WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind laut den Angaben auf einem Symposium für Gendermedizin in Wien die häufigste Todesursache bei Frauen. Ein unauffälliges Elektrokardiogramm (EKG) bedeutet dabei nicht automatisch, dass das Herz gesund ist, weil sich Infarktsymptome bei Frauen häufiger anders zeigen. Zusätzlich verzögern abweichende Krankheitszeichen offenbar Notfallbehandlungen. Der Bericht beleuchtet auch Unterrepräsentanz in Studien und typische Risikotreiber wie Schwangerschaftsdiabetes, Entzündungsprozesse und Wechseljahrsveränderungen.

Auf einem Symposium für Gendermedizin in Wien wurde deutlich gemacht, wie stark Herz-Kreislauf-Erkrankungen das Leben von Frauen prägen. Demnach stirbt jede dritte Frau an einer Herz-Kreislauf-Erkrankung, während im Vergleich etwa jede 25. Frau an Brustkrebs verstirbt. Gleichzeitig weist die Kardiologie darauf hin, dass ein vermeintlich „unauffälliges“ Elektrokardiogramm (EKG) bei Patientinnen keine Sicherheitsgarantie für ein gesundes Herz ist. Gerade diese Mischung aus hoher Belastung und diagnostischer Trugspur ist für medizinische Abläufe im Alltag entscheidend: Notfallteams müssen Symptome ernst nehmen, auch wenn die erste Messung noch keine eindeutigen Muster zeigt.
Die Ursache liegt nicht nur in einzelnen Laborwerten, sondern in der Art, wie sich ein akutes Koronargeschehen bei Frauen manifestieren kann. Laut Angaben aus einer Übersichtsarbeit im Journal of the American Heart Association kann ein Infarkt bei Frauen häufiger über Atemnot, Übelkeit und Erbrechen auftreten. Dazu kommen Schmerzen zwischen den Schulterblättern sowie eine untypische Kombination aus ungewöhnlicher Müdigkeit und Schwindel. Weitere Warnzeichen reichen von kalten Schweißausbrüchen bis zu Brustdruck, außerdem treten Schmerzen im Kiefer-, Hals- oder Rückenbereich auf. Damit verschiebt sich das klinische „Suchmuster“ in der Notaufnahme: Wer primär auf klassische Brustschmerzen achtet, kann wichtige Hinweise übersehen.
Dass Infarkte bei Frauen öfter übersehen werden, passt auch zu Beobachtungen zur Versorgungsgeschwindigkeit und Behandlungsentscheidung. In einem Bericht vom 23. Oktober 2026 wird beschrieben, dass Frauen Herzinfarkte seltener überleben als Männer und bei gleichen Schmerzen weniger häufig mit Schmerzmitteln versorgt werden. Auch bei Brustschmerzen sind Palpitationen, Unwohlsein und Nervosität nicht selten, was klinisch leicht mit Angststörungen verwechselt werden kann. Für die Praxis heißt das: Die Differenzierung darf nicht erst „nach“ einem EKG passieren, sondern muss parallel laufen – also mit strukturierten Anamnese- und Risikofaktoren-Checks, die geschlechtsspezifische Symptomprofile einbeziehen.
Technisch betrachtet spielen zudem Faktoren eine Rolle, die sich nur indirekt im EKG widerspiegeln. Ein EKG bildet die elektrische Aktivität des Herzens ab, aber es ist Momentaufnahme und kann in frühen Phasen oder bei bestimmten Konstellationen unauffällig bleiben. In der Story wird genau diese Lücke angesprochen: Ein normales EKG schließt bei Patientinnen eine kardiale Ursache nicht sicher aus. Dazu kommt, dass bei einem plötzlichen Herzstillstand im öffentlichen Raum laut kardiologischen Fachberichten aus dem Oktober 2026 Frauen eine geringere Chance haben, von Ersthelfenden reanimiert zu werden. Das ist weniger eine Frage der Kurve am Monitor als eine Frage von Aufmerksamkeit, Schulung und Handlungsbereitschaft in der ersten Minute.
