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LONDON (IT BOLTWISE) – Lichtverschmutzung hat in den vergangenen Jahren messbar zugenommen und beeinflusst Tag-Nacht-Rhythmen von Tieren und Pflanzen. Eine neue Studie beschreibt, wie abgeschirmte Beleuchtung das Licht zielgerichteter lenkt und damit ökologische Nebenwirkungen reduzieren kann. Sie liefert außerdem ein vierstufiges Schutzkonzept für Kommunen und Planer – von dauerhafter Abschaltung bis zur spektralen Anpassung. Besonders spannend sind dabei der Ansatz „dunkle Korridore“ zur Vernetzung von Biotopen und die Diskussion um evidenzbasierte Grenzwerte.

Lichtverschmutzung: Abgeschirmte Lampen und „dunkle Korridore“ im Naturschutz
Lichtverschmutzung: Abgeschirmte Lampen und „dunkle Korridore“ im Naturschutz (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Diskussion um Lichtverschmutzung wirkt oft wie ein Konflikt zwischen zwei legitimen Zielen: bessere Sicht und Sicherheit im öffentlichen Raum auf der einen Seite, funktionierende Ökosysteme auf der anderen. Die neue Studie setzt genau dort an, indem sie nicht nur beschreibt, dass die Nacht zunehmend heller wird, sondern auch konkret zeigt, welche Stellschrauben sich in der Praxis drehen lassen. Ausgangspunkt sind zwei harte Größen: In den letzten zehn Jahren ist der Nachthimmel im Durchschnitt um fast zehn Prozent pro Jahr aufgehellt, und Prognosen erwarten, dass bis 2052 die Hälfte der Landfläche der Erde von Lichtverschmutzung betroffen sein wird. Damit wird Licht zu einem Umweltfaktor, der nicht an Gemeindegrenzen haltmacht, sondern sich über Küstenräume, Flussniederungen und bis in Lebensräume auswirkt, die bisher als „unberührt“ galten.

Technisch betrachtet beginnt das Problem bei der Art, wie Licht ausgeleitet wird: Streulicht und ungerichtete Abstrahlung verteilen Energie über Flächen, die in der Beleuchtungskonzeption gar nicht im Fokus stehen. Eine maßgeschneiderte und abgeschirmte Lampe sendet das Licht deutlich zielgerichteter auf den Weg und reduziert, was sonst den Himmel aufhellt. Ökologisch schlägt sich das in mehreren Ebenen nieder. Der zentrale Mechanismus ist der gestörte Hell-Dunkel-Zyklus, den viele Arten als Signal für Fortpflanzung, Nahrungssuche und Migration nutzen. Dr. Ashton Dickerson vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei (IGB) ordnet das entsprechend ein: „Der Hell-Dunkel-Zyklus ist eines der stabilsten Umweltsignale im Laufe der Evolution. Eine Veränderung dieses Signals durch Lichtverschmutzung hat daher weitreichende Folgen für die biologische Vielfalt“.

Die Studie macht deutlich, dass Licht nicht nur Verhalten verändert, sondern biochemische Prozesse und saisonale Rhythmen verschiebt. So wird die Freisetzung von Melatonin bei Wirbeltieren – Vögeln, Säugetieren, Amphibien, Reptilien und Fischen – durch Lichtverschmutzung im Durchschnitt um 36 Prozent unterdrückt. Auch Pflanzen reagieren: Stadtbäume treiben früher aus und verlieren später ihre Blätter, wodurch sich die jahreszeitlichen Muster verschieben. Für die Praxis ist besonders relevant, dass die Verlängerung der städtischen Vegetationsperiode offenbar stärker durch Lichtverschmutzung beeinflusst wird als durch Lufttemperatur, vor allem am Ende der Wachstumsperiode. Dazu kommen Verhaltensänderungen im Tag-Nacht-Verlauf, etwa wenn einige Vogelarten früher am Tag zu singen beginnen, sowie Effekte auf die räumliche Verteilung von Tieren, die durch Licht sowohl angezogen als auch vertrieben werden.

