit spezialisierten Teams gelingen kann, der produktive Einsatz aber typischerweise Wissen in Domänen, Datenqualität, Prozessdesign und Metriken erfordert.
Damit wird die zentrale Spannungsfrage greifbar: KI-Anwendungen verbreiten sich zwar rasant, doch vielen Organisationen fehlt laut Ifo das Wissen, sie produktiv zu nutzen. Genau hier liegt der wirtschaftliche Hebel, der in der Studie stärker betont wird als die reine Verfügbarkeit von Modellen oder Tools. Für den Mittelstand bedeutet das: Ohne interne Kompetenzaufbaupläne und ohne digitale Grundprozesse bleiben selbst gut finanzierte Pilotprojekte häufig im Status „Testlauf“. Für die öffentliche Verwaltung wiederum entscheidet der digitale Reifegrad über die Geschwindigkeit, mit der KI-Funktionen in standardisierte Verfahren überführt werden können.
Der Befund legt zudem nahe, dass die Abhängigkeit von externen IKT-Dienstleistungen nicht nur Kosten verursacht, sondern auch Tempo und Einfluss auf Lieferketten für Innovation verändert. Wenn Know-how überwiegend eingekauft wird, verschiebt sich die Lernkurve: Fachabteilungen erhalten dann weniger Gelegenheit, die Datenflüsse und Entscheidungslogiken hinter KI-Use-Cases selbst zu verstehen. Für Deutschland hängt die KI-Wertschöpfung damit weniger an einzelnen Technologieeinsätzen als an einem stabilen Ökosystem aus IKT-Kompetenz, digitaler Verwaltungspraxis und Bildung, das die Voraussetzungen für die nächsten Ausbaustufen systematisch schafft.
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