Für die Risikoprofile wird in dem Beitrag sowohl ein biografischer als auch ein molekularer Blick gefordert. Neben klassischen Treibern wie Bluthochdruck, Rauchen, erhöhtem Cholesterin, Übergewicht und Bewegungsmangel werden frauenspezifische Gegebenheiten genannt. Laut dem Journal of the American Heart Association gehören dazu Schwangerschaftsdiabetes, Präeklampsie und Autoimmunerkrankungen. Die Kardiologin Alayde Rivera von der brasilianischen Einrichtung Santa Casa Maceió ordnet das international ein und betont, dass kardiovaskuläre Erkrankungen auch in Brasilien zu den führenden Todesursachen weiblicher Patientinnen zählen. In den Wechseljahren steigt demnach das Risiko unter anderem durch den Estrogenabfall, besonders bei Diabetes, Bluthochdruck, früher Menopause oder nach einer Ovarektomie; eine Hormontherapie könne zwar typische Beschwerden lindern, eigne sich aber nicht zur Prävention von Infarkten oder Schlaganfällen.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Entzündungsprozessen als potenzieller Brückentechnologie zwischen verschiedenen Krankheitsbildern. Auf einem MedTech-Konferenz-Panel in Boston forderte Dr. Kathleen Jordan von Midi Health mehr Forschung zu Entzündungsprozessen bei Frauen, weil sie eng mit Herz-Kreislauf-Leiden, Demenz und Krebs verknüpft seien. Die norwegische Tromsø-Studie im European Heart Journal Open wird dabei als Größenordnung genannt: 42.907 Teilnehmende im Alter von 35 bis 104 Jahren. Wenn Entzündung tatsächlich ein gemeinsamer Mechanismus ist, dann wird Prävention auch stärker zu einer Ernährungs- und Stoffwechselfrage. Im Beitrag wird daher eine entzündungshemmende Ernährung als wachsender Fokus beschrieben, ohne dass das die klassischen Risikofaktoren ersetzen soll.
Besonders deutlich wird die strukturelle Dimension, wenn es um Daten und Studienauslegung geht. Im Beitrag heißt es, dass Frauen in der Medikation und klinischen Forschung weiterhin unterrepräsentiert sind. Rab wird so dargestellt, dass Frauen bei blutgerinnungshemmenden Medikamenten ein um 40 Prozent höheres Risiko für Blutungskomplikationen tragen könnten, während eine gezielte Dosisanpassung mangels aussagekräftiger Studien derzeit fehle. Alicia Chong Rodriguez von Bloomer Tech kritisiert auf dem Panel in Boston, dass Patientinnen nicht nur ein „Nachgedanke“ in Studien sein dürften. Ergänzend fordert Dr. Laura Mauri von Medtronic eine gezielte Überrepräsentation von Frauen und insbesondere Women of Color in Datensätzen, um historische Ungleichheiten auszugleichen.
Die Konsequenzen dieser Ungleichheit lassen sich auch in historischen Versorgungsdaten greifbar machen. Der Deutsche Herzbericht 2016 wird im Beitrag als Hintergrund genannt: Im Erhebungsjahr 2014 starben in Deutschland 110.915 Frauen und 97.061 Männer an Herzerkrankungen. Bei Herzschwäche lag die Sterbeziffer weiblicher Patienten bei 68,9 pro 100.000 Einwohner (28.513 Fälle), verglichen mit 40,3 bei Männern (16.038 Fälle). Gleichzeitig wird beschrieben, dass Frauen 2015 nur 35,4 Prozent der Linksherzkatheter-Untersuchungen und 22 Prozent der Bypass-Operationen ausmachten (11.521 von 51.941 Eingriffen). Für Entscheider bedeutet das: Selbst wenn Leitlinien grundsätzlich geschlechtsneutral formuliert sind, entscheidet die Umsetzung im Einzelfall über Diagnostik, Therapie und letztlich Ergebnisqualität.
Unterm Strich zeigt die Meldung eine Verschränkung aus Biologie, Erkennung und Evidenz. Dass ein EKG bei Frauen nicht zwangsläufig Entwarnung signalisiert, ist dabei weniger ein „Messfehler“ als ein Hinweis auf die Grenzen eines einzelnen diagnostischen Werkzeugs. Wenn Symptome wie Atemnot, Übelkeit, Schwindel, Rücken- oder Kieferschmerzen häufiger auftreten, muss die Notfallkette entsprechend angepasst werden – von Triage und Anamnese bis zur Entscheidung über weiterführende Diagnostik. Gleichzeitig verweist die aufgezeigte Unterrepräsentanz in Studien darauf, dass spätere Anpassungen in Dosisfindung und Nutzen-Risiko-Abwägung nicht „automatisch“ passieren. Wer Patientinnenversorgung verbessern will, braucht deshalb nicht nur bessere Algorithmen für die Bild- und Kurvenauswertung, sondern auch bessere Datengrundlagen, die geschlechtsspezifische Pfade von Erkrankung und Versorgung abbilden.
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