Im nächsten Schritt wird der Blick auf die Lebensmittelketten und Lebensgemeinschaften konkreter. Fluginsekten gelten als anschauliches Beispiel: Die nächtlichen Schwärme, die sich an Straßenlaternen sammeln, führen laut Studienlage zu einer Vervielfachung der Dichte von Fluginsekten und ihrer Fressfeinde, etwa Spinnen, in der Nähe beleuchteter Bereiche. Ebenso können Raubfische in Meeresriffen vermehrt um beleuchtete Korallen auftreten, was die Zusammensetzung ganzer Lebensgemeinschaften verschiebt. Andere Wirbeltiere zeigen dabei jedoch häufig das Gegenteil: Pumas meiden stark beleuchtete Lebensräume, Zugvögel reagieren ebenfalls mit Meidung. Watvögel verändern Verbreitungsmuster an Niststränden, und Aale weichen an beleuchteten Brücken von ihren Wanderrouten ab. Das Muster mündet in eine größere Konsequenz, die in der Studie als Neuverteilung der Arten beschrieben wird: Dr. Franz Hölker, Leiter der IGB-Forschungsgruppe „Lichtverschmutzung und Ökophysiologie“, fasst zusammen, dass diese Reaktionen zu Neuverteilungen in „Aggregations-Hotspots und Ersatzlebensräume“ führen und neuartige Lebensgemeinschaften ohne historische Entsprechung begünstigen.

Für Kommunen und Lichtplaner wird es damit weniger zu einer Frage der „richtigen Helligkeit“, sondern zu einer Planungsaufgabe mit mehreren Ebenen. Nach Angaben der Autorinnen und Autoren fehlt es noch an einer besseren Integration ökologischer Erkenntnisse in die Beleuchtungsregulierung und in Raumplanung. Der Beitrag argumentiert folgerichtig für ein vierstufiges, hierarchisches Schutzkonzept zur Minderung: Zuerst sollen Lichtquellen dauerhaft entfernt werden, sofern kein begründeter Bedarf besteht. Danach geht es um räumliche Begrenzung durch maßgeschneiderte Optik oder Abschirmung und um die Reduzierung des Lichtstroms durch Dimmung. Zeitliche Einschränkungen folgen als dritte Stufe, etwa über Zeitschaltuhren und Bewegungssensoren. Die vierte Stufe betrifft die spektrale Anpassung. Dabei bleiben zentrale Hürden weniger technischer als rechtlich-wissenschaftlicher Natur: Viele Umweltgesetze verlangen den Nachweis einer relevanten Umweltschädigung und zugleich, dass Lichtemission und verantwortlicher Betreiber identifiziert werden können. Dr. Andreas Jechow von der TH Brandenburg, der an der Studie beteiligt war, benennt dazu einen Ansatz: „Da sich konkrete Umweltschäden und deren Verursacher oft nur schwer nachweisen lassen, könnte der Gesetzgeber evidenzbasierte Emissionsgrenzwerte festlegen, die auf die jeweilige Beleuchtungsart und ihren Einsatzkontext abgestimmt sind“.

Genau an diesem Punkt lässt sich der Übergang von Forschung zu Umsetzung nachvollziehen. Die Studie verweist auf politische Implementierungen, die Lichtverschmutzung bereits als Bedrohung der Biodiversität berücksichtigen: Auf internationaler Ebene wurden die „International Light Pollution Guidelines“ im Kontext der COP 14 im Jahr 2024 adaptiert, in Australien wurden „National Light Pollution Guidelines for Wildlife“ im Jahr 2023 umgesetzt, und Deutschland brachte 2021 das „Insektenschutzgesetz“ auf den Weg (§ 41a BNatSchG). Gleichzeitig ergänzt die Studie praktische Instrumente: Neben Emissionskontrolle werden Planungsansätze und Raumschutzkonzepte genannt, etwa die Schaffung von „dunklen Korridoren“, die wichtige Biotope miteinander verbinden. Ein solcher Ansatz kann bestehende Rahmenwerke zur Lebensraumvernetzung wie Natura 2000 ergänzen, weil er nicht nur punktuell abdunkelt, sondern Übergänge und Funktionsräume im Landschaftsmaßstab adressiert. Entscheidend ist dabei die politische und gesellschaftliche Balance: Es geht nicht darum, den Nutzen künstlichen Lichts für Menschen zu vernachlässigen, vor allem das Sicherheitsgefühl in der Dunkelheit. Neue Beleuchtungskonzepte, wie sie in einigen Kommunen und an bestimmten Küstenabschnitten bereits umgesetzt wurden, zeigen laut Studie, dass sich ökologische und gesellschaftliche Anforderungen an öffentliche Beleuchtung kombinieren lassen.

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