LONDON (IT BOLTWISE) – Eine landesweite Umfrage zeigt, dass rund 28% der Befragten ihre Symptome gegenüber Ärztinnen und Ärzten im Hinblick auf Antibiotika zu verfälschen gaben. Häufig ging es dabei um das Übertreiben von Dauer oder Schwere, teils wurden auch Symptome erfunden. Solche Aussagen können unnötige Nebenwirkungen begünstigen und fördern zugleich einen verantwortungslosen Antibiotikaeinsatz. Die Ergebnisse wurden in JAMA Network Open veröffentlicht.

Antibiotika gelten seit Jahrzehnten als eine der wirksamsten Errungenschaften der modernen Medizin. Gleichzeitig sind sie kein „Allzweckmittel“: Wo eine bakterielle Infektion fehlt, richtet ein Antibiotikum mehr Schaden an als Nutzen an. Genau an dieser Schnittstelle setzt die neue Untersuchung an, die in JAMA Network Open veröffentlicht wurde und die Kommunikation zwischen Patientinnen und Patienten und Behandelnden in den Fokus rückt. Denn die Studie deutet darauf hin, dass nicht nur klinische Unsicherheiten, sondern auch bewusste Unstimmigkeiten im Arztgespräch den Weg für problematischen Einsatz ebnen können.
Im Kern berichten die Forschenden von einem überraschend hohen Anteil: Insgesamt gaben etwa 28% der Befragten an, in der Vergangenheit ihre Symptome gegenüber einem Arzt oder einer Ärztin „falsch dargestellt“ zu haben, um Antibiotika zu erhalten. Unter denen, die Lügen zugaben, lag der häufigste Mechanismus im Übertreiben: Rund 40% sagten, sie hätten die Schwere oder die Dauer ihrer Erkrankung überdramatisiert. Etwa 7% erklärten, sie hätten schlicht erfundene Symptome genannt. Der verbleibende große Teil, ungefähr 53%, kombinierte beides – sie überzeichneten zugleich Dauer oder Intensität und behaupteten zusätzlich Symptome, die es so nicht gab.
Die Studie kommt auch zu Erklärungen, warum es zu solchen Verzerrungen kommt. Als häufige Motive werden unter anderem die Erwartung genannt, Antibiotika würden zuverlässig helfen, ein Zeitdruck („ich muss schnell wieder handlungsfähig sein“) und der Wunsch nach mehr Kontrolle über die Behandlung. Daneben nennen die Auswertungen Muster in der Gruppe, die eher zu „Antibiotika-Lügen“ neigt: Vergleichsweise häufiger waren es jüngere Personen im Alter von 18 bis 33 Jahren, außerdem Teilnehmende, die den Eindruck hatten, Ärztinnen und Ärzte nähmen ihre Beschwerden nicht ernst genug. Zudem spielt für manche Befragte offenbar eine Skepsis gegenüber dem Konzept der Antibiotikaresistenz eine Rolle; wer die Problematik als weniger real einschätzt, sieht den Schritt zur ärztlich verordneten Antibiotikatherapie möglicherweise als geringeres Risiko.
Technisch betrachtet ist Antibiotika-„Stewardship“ genau deshalb so anspruchsvoll, weil sich bakterielle von viralen Erkrankungen nicht immer eindeutig auf Basis weniger Anamnese-Sätze trennen lässt. Wenn Symptome in der Schilderung bewusst oder unbewusst verzerrt werden, verschiebt sich die diagnostische Wahrscheinlichkeit. Das kann dazu führen, dass Ärztinnen und Ärzte Therapien wählen, die nicht zur Ursache der Beschwerden passen. In der Folge steigt das Risiko für unnötige Nebenwirkungen – etwa durch Komplikationen im Umfeld der Antibiotikaeinnahme. Genannt wird in dem Kontext auch Clostridioides difficile, bei dem Breitbandantibiotika die gesunde Darmflora stören können; das erleichtert es dem Erreger, Probleme auszulösen. Daneben gibt es Situationen, in denen Antibiotika praktisch wirkungslos sind, etwa bei Infekten der oberen Atemwege, die typischerweise viral verlaufen und häufig als „Erkältung“ bezeichnet werden.
Der gesellschaftliche Hintergrund macht die Brisanz zusätzlich deutlich. Antibiotikaresistenz entsteht nicht über Nacht, sondern als Ergebnis eines langen evolutionären Prozesses: Bakterien passen sich an den Wirkmechanismus der eingesetzten Substanzen an, und die Medizin muss danach auf neuere oder breiter wirksame Präparate ausweichen. Die Studie ordnet das in die bekannte Dynamik ein, in der „Superbugs“ zunehmend schwerer behandelbar werden. Als Größenordnung wird dabei ein Bericht der US-Gesundheitsbehörde zitiert, wonach resistente Keime etwa 50.000 Menschen pro Jahr in den USA töten. Gleichzeitig wird betont, dass es zwar Erfolge bei der Eindämmung einzelner resistenter Infektionen gab – unter anderem durch bessere Steuerung und Dosierung in Arztpraxen und Krankenhäusern –, jedoch insgesamt weiterhin ein massiver Übergebrauch zu beobachten sei.
Bemerkenswert ist auch, wie die Datenerhebung organisiert war. Die Forschenden arbeiteten dafür mit Dynata, einem kommerziellen Marktforschungsunternehmen, zusammen, um eine Online-Umfrage durchzuführen. Dabei wurden demografische Quoten eingesetzt, um eine Stichprobe zu erhalten, die über Alter, Geschlecht und US-Regionen hinweg als repräsentativ gelten soll. Eingeschlossen waren rund 1.000 Teilnehmende ab 18 Jahren. Für die Interpretation ist das wichtig: Es handelt sich nicht um klinische Verlaufsdaten, sondern um Selbstberichte. Dennoch ist der Ansatz relevant, weil er eine Komponente beleuchtet, die in vielen Diskussionen über Antibiotika-Überverschreibung zu kurz kommt – nämlich die Perspektive der Patientenseite und die Frage, wie stark die Symptomdarstellung das Ergebnis der ärztlichen Entscheidung beeinflusst.
Für die Praxis folgt daraus vor allem eine zweite Ebene der Umsetzung von Antibiotika-Stewardship. Selbst wenn medizinische Leitlinien die geeignete Therapieform vorgeben, bleibt die Kommunikation ein Hebel, an dem sich sowohl Erwartungen als auch Fehlannahmen verdichten. Wenn Zeitdruck, Autonomiebedürfnis und Misstrauen gegenüber dem „ernst genommen werden“ zusammenkommen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Patientinnen und Patienten Informationen strategisch anpassen. Für Gesundheitsorganisationen und medizinische Teams bedeutet das: Gesprächsführung, klare Erklärung der Grenzen von Antibiotika bei viralen Verläufen und strukturierte Entscheidungsunterstützung können helfen, Missverständnisse abzubauen, bevor aus einer Erwartung eine Fehlentscheidung wird. Genau hier kann die Studie Impulse liefern – nicht als Vorwurf an einzelne Patientinnen oder Patienten, sondern als datenbasierter Hinweis, wie komplex die Kette vom Symptom zur Verordnung tatsächlich ist.
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