BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Friedrich Merz stellt Freiheit und offene Märkte in den Mittelpunkt seiner Wirtschaftspolitik. Der CDU-Chef verweist darauf, dass der Staat den Ordnungsrahmen sichern müsse, etwa bei Eigentum, Regeln und beim Umgang mit Risiken durch kritische Rohstoffe. Gleichzeitig plädiert er dafür, Anpassungsprozesse sozial abzufedern und den Umbau der Energieversorgung stärker marktbasiert auszurichten. Damit verknüpft er auch das Berlin-Wahlkampfmotto „Freiheit statt Sozialismus“ mit einer aktuellen Grundsatzdebatte.

Friedrich Merz hat in Berlin weniger über einzelne Branchenmaßnahmen gesprochen als über ein grundlegendes Steuerungsprinzip: Freiheit als Motor wirtschaftlicher Dynamik. In seiner Rede bei einer Veranstaltung der Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung griff er den Liberalismus als prägende Idee auf und bezog sich dabei ausdrücklich auf den Namensgeber der Stiftung, den österreichischen Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger Friedrich August von Hayek. Merz argumentierte, dass wirtschaftliche Anpassungsprozesse nötig seien, um Wohlstand zu erhalten – ein Punkt, der in Deutschland gerade deshalb politisch brisant ist, weil Unternehmen und Beschäftigte parallel in mehreren Transformationswellen stehen.
Besonders deutlich wurde Merz’ Schwerpunkt auf Wettbewerb als Informations- und Innovationsmechanismus. Er sagte, kein Staat könne „das notwendige Wissen zentral sammeln und die richtigen Lösungen im Voraus ermitteln“, weshalb offene Märkte und unternehmerische Freiheit nötig seien. Für technologie- und wirtschaftsnahe Entscheider ist diese Stoßrichtung mehr als ein historisches Schlagwort: Sie zielt auf die Frage, wie schnell sich Fehlanreize korrigieren lassen, wenn technische und organisatorische Optionen sich im Zeitverlauf ändern. Wettbewerb wirkt dabei wie ein kontinuierlicher Test von Annahmen – von der Produktentwicklung bis zur Skalierung von Produktion, Vertrieb und Service. Dass Merz dabei auch die Rolle des Staates als Regelsetzer hervorhob, bildet den Gegenpol zur marktgläubigen Vereinfachung: Eigentum sichern, Regeln durchsetzen und damit die Grundlage für Investitionsentscheidungen schaffen.
In den technologisch relevanten Details verschiebt Merz den Fokus von Ideologie hin zu Resilienz. Er verwies darauf, dass der Staat Risiken mindern müsse, die aus Abhängigkeiten bei kritischen Rohstoffen entstehen. Das ist eine Formulierung, die in der Praxis unmittelbar mit Lieferkettenplanung, Redundanzstrategien und der Frage verbunden ist, wie schnell ein Land oder ein Wirtschaftsraum auf Störungen reagieren kann. Merz machte außerdem deutlich, dass er breitere Bezugsquellen für wichtig hält, Recycling stärken will und auf EU-Ebene den Aufbau von Vorräten unterstützen möchte. Für Unternehmen bedeutet das: Das Risikomanagement in Einkauf und Produktion bekommt eine zweite Dimension, nämlich Verfügbarkeitspolitik als strategische Ergänzung zu reiner Kostenoptimierung.
Auch beim Energieumbau setzt Merz auf eine Verschiebung der Steuerungslogik. Er betonte, die Regierung verfolge nicht das Ende der Energiewende, sondern wolle „eine längst erfolgreiche Branche“ einem größeren Wettbewerb aussetzen. Der Ausbau erneuerbarer Energien solle sich künftig stärker an den Bedürfnissen des Marktes orientieren. In technischer Hinsicht berührt das mehrere Ebenen gleichzeitig: Investitionsentscheidungen hängen von Preis- und Nachfrageerwartungen ab, Netz- und Systemintegration von der Planbarkeit, und neue Akteure brauchen verlässliche Rahmenbedingungen. Merz versucht damit, den Spagat aus Tempo und Akzeptanz zu adressieren – allerdings verknüpft er Wettbewerb ausdrücklich mit sozialer Flankierung. Er sagte, der Staat solle, wenn nötig, Anpassungsprozesse auch sozial abfedern und stützen.
