MEXIKO-STADT / LONDON (IT BOLTWISE) – In der Hitze der WM-Playoffs setzen Teams auf Kälte-Management statt nur auf Trinkpausen: Adidas liefert „Climacool“-Jackets, kühlende Westen und Overshoes. Die Systeme sollen ein „Cooling Microclimate“ um den Körper schaffen, die Kerntemperatur messbar senken und die Erholung beschleunigen. Von der Formel 1, wo Mercedes sie ab 2025 als „space jackets“ testete, wandert die Technik jetzt in den Fußball. Entscheidend sind dabei passgenaue Materialien, schnelle An- und Ausziehprozesse sowie die Anpassung an typische Trainings- und Halbzeit-Routinen.

Die diesjährige Hitzewelle in den USA trifft den Weltcup nicht nur als Schlagzeile, sondern als konkretes Leistungsproblem: In vielen Stadien liegt die Temperatur während der entscheidenden K.-o.-Spiele nahe an oder über 38 Grad Celsius, dazu kommt hohe Luftfeuchtigkeit und die Wahrscheinlichkeit von Gewittern. Für Teams entscheidet deshalb nicht allein die Trink- und Pausendisziplin, sondern wie schnell Athletinnen und Athleten ihre Körpertemperatur nach Belastungsphasen wieder in einen handhabbaren Bereich bekommen. Genau hier setzt Adidas mit dem „Climacool“-System an, das als mehrschichtige Kältestrategie in Form von Jackets, Kühlwesten und Overshoes gedacht ist.
Auf den ersten Blick wirken die silbern wirkenden, weiten Jacken wie ein Ausrüstungs-Statement – tatsächlich sind sie Teil eines thermischen Designs, das auf „Body temperature management“ abzielt. Laut Margherita Raccuglia, Director of Athlete Performance bei Adidas, begann der Fokus auf Athletenkühlung bereits 2012; erste marktfähige Produkte wurden dann vor den Olympischen Spielen in Rio 2016 erprobt. Die Entwicklung stützt sich auf Forschung mit Hochschulpartnern und auf die eigene Innovationsumgebung: In einem klimatischen Prüfaufbau lassen sich Bedingungen simulieren, unter denen Sportlerinnen und Sportler später real trainieren. Diese Kombination macht aus dem „Trick“ fürs Abkühlen ein reproduzierbares System.
Technisch betrachtet nutzen die Komponenten ein Mikroklima-Prinzip. Raccuglia beschreibt, die Jacke solle eine Art „Cooling microclimate“ um den Körper erzeugen: Die Jacke ist bewusst oversized, damit Luft zirkulieren kann, während die Außenlinie weitgehend luftdicht wirkt, damit die kalte Luft nicht entweicht. Eine reflektierende Oberfläche verhindert zudem, dass sich das Außenmaterial durch Strahlungswärme übermäßig aufheizt. Zusätzlich sind die Teile als Kombination gedacht: Adidas nennt für den Upper-Body-Ansatz eine mögliche Reduktion der Kerntemperatur um bis zu 0,5 °C und der Hauttemperatur um bis zu 13 °C. Dass das System dennoch rund ein Kilogramm Gesamtgewicht erreicht, ist dabei ein Teil der Akzeptanzlogik – der Nutzen soll den Aufwand überwiegen.
Der Weg in den Fußball erklärt, warum das Ganze mehr ist als ein einmaliger Prototyp. Das „Climacool“-Konzept wurde in der Formel 1 bereits zu Beginn von 2025 sichtbar: Mercedes-Fahrer George Russell und Kimi Antonelli trugen die sogenannte „space jacket“ im Umfeld des Bahrain-GP. Dort ist die Ausgangslage ähnlich wie in WM-Playoffs: Hitze, lange Vorbereitungszeiten, aber vor allem konstante Nähe zu einem warmen Arbeitsumfeld. Entscheidend ist der Vergleich zur F1-Realität: Kühlwesten sind im Grid zwar üblich, doch das zusätzliche Tragen der Jacken über den Westen soll verhindern, dass die Weste noch vor dem Einsatz durch die typischen Startgrid-Temperaturen aufgewärmt wird. Die Rückmeldungen von Fahrern und Physios waren laut Adidas positiv, sodass die Nutzung bis in die Folge-Saison und darüber hinaus fortgesetzt werden sollte.
Auch im Fußball ändern sich die Randbedingungen. Raccuglia beschreibt den Umbau explizit: „Wir haben die Kühlweste und die Jacke neu designt und die Technologie auf Fußball umgestellt“, ergänzt um ein Produkt, das in der F1 nicht Teil des Systems ist: die Kühlovershoe. Der Grund ist vor allem der Ablauf – Fußball besteht aus kurzen Belastungsblöcken und wiederkehrenden Wechselphasen, etwa Training, Halbzeit und Ein- und Auswechselrituale. Adidas habe die Abdeckung der Weste erhöht, damit während dieser kurzen Pausen mehr Kühlwirkung entsteht. Zudem braucht es Schnelligkeit: Deshalb wurde die Vorderseite mit einem Reißverschluss versehen. Gleichzeitig wird eine gewisse Anpassbarkeit gefordert, weil Sportlerinnen und Sportler unterschiedliche Körperformen mitbringen. Anpassbare Seitenelemente sollen sicherstellen, dass die Kontaktfläche zur Kühlzone optimal bleibt.
