LONDON (IT BOLTWISE) – Das American College of Cardiology fordert, körperliche Aktivität stärker als verordnungsfähigen Bestandteil in die Herz-Kreislauf-Prävention zu integrieren. In der Stellungnahme werden 5.000 bis 7.000 Schritte pro Tag als praktikabler Zielbereich genannt, der mit geringeren Risiken verbunden ist. Zusätzlich plädiert die Fachgesellschaft für individualisierte Trainingspläne, ergänzt durch Krafttraining. Für viele Menschen sei laut ACC kein routinemäßiger Belastungstest vorab nötig.

Im Zeichen der Herz-Kreislauf-Vorsorge verschiebt das American College of Cardiology (ACC) den Fokus weg von allgemeinen Appellen hin zu konkreter, medizinisch anschlussfähiger Bewegung. In einer Stellungnahme, die Mitte Oktober 2026 im Journal of the American College of Cardiology veröffentlicht wurde, wird körperliche Aktivität als Baustein beschrieben, der in Prävention und Behandlung systematisch eingesetzt werden sollte. Der entscheidende Impuls: Empfehlungen sollen nicht nur „mehr bewegen“ sagen, sondern Trainingsdosen so anpassen, dass sie im Alltag messbar umsetzbar sind.
Besonders pointiert wird dabei die Rolle der kardiorespiratorischen Fitness. Laut Jonathan Myers, Vorsitzender des zuständigen ACC-Komitees, steigt das Risiko für kardiovaskuläre Erkrankungen bei niedriger Fitness mindestens ähnlich stark wie bei klassischen Faktoren wie Rauchen, arterieller Hypertonie, erhöhten Cholesterinwerten oder Diabetes. Diese Perspektive erklärt, warum Schritte und Trainingsvolumen in der Praxis oft zu kurz greifen: Bewegung wird zwar vielfach empfohlen, aber in Behandlungsroutinen selten so „verordnet“, dass Patientinnen und Patienten eine klare Zielgröße, eine passende Intensität und eine realistische Progression erhalten.
Als pragmatische Orientierung nennt die Fachgesellschaft bei vielen Erwachsenen 5.000 bis 7.000 Schritte pro Tag. In den Angaben des ACC zeigt sich die größte relative Risikominderung nicht beim letzten Feinschliff, sondern beim Wechsel von völliger Inaktivität hin zu moderat mehr Aktivität. Gleichzeitig betont die Stellungnahme: Die Dosis-Zufuhr ist nicht nur eine Frage des „Ob“, sondern auch des „Wie viel“ und „Wie angepasst“. Genau hier setzt auch die Empfehlung zur Individualisierung an – Bewegungsempfehlungen sollen sich an Gesundheitszustand, funktioneller Kapazität, persönlichen Zielen und bestehenden Symptomen orientieren.
Technisch betrachtet lässt sich das Zusammenspiel aus Aerobic und Krafttraining gut als zwei Hebel denken. Das ACC empfiehlt, Krafttraining als Ergänzung zum aeroben Ausdauertraining zu nutzen, statt es nur als allgemeines Fitnessprogramm zu behandeln. Außerdem werden Wearables sowie virtuelle oder häusliche Rehabilitationsmodelle als unterstützende Werkzeuge genannt, um Trainingspläne im Alltag zu überwachen und zu steuern. Für viele Betroffene bleibt die strukturierte kardiale Rehabilitation allerdings die primäre Maßnahme, weil sie engmaschig an Symptome, Belastbarkeit und Therapieziele gekoppelt ist.
Auf der diagnostischen Seite nimmt die Stellungnahme vielen Menschen die Hürde vorabgenommener Tests. Ein routinemäßiger Belastungstest vor Trainingsbeginn sei laut ACC für die Mehrheit nicht erforderlich. Stattdessen sollen Ärztinnen und Ärzte Anamnese, Symptomatik, funktionelle Kapazität und die geplante Belastungsintensität prüfen. Eine Ergometrie bleibt demnach speziellen Konstellationen vorbehalten, etwa bei Personen ab 35 Jahren mit relevanter Familienanamnese für frühe Herzinfarkte bei Verwandten ersten Grades oder bei mehreren kombinierten Risikofaktoren wie Bluthochdruck, Rauchen und Hypercholesterinämie.
Die Evidenzlage stützt die Richtung über mehrere Ebenen: Alltagsbewegung, kurze Belastungen und Muskeltraining. In einer im August 2026 veröffentlichten Metaanalyse aus dem American Journal of Cardiovascular Drugs, die neun Studien mit mehr als 480.000 Teilnehmenden zusammenführt, wird das Potenzial kurzer Aktivitätsblöcke herausgestellt. Das tägliche Bewältigen von rund 60 bis 70 Stufen – entsprechend etwa vier bis fünf Treppenläufen – war dabei mit einem um 39 Prozent geringeren Risiko für kardiovaskulären Tod und mit einer um 24 Prozent reduzierten Gesamtmortalität assoziiert. Ergänzend verweist eine systematische Übersichtsarbeit im American Journal of Preventive Medicine auf regelmäßiges Muskeltraining: Gegenüber Inaktivität zeigte sich ein um 19 Prozent niedrigeres Risiko für kardiovaskuläre Mortalität. Besonders deutlich wird demnach der Nutzen bei ungefähr 60 Minuten Krafttraining pro Woche, während die Kombination aus Kraft- und Ausdauertraining den größten Gesamteffekt liefern kann.
Auch mit Blick auf das Zeitmanagement wird in der Stellungnahme ein realistisches Bild gezeichnet. Aus Daten des Corrigan Minehan Heart Center am Massachusetts General Hospital geht hervor, dass konzentrierte Trainingseinheiten am Wochenende – solange sie das empfohlene Wochenvolumen erreichen – bei der Risikoreduktion chronischer Erkrankungen ähnliche Assoziationen zeigen wie eine Verteilung über die gesamte Woche. Entscheidend ist demnach weniger die minutiöse Taktung im Tagesverlauf als das erreichte Gesamtvolumen an Bewegung. Für die Umsetzung heißt das: Schrittziele lassen sich als „messbare Verordnung“ in Routinen übersetzen, während Krafttraining als planbarer zweiter Baustein die Fitnesskomponenten ergänzt, die reine Schrittvorgaben allein typischerweise nicht abdecken.
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