LONDON (IT BOLTWISE) – Core Scientific beendet die Bitcoin-Mining-Aktivität vollständig bis Jahresende und stellt sich als Anbieter von High-Density-Colocation auf KI-Kunden um. Im Quartal stammen 215,4 Millionen US-Dollar von 232,9 Millionen US-Dollar Umsatz bereits aus dem Leasing von Rechenzentrums-Kapazität, nur 17,5 Millionen US-Dollar aus dem eigenen Mining. Der Pivot wird durch langfristige Verträge mit Kunden wie CoreWeave sowie durch AMD- und Rechenzentrumsdeals bis 2028 untermauert. Gleichzeitig geraten die „Neocloud“-Aktien unter Druck, was die Tragfähigkeit der Umsatzzusagen für die Infrastrukturbetreiber zum Risiko macht.

Der Wechsel von Bitcoin-Mining zu KI-Rechenzentrumsbetrieb wirkt auf den ersten Blick wie ein Branchenklischee: Wer Strom und Hardware ohnehin im Dauerbetrieb nutzt, verkauft künftig Rechenleistung statt Hashrate. Bei Core Scientific wird daraus jedoch binnen weniger Monate eine harte Bilanz-Entscheidung. Das 2017 gegründete Unternehmen will seine Mining-Aktivitäten bis Ende des Jahres komplett beenden und anschließend als „pure-play“-Anbieter für High-Density-Colocation starten. In der Logik dahinter steckt ein nüchternes Kalkül: Die Ertragsstruktur lässt sich nur dann stabilisieren, wenn die Einnahmen weniger schwankend sind als die Erlöse aus dem eigenen Mining.
Entscheidend sind dafür die Quartalszahlen. Core Scientific meldet einen Gesamtumsatz von 232,9 Millionen US-Dollar, wobei 215,4 Millionen US-Dollar aus dem Leasing von Rechenzentrums-Kapazität stammen. Der Mining-Anteil liegt dagegen bei 17,5 Millionen US-Dollar und damit bei 7,5 % des Geschäftsumfangs. Noch deutlicher wird der Unterschied bei den Margen: Während das Self-Mining die letzten Monate mit einem groben Verlustmodus kennzeichnet, läuft die Colocation laut den Angaben mit einer Bruttomarge von rund 60 %. Auch operativ zieht das Unternehmen Konsequenzen: Ende September gab es fast 50 % weniger Miner online als noch Ende 2025.
Die Umstellung basiert nicht nur auf „Verlagerung“, sondern auch auf Abschreibungen und Vertragsschnitten, die für den neuen Geschäftsalltag Platz schaffen sollen. Bereits im ersten Quartal schrieb Core Scientific Mining-Assets in Höhe von 266,5 Millionen US-Dollar ab; als Gründe wurden schwache Bitcoin-Preise, eine „historisch niedrige Hashprice“ sowie der sinkende Wert gebrauchter Mining-Hardware genannt. Im zweiten Quartal kündigte das Unternehmen zudem eine Hardwarevereinbarung mit Block und musste hierfür einen Verlust von 41,9 Millionen US-Dollar ausweisen. Für die Umsetzung der KI-Strategie setzt Core Scientific anschließend auf langfristige Kundenbeziehungen: Mit CoreWeave bestehen seit 2024 Verträge über insgesamt 590 Megawatt an Kapazität, davon sollen etwa 485 Megawatt bereits abgerechnet werden.
