GREIFSWALD / LONDON (IT BOLTWISE) – Das Friedrich-Loeffler-Institut stuft mehrere Risiken im Zusammenhang mit Vogelgrippe höher ein. Vor allem Eintrag und Aus- und Weiterverbreitung zwischen Wildvögeln in Deutschland gelten nun als hoch. Auch das Risiko von Einträgen in deutsche Haltungen durch Kontakte zu Wildvögeln steigt von moderat auf hoch. Gleichzeitig bleibt das Verschleppen zwischen Haltungen innerhalb von EU und Deutschland laut Einschätzung moderat.

Mit sinkenden Temperaturen und dem Beginn des Vogelzugs nimmt das Infektionsgeschehen bei Vogelgrippe laut einer aktuellen Risikoeinschätzung wieder an Dynamik zu. Nachdem die Lage bis in den September hinein vergleichsweise ruhig gewesen sei, melden sich seit Oktober erneut mehr Nachweise sowohl bei Wildvögeln als auch in Geflügelhaltungen. Diese zeitliche Kopplung an Zugbewegungen und Wetter ist für das Tiergesundheitsmonitoring entscheidend, weil das Virus dadurch nicht nur punktuell auftaucht, sondern günstige Bedingungen für weitere Übertragungswege bekommt.
Besonders relevant ist dabei die neue Einstufung des Friedrich-Loeffler-Instituts (FLI) für mehrere Risikofaktoren. Das Risiko eines Eintrags sowie der Aus- und Weiterverbreitung zwischen Wildvögeln in Deutschland wird nun als hoch bewertet. Zugleich rückt auch die Frage in den Fokus, wie leicht sich die Erreger von Wildvögeln in Geflügelhaltungen übertragen lassen: Das Risiko von Einträgen in deutsche Haltungen durch direkte und indirekte Kontakte zu Wildvögeln wurde von „moderat“ auf „hoch“ angehoben. Andere Aspekte bleiben hingegen differenziert; das Verschleppen zwischen Haltungen innerhalb der EU und Deutschlands stufe das FLI weiterhin als moderat ein, vorher hieß es hier „gering“.
Für die Behörden- und Betriebsplanung spielt zudem die zeitliche Häufung der Nachweise in Norddeutschland eine Rolle. In Niedersachsen wurde der Erreger demnach in einem Putenbestand mit 6.000 Tieren im Landkreis Aurich nachgewiesen; die betroffenen Tiere wurden gekeult. Ebenfalls in der zurückliegenden Woche gab es einen Nachweis in einer Haltung im Kreis Segeberg in Schleswig-Holstein, wo bereits Ende Oktober ein Betrieb betroffen gewesen war. Schließlich wurde der erste Nachweis dieser Saison in Mecklenburg-Vorpommern gemeldet: Im Landkreis Rostock traf es eine Putenhaltung mit rund 6.000 Tieren. Solche Cluster sind häufig der sichtbare Teil eines größeren Netzwerkes aus Wildvogelbewegungen, Umweltkontamination und Kontaktketten, selbst wenn einzelne Betriebe wie „Auslöser“ erscheinen.
In der Praxis folgt auf einen Nachweis meist ein Bündel aus Maßnahmen, das sich am Risiko- und Kontaktprofil orientiert. Ein Nachweis zieht in der Regel die Tötung des gesamten Bestands nach sich und führt zur Einrichtung von Schutz- beziehungsweise Überwachungszonen. In diesen Zonen gelten strengere Vorsichtsmaßnahmen, weil sich das Virus über Wege einschleusen kann, die im Betrieb zunächst unsichtbar wirken: Dazu gehören etwa kontaminierte Ausrüstung, Fahrzeuge, Einstreu oder indirekte Kontaktpunkte zwischen Bereichen, die im Tagesgeschäft häufig ohnehin stark miteinander verzahnt sind. Gerade die Kombination aus Kälte, Feuchte und wiederkehrenden Zugbewegungen erhöht dabei die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus länger in der Umwelt aktiv bleibt.
Das FLI macht den Zusammenhang zwischen Wetter und Persistenz des Virus explizit: Kälte spiele dem Erreger in die Karten. Je kälter und feuchter es ist, desto länger bleibe das Virus in der Umwelt, etwa in Ausscheidungen infizierter Vögel, aktiv. Gleichzeitig kann ein Kälteeinbruch die Bewegung der Wildvogelpopulationen verstärken: Tiere wandern dann vermehrt in wärmere Regionen ab, und es kommt zu Mischungen verschiedener Populationen aus unterschiedlichen Regionen. Diese Mischung begünstigt nach Einschätzung der Sprecherin die Virusübertragung, weil dadurch Kontakte entstehen, die in geografisch isolierten Phasen seltener wären.
Für die Erwartungshaltung ist außerdem der Blick auf die Vorjahre wichtig. So sei die Lage bislang nicht so dramatisch wie im Herbst des Vorjahres, als unter anderem in einem vorher nicht dagewesenen Ausmaß Kraniche betroffen waren. Die Einordnung der Experten fällt daher zurückhaltend aus: Im Vergleich zum sehr starken Vorjahr bleibt die Situation aktuell eher verhalten. Gleichzeitig betont das Institut, dass gerade jetzt aufgrund der Witterungsverhältnisse und möglicher Wildvogelbewegungen mit weiteren Fällen zu rechnen ist. Eine belastbare Prognose, wie stark das Infektionsgeschehen in dieser Saison ausfällt, sei nicht möglich, weil mehrere Faktoren zusammenwirken – von Zugdynamik über Umweltbedingungen bis hin zu Zeitpunkt und Intensität von Nachweisen.
Auf Unternehmensebene verschiebt eine höhere Risikoeinstufung vor allem den Planungsdruck. Geflügelhalter, Tiergesundheitsdienste und regionale Veterinärstrukturen müssen damit rechnen, dass sich die Zahl relevanter Ereignisse weiter erhöht, und sie können die Erfahrungen aus früheren Ausbruchsphasen unmittelbar in Betriebsabläufe übertragen: von strengeren Hygieneroutinen über die Organisation von Kontaktwegen bis hin zu schnelleren Entscheidungsprozessen im Verdachts- oder Nachweisfall. Gleichzeitig bleibt die Lage regional unterschiedlich, was im Monitoring und in der Ressourcenzuteilung spürbar wird. Für die nächsten Wochen gilt deshalb: Nicht nur „ob“ weitere Nachweise kommen, sondern auch „wann“ und „wo“ – und genau das macht die aktualisierte Bewertung des FLI für die operative Vorbereitung so relevant.
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