LONDON (IT BOLTWISE) – Adobe stellt Anil Chakravarthy als nächsten Präsident und CEO auf und macht damit einen klaren Richtungswechsel Richtung KI-gestützte Agenten. Der Wechsel tritt zum 1. Dezember in Kraft und löst Shantanu Narayen im operativen Geschäft ab. Kern der Strategie ist, dass KI-Aufgaben künftig selbstständig durch Adobe-Apps wie Photoshop, Premiere und Illustrator anstößt. Gleichzeitig steht der Konzern unter Druck, weil Figma und Canva den Markt für UI- und Marketing-Workflows seit Jahren neu aufrollen.

Adobe holt Anil Chakravarthy als CEO – KI-Agenten gegen Figma und Canva
Adobe holt Anil Chakravarthy als CEO – KI-Agenten gegen Figma und Canva (Foto: IT BOLTWISE)
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Adobe setzt für die nächste Phase der Unternehmensentwicklung auf einen CEO, der eher aus der Daten- und Enterprise-Welt kommt als aus den kreativen Gewerken. Das Unternehmen gab bekannt, dass Anil Chakravarthy am 1. Dezember Präsident und CEO wird; Shantanu Narayen wechselt dafür in die neu geschaffene Rolle als Executive Chair. Der Zeitpunkt ist dabei nicht nur organisatorisch relevant, sondern wirkt auch wie ein Signal an den Kapitalmarkt: In den Wochen vor dem Wechsel wird sichtbar, dass Adobe den Umbau weg von klassischer Software-Handarbeit hin zu KI-gestützten Workflows nicht nur vorbereitet, sondern beschleunigt. Dass die Aktie im verlängerten Handel um rund 2% nachgab, unterstreicht zumindest, dass viele Anleger die „KI als Feature“-Logik noch nicht als ausreichend ansehen.

Der Blick auf Narayens Amtszeit erklärt, warum der neue CEO so anders positioniert ist. In rund 19 Jahren hat Narayen Adobe von weniger als einer Milliarde US-Dollar Jahresumsatz auf mehr als 25 Milliarden US-Dollar gebracht. Entscheidender Hebel waren dabei der Schritt in die Cloud bei der Creative Suite, also Creative Cloud, sowie der Aufbau der Experience-Cloud-Geschäftslinie für Marketing und digitale Kundenerlebnisse. Diese Transformation traf jedoch auf eine Branchenrealität, die sich grundlegend verändert hat: Während die Software zuvor vor allem als Werkzeug diente, mit dem Menschen Logos, Videos oder Kampagnen geplant und produziert haben, verschieben generative Ansätze die Erwartungshaltung. Künftig reicht es nicht mehr, dass ein Programm bessere Buttons anbietet; Anwender erwarten, dass die Software die nächste Aktion erkennt, den Kontext versteht und Arbeit in einem größeren Prozess selbstständig anstößt.

Genau hier liegen die externen Wettbewerbsgrößen, gegen die Adobe sich nun offensiver abgrenzen will. Figma gilt mittlerweile als dominanter Anbieter im UI- und UX-Design, mit einer Marktabdeckung, die je nach Schätzung im Bereich von 80% bis 90% liegt. Adobe hatte versucht, diesen Marktanteil über einen geplanten Kauf abzusichern, der 2022 mit 20 Milliarden US-Dollar beziffert wurde; Gespräche zu dem Vorhaben wurden anschließend von Regulierungsstellen im Vereinigten Königreich und in der EU gestoppt, bevor Adobe 2023 Abstand nahm. Auch Canva wächst in eine Rolle hinein, die gerade für Marketingteams und kleinere Unternehmen attraktiv ist: Statt auf eine Lernkurve wie bei klassischen Bildbearbeitungswerkzeugen zu setzen, adressiert Canva die schnelle Erstellung von Inhalten. Interessant ist dabei der Zeithorizont: Diese beiden Unternehmen standen zur Zeit von Narayens Einstieg im Dezember 2007 nicht im Mittelpunkt als ernsthafte Bedrohung in ihrem heutigen Ausmaß.

