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LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Beobachtungsstudie in JAMA Psychiatry findet bei Erwachsenen mit ADHS-Diagnose deutlich höhere Raten leichter kognitiver Störungen und Demenz. Ausgewertet wurden Daten aus dem All of Us Research Program mit 187.341 Teilnehmenden ab 50 Jahren über rund 10 Jahre. In der ADHS-Gruppe lag der Anteil bei 6,7 Prozent gegenüber 3,4 Prozent in der Vergleichsgruppe. Die Autoren betonen zugleich die Grenzen solcher Daten und nennen modifizierbare Risikofaktoren für die Hirngesundheit.

ADHS im Erwachsenenalter: Studie verknüpft Diagnose mit mehr Risiko für kognitive Störungen
ADHS im Erwachsenenalter: Studie verknüpft Diagnose mit mehr Risiko für kognitive Störungen (Foto: IT BOLTWISE)
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Im Fokus der aktuellen Debatte steht weniger die Frage, ob ADHS „später“ verschwindet, sondern was langfristig im Gehirn passiert, wenn die Entwicklungsstörung bis ins Erwachsenenalter hinein diagnostiziert bleibt. Eine Beobachtungsstudie, die im Oktober 2026 im Fachjournal JAMA Psychiatry veröffentlicht wurde, berichtet bei Erwachsenen mit ADHS-Diagnose über höhere Raten leichter kognitiver Störungen und Demenz als bei Menschen ohne diese Diagnose. Damit rückt eine bisher eher jugendzentrierte Sichtweise in den Hintergrund: ADHS wird in der Praxis häufig als Thema für Kindheit und Schule eingeordnet, während die neue Datenlage stärker auf die Lebensspanne ab 50 lenkt.

Die Studie stützt sich auf das All of Us Research Program, das seit 2015 aufgebaut wird. Analysiert wurden 187.341 Erwachsene ab einem Alter von 50 Jahren, die im Schnitt über 10,26 Jahre beobachtet wurden. In dieser Kohorte fanden sich 3.026 Personen mit dokumentierter ADHS-Diagnose. Auffällig ist der Unterschied im weiteren Verlauf: In der ADHS-Gruppe entwickelten 6,7 Prozent im Beobachtungszeitraum entweder eine leichte kognitive Störung oder eine Demenz, während es in der Vergleichsgruppe ohne ADHS 3,4 Prozent waren. Das adjustierte Risikoverhältnis beziffern die Forscher auf etwa 4,6 – ein Wert, der nicht nur einen kleinen Effekt nahelegt, sondern eine klare statistische Assoziation mit dem Auftreten späterer kognitiver Probleme.

Für die Einordnung ist wichtig, wie solche Ergebnisse zustande kommen. Bei einer Beobachtungsstudie lässt sich Korrelation nicht automatisch in Kausalität übersetzen. Der Psychiater Yang Congcai ordnete deshalb ein, dass es sich um eine statistische Verbindung handelt und keine Kausalitär damit nachgewiesen sei. Genau hier liegt ein zentraler Punkt für Betroffene und Behandler: Eine bestehende ADHS-Diagnose bedeutet nicht zwangsläufig, dass später zwingend eine Demenzerkrankung folgt. Gleichzeitig ergibt sich aus den Daten ein praktischer Handlungsrahmen: Wer kognitive Risiken im Alter ernst nimmt, kann frühzeitig Warnsignale identifizieren und die „geistige Fitness“ gezielt unterstützen.

Technisch betrachtet zeigen die Ergebnisse vor allem, wie stark sich medizinische Langzeitfragen über große Kohorten statistisch abbilden lassen. Gleichzeitig wird deutlich, warum zusätzliche Kontextvariablen entscheidend sind: In der Publikation werden bekannte modifizierbare Risikofaktoren genannt, die den geistigen Zustand im Alter beeinflussen können. Dazu zählen unter anderem Schlafqualität und körperliche Bewegung, aber auch körperliche Vorerkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen sowie Rauchen. Interessant ist auch die klare Grenze, die die Autoren setzen: Es liegen bislang keine Belege dafür vor, dass der Einsatz von ADHS-Medikamenten vor einer Demenz schützen kann. Damit verschiebt sich der Schwerpunkt weg von „Medikament X verhindert Demenz“ hin zu einem ganzheitlicheren Risikomanagement.

Die Diskussion um Zusammenhänge zwischen neurologischen Vorerkrankungen und kognitiver Leistungsfähigkeit steht zudem nicht allein. Als Parallelbeispiel werden Daten zu Epilepsie herangezogen: Erwachsene mit neudiagnostizierter Epilepsie tragen laut genannten Auswertungen ein etwa sechsmal höheres Risiko für Demenz vor dem 65. Lebensjahr als Personen ohne diesen Befund. Absolut betrachtet bleiben die Risiken jedoch niedrig, und auch hier wird keine Kausalität behauptet. Eine Fall-Kontroll-Studie mit 11.360 Personen im Alter von 40 bis 64 Jahren mit früher Demenz und 113.600 Kontrollpersonen nennt zudem eine frühere Epilepsie-Diagnose bei 12,5 Prozent der Demenzgruppe gegenüber 1,2 Prozent in der Kontrollgruppe. Solche Konstellationen zeigen, wie komplex die Beziehung zwischen neuronalen Systemen, Entzündungs- und Stoffwechselprozessen sowie kognitiver Reserve sein kann.

Was das für die Praxis bedeutet, zeigt sich besonders bei der Frage, welche Maßnahmen realistisch beeinflussbar sind. Ergänzende Kohortenauswertungen zu Epilepsie berichten, dass von 12.901 Personen mit neu auftretender Epilepsie 2,2 Prozent innerhalb von zehn Jahren eine Demenz entwickelten. Für eine weitere Vergleichsgruppe mit Epilepsiediagnose vor dem Jahr 2008 werden 1,7 Prozent genannt, während in der Kontrollgruppe mit 129.010 Personen lediglich 0,2 Prozent betroffen waren. Daneben wird beschrieben, dass das Risiko bei dem Vorliegen von vier oder mehr weiteren Erkrankungen auf 9,1 Prozent steigen kann. Der gemeinsame Nenner: Multimorbidität und Lebensstilfaktoren wirken häufig als „Modulatoren“ des Risikoprofils – und genau darauf zielen Interventionsstrategien typischerweise ab.

Für Unternehmen, die Gesundheitsdaten und KI-gestützte Vorsorgeprodukte entwickeln, sind solche Ergebnisse besonders relevant, weil sie Anforderungen an Datengüte und Modellierungskonzepten sichtbar machen. Wenn ADHS als erklärende Variable in Risikomodellen auftaucht, braucht es saubere Regeln für Diagnosedefinitionen, Zeitfenster und den Umgang mit Störfaktoren wie Schlaf, Bewegung und kardiometabolischen Risiken. Daneben ist die Kommunikation der Unsicherheit zentral: Ein Modell kann eine höhere Eintrittswahrscheinlichkeit statistisch schätzen, muss aber klar bleiben, dass Beobachtungsdaten keine direkte Ursache belegen. Für die nächsten Studien folgt daraus eine naheliegende Richtung: größere Datensätze, bessere Erfassung von Lebensstil, Medikation und Verlauf – und idealerweise Studiendesigns, die Kausalität stärker adressieren. Bis dahin bleibt der Kern der Botschaft pragmatisch: ADHS sollte auch bei Erwachsenen als Faktor für die langfristige kognitive Vorsorge ernst genommen werden, ohne daraus einen deterministischen Krankheitsverlauf abzuleiten.

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