Dieser soziale Teil ist in Merz’ Argumentation nicht nachträglich, sondern Teil der Legitimationskette. Er sprach von einer „Großzügigkeit im Miteinander von Bürgerinnen und Bürgern“, also einer Haltung, die die politische und wirtschaftliche Ordnung grundsätzlich bejaht und schützt. Zugleich warnte er, diese Haltung könne in Deutschland verloren gehen. Konkreter wurde Merz bei der Diagnose: Es gebe Zweifel an Gerechtigkeit und Zukunftschancen, gerade bei der jungen Generation. Das ist politisch ein direkter Bezugspunkt zu Reformdebatten – technisch betrachtet also die Frage, ob Bildung, Arbeitsmarktintegration und wirtschaftliche Teilhabe als System so gestaltet sind, dass Menschen die Risiken von Umbrüchen nachvollziehen können, statt sie nur als Verzicht wahrzunehmen.
Die Debatte nimmt Merz zudem mit einem Wahlkampfmotiv wieder auf, das in Berlin aktuell mit Koalitionsverhandlungen verbunden ist. Er bezeichnete das CDU-Wahlkampfmotto von 1976 „Freiheit statt Sozialismus“ als zentrale Fragestellung. Für die wirtschaftliche Umsetzung heißt das: Es geht nicht nur um die Geschwindigkeit von Reformen, sondern auch um die Rollenverteilung zwischen Markt und Staat, etwa bei der Ausgestaltung von Anreizen, in der Regulierung oder bei öffentlichen Investitionen. Merz formulierte dabei eine klare Leitplanke: „Aber zugleich bleibt wahr: Es gibt den Taschenrechner nicht, der uns absolute Gerechtigkeit vorrechnen könnte.“ Der Satz macht nachvollziehbar, warum politische Entscheidungen in offenen Volkswirtschaften häufig Kompromisse darstellen: Absolute Zielgenauigkeit ist weder im Arbeitsmarkt noch im Energiesystem erreichbar, aber es lassen sich konsistente Regeln und überprüfbare Verfahren aufsetzen.
Abgerundet wurde der Auftritt durch den Bezug auf den Hayek-Preis, den die Stiftung alle zwei Jahre vergibt. Der diesjährige Preis geht an den Wikipedia-Gründer Jimmy Wales, den auch Merz würdigte. Auch wenn das außerhalb klassischer Wirtschaftspolitik liegt, lässt sich der Zusammenhang technisch deuten: Offene Märkte und Wettbewerb sind in Merz’ Argumentation eng mit dezentraler Wissensentwicklung verknüpft. Ähnlich funktioniert Wissenstransfer im digitalen Raum oft über verteilte Beiträge, Qualitätsmechanismen und iterative Verbesserung. In den kommenden Monaten dürfte Merz’ Linie deshalb vor allem für Unternehmen relevant sein, die Investitionen unter Unsicherheit planen müssen: Sie können aus der Rede eine Erwartung an stabile Ordnungsrahmen, aktive Resilienzpolitik bei Lieferketten und eine stärker marktorientierte Ausrichtung im Energiesektor ableiten.
Unterm Strich zeichnet sich Merz’ Wirtschaftsverständnis als Kombination aus Marktöffnung und staatlicher Rahmensetzung ab. Offenere Märkte sollen Ideen schneller in Produkte, Prozesse und Dienstleistungen übersetzen, während der Staat bei Eigentum, Regeln und bei Risikofaktoren wie kritischen Rohstoffen nicht zurücktreten will. Gleichzeitig will er Reformen so begründen, dass sie nicht nur ökonomisch effizient sind, sondern politisch tragfähig bleiben. Genau hier liegt der praktische Prüfstein: Ob sich die versprochene soziale Abfederung so umsetzen lässt, dass Menschen die Veränderung als kontrollierbar erleben – und ob der energiepolitische Wettbewerb tatsächlich zu mehr Geschwindigkeit führt, ohne die Systemintegration zu überfordern.
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