KABUL / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Vereinten Nationen warnen vor einer sich zuspitzenden Hungerkrise in Afghanistan während des kommenden Winters. Nach UN-Angaben kann die Zahl der Menschen in akuter Nahrungsmittelunsicherheit von rund einem Drittel der etwa 49 Millionen Einwohner auf 19,2 Millionen steigen. Als Treiber gelten unter anderem unterbrochene Handelswege, steigende Preise und ein Rückgang internationaler Hilfsgelder. Gleichzeitig verschärft die Rückkehr vieler Menschen aus Pakistan und dem Iran den Druck auf einen ohnehin schwachen Arbeitsmarkt.

Afghanistan steuert auf einen Winter zu, der gleich mehrere Krisen gleichzeitig verschärft. Während in Kabul viele Haushalte ohnehin mit schwankender Versorgung kämpfen, verschieben steigende Lebensmittel- und Heizkosten das tägliche Kalkül immer weiter nach unten. Die Vereinten Nationen sprechen dabei nicht von einer abstrakten Wachstumsprognose, sondern von einem drastischen Anstieg der akuten Nahrungsmittelunsicherheit: Derzeit betrifft sie nach UN-Angaben rund ein Drittel der knapp 49 Millionen Afghaninnen und Afghanen. Für den Winter erwarten die Organisationen, dass diese Zahl auf 19,2 Millionen Menschen steigt – knapp zwei Millionen mehr als im Vorjahr.
Aus technischer Sicht lässt sich das Problem als Kette aus Preisweitergabe, Kaufkraftverlust und Versorgungsunterbrechung beschreiben: Wenn Handelswege stocken, gelangen Waren seltener und oft teurer in die Märkte. Genau das wird als einer der Gründe genannt – ebenso wie verschärfte Spannungen zwischen Afghanistan und Pakistan. Hinzu kommen laut den Angaben steigende Preise sowie der Rückgang internationaler Hilfsgelder. Selbst der Rückgang bzw. die Verwerfungen im Umfeld des Kriegs im Iran wirken sich der Meldung zufolge auf die Lebensmittelpreise aus, weil regionale Liefer- und Preisströme dann nur noch eingeschränkt planbar sind.
Besonders deutlich wird die Preisdynamik bei mehreren Grundnahrungsmitteln. Das Welternährungsprogramm nennt unter anderem Reis und Mehl als besonders teurer gewordene Produkte; Kartoffeln kosteten zuletzt 37 Prozent mehr als im Vorjahr. In einer Situation, in der nicht nur ein Luxusproblem entsteht, sondern auch die Grundkosten des Alltags, wird der Arbeitslohn zur zentralen Stellschraube. Für einen ungelernten Tagelöhner bedeutet das laut den Angaben: Arbeit findet derzeit nur an etwa zwei Tagen pro Woche statt, der Tagesverdienst liegt im Schnitt bei 300 Afghani, umgerechnet etwa vier Euro. In Kabul kann er dafür nicht ganz drei Kilogramm Reis niedrigerer Qualität kaufen – ein Unterschied, der bei mehreren Haushaltsmitgliedern schnell in Hunger statt in Versorgung übersetzt.
Zusätzlichen Druck erzeugt die Rückkehr großer Bevölkerungsgruppen. Für dieses Jahr werden nach Angaben des UNHCR 1,2 Millionen Menschen genannt, die aus Pakistan und dem Iran nach Afghanistan zurückgekehrt sind; seit der Machtübernahme der Taliban im August 2021 seien insgesamt mehr als vier Millionen zurückgekehrt. Viele dieser Rückkehrer suchen nun Arbeit in einem Land, in dem Beschäftigung bereits knapp ist. Tagelöhner und Kleinhändler hängen besonders von schwankender Nachfrage ab; wenn dann zusätzlich Heizmaterial bezahlt werden muss, entsteht ein Zielkonflikt zwischen Nahrung, Miete und Wärme. Auch weil Pakistan und Afghanistan sich über Sicherheitsvorwürfe streiten, werden weitere Zwangsdeportationen in pakistanischen Grenzprovinzen befürchtet – was die Unsicherheit in den Haushalten weiter erhöht.
Wie sich diese Gemengelage im Alltag konkret auswirkt, zeigen die Schilderungen aus Kabul mit Namen und individuellen Routinen. Im Text wird berichtet, wie Imran Ullah in kleinen Pappbechern Hühnersuppe verkauft; vor der Abschiebung habe er in einem Goldgeschäft nahe Islamabad gearbeitet, doch nun reicht das Einkommen kaum für Brot und die Familie muss priorisieren. Hadschi Safiullah Khan beschreibt dagegen, dass seine Familie weniger kaufe und zu günstigeren Lebensmitteln greife; teilweise werde angeschrieben, und er selbst lasse bereits Mahlzeiten aus, damit seine Kinder genug zu essen hätten. Solche Muster sind in Krisen nicht selten, aber sie machen hier einen entscheidenden Punkt sichtbar: Wenn Einkommensphasen ausfallen und gleichzeitig Preise steigen, verschiebt sich der Weg von „knapp, aber handhabbar“ zu „unerschwinglich“ – und zwar nicht nur für einzelne Produkte, sondern für ganze Ernährungsregime.
Die Krise ist dabei nicht nur humanitär, sondern auch politisch und damit markt- und strukturbedingt. Internationale Geber stehen laut den Angaben im Spannungsfeld zwischen der Notwendigkeit, Hilfe zu leisten, und dem Umgang mit den Taliban – deren Politik insbesondere bei Frauenrechten international kritisiert wird. Wenn Hilfsleistungen sinken, fehlt zugleich jener Puffer, der staatliche und private Versorgungssysteme kurzfristig stabilisieren könnte. Gerade in einem Land, dessen wirtschaftliche Strukturen die Versorgung vieler Menschen nicht zuverlässig auffangen, wird die Lücke zwischen Bedarf und Unterstützung im Winter besonders sichtbar: kleinere Einkäufe, ausgelassene Mahlzeiten und Schulden bei Händlern. Die von den Vereinten Nationen genannte Zahl von 19,2 Millionen Menschen in akuter Nahrungsmittelunsicherheit würde den bereits hohen Hilfebedarf im Winter weiter erhöhen.
Für die nächsten Monate wird entscheidend sein, ob humanitäre Organisationen ihre Unterstützung aufrechterhalten können und ob Grenz- und Wirtschaftsbeziehungen zumindest so stabil bleiben, dass Warenströme nicht weiter abreißen. Aus Sicht der Umsetzer bedeutet das vor allem Planbarkeit: Wer heute nicht einkauft, weil der Preis unklar oder die Logistik unsicher ist, muss morgen mit noch höheren Kosten operieren. Gleichzeitig steigt der Druck auf den Arbeitsmarkt durch die Rückkehrbewegungen, sodass sich Engpässe in der Einkommensseite in der Ernährung spiegeln. Für Unternehmen und Organisationen, die Hilfsgüter liefern, Transporte finanzieren oder lokale Lieferketten unterstützen, entsteht daraus ein klares Bild: Nicht ein einzelner Hebel entscheidet, sondern das Zusammenspiel aus Kaufkraft, Lieferfähigkeit und dauerhafter Finanzierung über den Winter hinweg.
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