Für die Logistik liefert Adidas eine weitere, oft übersehene Komponente. Die Ausrüstung wird in „freezer boxes“ bereitgestellt, damit die Temperatur vor dem Anlegen niedrig bleibt. Das adressiert ein praktisches Problem, das aus dem Technikdesign folgt: Wenn die Komponenten erst auf dem Weg ins Stadion aufwärmen, sinkt der Effekt, bevor überhaupt ein physiologischer Vorteil eintreten kann. Im Weltcup stellt Adidas das Set für 14 der 48 teilnehmenden Nationen bereit – darunter Deutschland, Spanien, Argentinien und Mexiko. Dabei ist nicht nur die Jacke relevant, sondern auch der Overshoe: Laut Raccuglia nutzt er Gel-Technologie und soll die Fußtemperatur innerhalb weniger Minuten um bis zu 2 °C senken. Für die Teams ist das mehr als Komfort, weil höhere Fußtemperaturen Schwellungen fördern und die Passform von Stiefeln verschlechtern können.
Aus Sicht der Leistungsphysiologie koppeln Teams den Kühleffekt an Erholung und Ermüdungsreduktion. Carlos Cruz, Physio Spaniens, sagt in einem Video auf dem Team-YouTube-Kanal, die Westen könnten helfen, die Regeneration effizienter zu machen, indem sie die Körpertemperatur senken. Ziel sei, dass Ermüdung weniger stark ausfällt und der anschließende Recovery-Prozess schneller abläuft. Interessant ist dabei die praktische Nutzung: Cruz erwähnt die Anwendung nach dem Training, verweist aber auch auf einen möglichen Einsatz vorher, etwa wenn das Aufwärmen beginnt oder zwischen Aufwärmphase und Spielstart. Ergänzend soll der Overshoe in der Kabine eingesetzt werden, damit Spielerinnen und Spieler – bei Bedarf direkt vor dem nächsten Belastungsschritt – über die Füße abkühlen können.
Das Markt- und Wettbewerbsbild wirkt dadurch klar: Adidas versucht, eine in einem Hochleistungsumfeld erprobte Thermo-Technologie aus der Formel 1 in den Massen-Sport zu transferieren. Konkret ist die Anpassung nicht nur ein Materialthema, sondern ein Prozessdesign, das auf die Nutzung im Spiel- und Trainingsrhythmus optimiert. Im Wettbewerb stehen dabei weniger einzelne Kleidungsstücke, sondern die Fähigkeit, Performance-Hebel datenbasiert zu testen und in kurze Entwicklungszyklen zu überführen. Adidas beruft sich auf Feedbackschleifen – etwa durch Hinweise aus dem vergangenen „Club World Cup“-Kontext bei hohen Temperaturen in den USA – und nennt zusätzlich positive Rückmeldungen aus Spanien Ende Juni. Solche Signalwege sind in der Branche ein klassischer Vorteil gegenüber Playern, die nur von generischen Kühltextilien ausgehen.
Regulatorisch und datenbezogen bleibt dennoch ein wichtiger Punkt: Aussagen über Körpertemperaturen, Regeneration und mögliche Leistungsverbesserungen müssen in Training und medizinischer Betreuung sorgfältig interpretiert werden. Auch wenn das System „nur“ Kleidung ist, berührt es den Bereich der Sports-Health-Informationen. Sobald Teams Messwerte erheben oder Trainingseffekte dokumentieren, sind Datenschutz und medizinische Governance relevant, etwa wer Messdaten verarbeitet, wie lange sie gespeichert werden und ob sie für Nicht-Medical-Zwecke, etwa Marketing oder Talentbewertung, genutzt werden. Darüber hinaus sollten Sicherheits- und Qualitätsprozesse greifen, insbesondere weil Produkte einfrieren, schnell angelegt werden und zuverlässig funktionieren müssen, um Unterkühlungsrisiken oder Fehlanwendungen zu vermeiden.
In den nächsten Schritten deutet Adidas bereits an, wohin die Reise gehen könnte: Gespräche intern drehen sich darum, ob „Climacool“ oder Teile davon in weiteren Disziplinen wie Tennis, Volleyball, Hockey oder Leichtathletik eingesetzt werden können. Die Begründung ist naheliegend: Hitzeereignisse werden global häufiger, und Sportler passen ihre Wettkampfplanung entsprechend an. Raccuglia erwähnt eine „sehr lange Liste“ von Athletinnen und Athleten, die das System anfragen. Damit rückt auch die Konsumentenebene in den Fokus, denn wenn Profiteams die Technik als Recovery-Tool etablieren, entsteht Druck auf den Markt, ähnliche Mechanismen für Hobbysportler verfügbar zu machen. Für Entwickler und Produktteams ist der entscheidende Trend: Thermoregulation wird vom „Komfortfeature“ zum orchestrierten Bestandteil von Trainings-Workflows.
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