Mit Chakravarthy setzt Adobe nun nicht auf einen „Produktvisionär“ aus der kreativen Szene, sondern auf einen Führungstypus, der nach Firmenangaben stark mit Daten- und Plattformlogik vertraut ist. Chakravarthy war vier Jahre CEO bei Informatica, also bei einem Anbieter für Enterprise-Data-Management, und wechselte 2020 zu Adobe, um dort das Digital-Experience-Geschäft zu leiten. Davor arbeitete er unter anderem bei McKinsey und hatte leitende Rollen bei Symantec und VeriSign. Diese Biografie passt zu dem, was Adobe intern offenbar als nächste Schlacht definiert: den Wettbewerb nicht primär über „schönere“ Kreativtools zu entscheiden, sondern über Software, die Handlungen weitgehend selbstständig ausführt. In der Branche wird dafür häufig der Begriff „agentic AI“ verwendet – also KI-Systeme, die nicht nur Antworten generieren, sondern Aufgabenketten planen und abarbeiten.

Adobe versucht diese Idee bereits zu operationalisieren. Das Unternehmen hat mit Firefly einen KI-Assistenten eingeführt, der als konversationale Ebene arbeiten soll und dabei Tasks über mehrere Anwendungen hinweg steuern kann – von Photoshop und Premiere über Lightroom und Illustrator bis hin zu Express und Frame.io. Zusätzlich setzt Adobe auf KI-Agents, die etwa ein einzelnes Video für viele Plattformen neu formatieren können, während dabei Markenrichtlinien erhalten bleiben sollen. Entscheidend ist dabei weniger die reine Demonstration von Fähigkeiten, sondern der Produktkern: Wenn KI „im Hintergrund“ arbeitet, muss der Kunde den Nutzen dauerhaft spüren – etwa dadurch, dass die Erstellung und Anpassung von Medien im Alltag weniger Schritte braucht und schneller zu konsistenten Ergebnissen führt. Damit verschiebt sich die Rolle des Assistenten von einem Add-on hin zu einem Prozess-Controller.

Der Druck, diesen Wandel tatsächlich zu monetarisieren, ist spürbar, auch weil Adobe laut den genannten Berichten in den letzten Jahren an der Börse untereinander hinweggerutscht ist: Die Aktie sei 2024 um rund 25% gefallen, 2025 um weitere 21% und bis in den bisherigen Verlauf von 2026 noch einmal um ungefähr 18%. Damit rückt ein altes Risiko zurück: Was passiert, wenn Anwender nicht länger davon überzeugt sind, dass die kreativen Workflows zwingend in einem einzigen Ökosystem ablaufen müssen? OpenAI als technologischer Einflussfaktor steht hier als Gegenpol im Raum, ebenso wie die etablierten Design- und Marketing-Tools von Figma und Canva. Adobe hat zwar weiterhin einen Jahresumsatz von über 25 Milliarden US-Dollar, aber „Schieflage“ entsteht oft nicht durch Umsatzrückgänge allein, sondern durch die Erosion des zentralen Narrativs: Der Konzern muss zeigen, dass sein Abo-Modell auch dann stabil bleibt, wenn die Software selbst als arbeitender Mitakteur wahrgenommen wird.

Gerade deshalb ist die Übergabe auch inhaltlich bedeutsam, obwohl sie formal wie eine klassische Nachfolgeregelung wirkt. Adobe will Narayen als Executive Chair halten und ihn eng mit Chakravarthy in der Übergangsphase arbeiten lassen. Diese Überlappung kann helfen, die bestehenden Cloud- und Experience-Cloud-Routinen nicht abrupt zu brechen, während gleichzeitig die KI-Agenten-Schicht in den Kern der Produkte gezogen wird. Für Unternehmen und Kreativteams bedeutet das: Die nächsten Produktgenerationen werden voraussichtlich stärker auf „Arbeitsanweisungen in natürlicher Sprache“ plus automatisierte Folgeschritte setzen. Ob Adobe damit gegen die Plattformen gewinnt, die Nutzergewohnheiten bereits umgebaut haben, hängt dann daran, wie zuverlässig die Agenten in echten Workflows Probleme lösen, statt nur Aufgaben in Demo-Szenarien zu bestehen.


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