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MÜNCHEN / WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Laut Allianz-Umfrage steigt die wahrgenommene Ablenkung durch moderne Fahrzeugfunktionen deutlich an. Bei mehr als einem Drittel der befragten Autofahrer: innen kam es durch Touchscreen-Bedienung bereits zu mindestens einer kritischen Situation. Die Organisation verweist zudem auf Auswertungen, die den Anteil von Ablenkung an Unfällen deutlich höher beziffern als frühere Schätzungen. Gleichzeitig fordert sie sicherheitsoptimierte Cockpits, klarere Regeln und eine bessere Mensch-Maschine-Interaktion.

Ablenkung am Steuer: Allianz-Zahlen sehen mehr Unfälle durch Touchscreen
Ablenkung am Steuer: Allianz-Zahlen sehen mehr Unfälle durch Touchscreen (Foto: IT BOLTWISE)
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Beim 14. Allianz Motor Day stand Ablenkung am Steuer im Mittelpunkt – und die Diskussion trifft einen Kernpunkt moderner Fahrzeugentwicklung: Fahrzeuge werden immer stärker zu digitalen Interaktionsräumen. Laut Allianz zeigen neue Untersuchungen, dass Ablenkung nicht nur subjektiv als wachsendes Problem wahrgenommen wird, sondern auch in den eigenen Analysen spürbar stärker mit dem Unfallgeschehen verbunden ist als frühere Annahmen. Während früher von etwa 10 Prozent der Verkehrsunfälle ausgegangen wurde, nennen die aktuellen Auswertungen einen Anteil von mehr als 30 Prozent. Damit verschiebt sich die Gewichtung in der Sicherheitsdebatte: Nicht allein Geschwindigkeit und Verkehrsfluss, sondern auch Bedienkonzepte im Cockpit werden zur zentralen Stellschraube.

Die Nutzerperspektive macht die Relevanz zusätzlich greifbar. In einer Umfrage unter 1.200 Autofahrer: innen in Österreich sind 79 Prozent überzeugt, dass Ablenkung durch Technologien im Fahrzeug in den vergangenen Jahren zugenommen hat. 58 Prozent stufen das Risiko inzwischen als hoch oder sehr hoch ein. Auffällig ist außerdem die Trennschärfe zwischen allgemeiner Angst und persönlicher Erfahrung: 31 Prozent geben an, während der Fahrt mindestens eine kritische Situation durch die Touchscreen-Bedienung erlebt zu haben. Noch stärker wird das Risiko dort, wo es bereits zu einem Unfall kam: 70 Prozent der Fahrer: innen, die in den vergangenen drei Jahren einen Unfall verursacht haben, halten Ablenkung für eine definitive oder mögliche Ursache.

Technisch wird das Problem in der Meldung nicht nur moralisch adressiert („weniger am Handy“, „besser aufpassen“), sondern auch als Frage der Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine. In der Befragung zeigt sich zwar, dass viele Verantwortung bei sich selbst sehen: 85 Prozent sind der Meinung, in erster Linie müssten Fahrer: innen Ablenkung reduzieren. Gleichzeitig bleibt das Bedien-Setup der Fahrzeuge ein Restrisiko, weil die Bedienlogik immer mehr Blickwechsel erfordert. Der Bericht kritisiert dabei insbesondere Touchbedienungen, weil zentrale Funktionen wie Klimaanlage oder Radio oft mehrere Eingaben im Menü verlangen – und damit den Blick länger und häufiger vom Verkehrsgeschehen weglenken. Als Gegenpol zur „Everything on Screen“-Philosophie fordert die Allianz daher sicherheitsoptimierte Cockpits, die bestimmte Funktionen stärker über physische Schalter und Tasten abbilden: Zwei Drittel der Befragten (66 Prozent) würden bestimmte Fahrzeugfunktionen lieber klassisch statt über Touch bedienen.