Technisch bleibt das Modell nah an dem, was früher für Mining-Hallen gebraucht wurde: Infrastruktur, Strom- und Kühlleistung sowie die physischen „Halls“ werden bereitgestellt, die Mieter bringen die GPUs. Core Scientific beschreibt seinen Weg damit als Immobilien-Logik für Rechenzentren. Zusätzlich zu CoreWeave läuft ein Deal mit AMD über 530 Megawatt über fünf Standorte, mit Lieferung ab dem ersten Halbjahr 2027 und Abschluss bis Ende 2028. Zusammen kommen Core Scientific und seine Partner auf rund 1,1 Gigawatt, die nach Firmenangaben langfristig 1,8 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz und 1,6 Milliarden US-Dollar Net Operating Income erreichen sollen, sobald der Ausbau vollständig aufgebaut ist. Damit verschiebt sich das Risiko von der Volatilität der Hashrate hin zur Frage, ob die KI-Tenants und deren Finanzierung in den jeweiligen Ausbaustufen stabil bleiben.
Core Scientific ist mit diesem Schritt nicht allein. Auch Iren (früher Iris Energy) berichtet zeitgleich über einen ähnlichen Verlauf: Rückgänge bei Mining-Einnahmen und gleichzeitig stark wachsende KI-Cloud-Umsätze. In den Angaben steigt die KI-Cloud-Komponente um 182 % auf rund 200 Millionen US-Dollar, unter anderem getragen von einem Vertragsvolumen von 9,7 Milliarden US-Dollar mit Microsoft sowie weiteren Kunden, darunter NVIDIA und 13 weitere. Der Konzern formuliert den Ausstieg als laufende Konversion: In bestimmten Rechenzentren sollen Miner noch bis in Kalenderjahr 2027 betrieben werden, während die Kapazität parallel Richtung KI-Cloud überführt wird. In einer vergleichbaren Bewegung platzieren auch andere ehemalige Mining-Anbieter ihre Kapazitäten zunehmend über langfristige Rechenzentrums- oder HPC-Verträge; in Summe sprechen die Berichte von mehr als 50 Milliarden US-Dollar an KI-Verträgen bei den größten Konvertiten.
Was die Stimmung in der Branche aktuell kippen lässt, ist weniger die grundsätzliche Knappheit an Rechenzentrumsfläche als der Timing- und Finanzierungsfaktor bei den Mietern. „Neocloud“-Aktien, an denen viele der KI-Umstellungen hängen, verlieren in kurzer Zeit deutlich an Wert. Der Quellenkontext nennt dabei Kursrückgänge bei mehreren Konvertiten und verweist auf eine belastete Lage bei AI-bezogenen Investment- und Kreditmärkten. Damit entsteht für Colocation-Betreiber ein doppeltes Risiko: Einerseits hängt die eigene Einnahmeentwicklung von der Zahlungsfähigkeit der Tenants wie CoreWeave ab. Andererseits ist ein Rücksprung in den Mining-Betrieb zunehmend schwer, weil die Infrastruktur umgerüstet, die Miner abgeschrieben und die langfristigen Verträge auf GPUs ausgerichtet sind.
Gegenargumente gibt es trotzdem. Core Scientific verweist darauf, dass Mining bereits vor der Konversion keine verlässliche Gewinnmaschine war: schrumpfende Margen, steigender Energiebedarf und eine Hashprice, die nach dem 2024er Halving nicht dauerhaft zurückkehrte. Außerdem adressieren die KI-Verträge einen Engpass, der in den USA als besonders knapp gilt: gesicherte Stromzugänge und betriebsbereite Rechenzentren lassen sich nicht „über Nacht“ bauen. Aus dieser Sicht werden ex-Minern mit gesicherten Grid- und Betriebsrechten zu relevanten Infrastrukturpartnern, wenn Hyperscaler kurzfristig weniger eigene Flotten hochfahren oder Projekte verschieben. Gleichzeitig ist unklar, wie stark politische Debatten künftig den Bau und Betrieb von Rechenzentren beeinflussen; im Kontext der Berichte wird erwähnt, dass ein Teil neu gewählter Gesetzgeber Datenzentrumsregeln restriktiver gestalten oder ganz stoppen will. Für Core Scientific und die Branche entscheidet sich der Pivot daher nicht in den Mining-Grafiken, sondern daran, ob die KI-Tenants die nächsten Ausbau- und Vertragsphasen weiterhin finanzieren können.
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