Dass Ablenkung messbar gefährlich sein kann, leiten die Veranstalter aus der Kombination mehrerer Forschungsstränge ab. Die Ergebnisse stützen sich nach Angaben der Allianz auf Analysen von mehr als 34.000 Unfällen, Eye-Tracking-Studien in realen Fahrzeugen, eine Fahrsimulation mit der Technischen Universität München, kognitive Modellierung kritischer Verkehrssituationen mit cogniBIT sowie eine internationale, repräsentative Fahrerbefragung in neun Ländern (je 1.200 Personen). Ergänzt wird das Ganze durch die Auswertung von mehr als 80 veröffentlichten Studien. Im Fokus stehen dabei nicht nur durchschnittliche Reaktionszeiten, sondern konkret, wie sich Blickabwendung in kritischen Situationen auf das Kollisionsrisiko auswirkt. In einem simulierten Notbrems-Szenario auf der Autobahn steigt demnach der Unfallanteil von 18,2 Prozent bei aufmerksamen Fahrer: innen auf 54,3 Prozent bei abgelenkten Fahrer: innen; bei einem Szenario, in dem ein Kind unvermittelt die Fahrbahn betritt, erhöht sich die Unfallquote von 3,9 Prozent auf 11,2 Prozent. Besonders alarmierend: In 39 Prozent dieser Fälle reagierten abgelenkte Fahrer: innen gar nicht.

Der Bericht verknüpft die Zahlen zudem mit einer kontroversen, aber klar formulierten Vergleichslogik: Ablenkung kann in bestimmten Situationen gefährlicher sein als ein simulierten Blutalkoholwert von 0,8 Promille. Unabhängig davon, wie man solche Vergleiche im Detail bewertet, wird die Stoßrichtung deutlich: Zeitkritische Eingriffe erfordern volle kognitive und visuelle Ressourcen, und Blickwechsel können diese Ressourcen unter Umständen stärker beeinträchtigen als viele andere Faktoren. Die Allianz argumentiert außerdem, Ablenkung sei nicht allein ein Verhaltensproblem, sondern auch „Design-Folge“. Genau hier liefert die Studie laut Meldung eine praktische Ableitung für Entwicklerteams: Bei identischen Alltagsaufgaben führte ein günstiger gestaltetes Bedienkonzept zu bis zu 25 Prozent weniger visueller Aufmerksamkeit – entsprechend rund drei Sekunden weniger Blickabwendungszeit. Für die Produktentwicklung bedeutet das: Das UI/UX-Design des Cockpits ist nicht „nice to have“, sondern Sicherheitsfunktion.

In diesem Kontext bringt die Allianz auch eine klare Position gegenüber aktuellen Nutzergewohnheiten ein. Das Smartphone bleibt demnach ein eigenständiger Risikofaktor: 40 Prozent der Befragten geben an, zumindest selten oder zumindest gelegentlich während der Fahrt Textnachrichten zu schreiben – und damit den Blick zusätzlich zu ablenkenden Fahrzeugoberflächen zu binden. Parallel dazu wird die These „Das Auto ist kein Smartphone“ betont, weil digitale Bedienlogik in Fahrzeugelemente wandert, die früher ohne Blickkontakt steuerbar waren. Wenn Bedienabläufe heute tiefer in Menüs abtauchen, werden aus kurzen Gesten längere Informationswege. Die Studie fordert deshalb verbindliche Empfehlungen, welche Funktionen über physische Schalter gesteuert werden sollten und welche sich für Touch eignen, ohne die Aufmerksamkeit unverhältnismäßig lange zu binden. Genau diese Verknüpfung aus Forschung zu Mensch-Maschine-Interaktion und konkreter Designvorgabe adressiert eine Lücke, die viele Organisationen in der Praxis spüren: Sicherheitsanforderungen werden im Entwicklungsprozess oft separat betrachtet, obwohl die Bedienoberfläche den Sicherheitsoutput direkt mit beeinflusst.

Mit dem veröffentlichten Bericht „SWIPE. TAP. CRASH. Ablenkung am Steuer im digitalen Auto“ liefert die Allianz zugleich eine Agenda für die nächsten Schritte in Forschung und Industrie. Für Autohersteller und Zulieferer geht es dabei um messbare Kriterien: Wie viel Blickabwendung erzeugen konkrete Interaktionspfade, wie robust ist die Bedienung unter Stress, und wie lässt sich die Bedienlogik so vereinfachen, dass sie auch im Notfall nicht „menügetrieben“ wirkt? Für Software-Teams in der Automobilwelt ist zudem relevant, dass die Studie nicht nur auf generische Verhaltensappelle setzt, sondern auf die Gestaltung einzelner Bedienvorgänge. Angesichts der schnellen Verbreitung neuer Cockpit-Funktionen dürfte das Thema außerdem in Test- und Validierungsprozesse wandern: Eye-Tracking, kognitive Modelle und standardisierte Aufgabenprofile könnten schneller in die Qualitätssicherung integriert werden, statt erst spät im Freigabeprozess zu überraschen.


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