LONDON (IT BOLTWISE) – In Deutschland sind die Großinsolvenzen im ersten Halbjahr auf 33 Fälle gestiegen. Das entspricht laut Allianz Trade einer Zunahme um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Für 2025 nennt die Auswertung 94 Großinsolvenzen und damit den höchsten Stand seit Beginn der Erhebungen 2015. Auch 2026 erwartet der Kreditversicherer keine spürbare Entspannung.

Die Insolvenzwelle betrifft zunehmend nicht nur kleine und mittlere Betriebe, sondern vor allem Großunternehmen, die als zentrale Knoten in Wertschöpfungs- und Lieferketten wirken. Genau diese Ketteneffekte erklärt ein Bericht des Kreditversicherers Allianz Trade für Deutschland: Im ersten Halbjahr wurden 33 Großinsolvenzen mit einem Jahresumsatz von mindestens 50 Millionen Euro registriert. Das sind zehn Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Auffällig ist dabei die Dynamik über mehrere Jahre, denn sie setzt sich nicht als einmaliger Ausschlag fort, sondern zeichnet ein Muster, das sich in der Breite der Branchen zeigt.
Für die Einordnung lohnt sich der Blick auf die Jahreswerte. Laut Allianz Trade gab es im gesamten Jahr 2025 insgesamt 94 Großinsolvenzen; damit erreichten die Zahlen den höchsten Stand seit Beginn der Auswertungen im Jahr 2015. 2024 lag die Zahl noch bei 87, im Jahr zuvor bei 64. Diese Staffelung ist für Unternehmen nicht nur statistisch relevant, weil sie das Risiko in Planungs- und Finanzprozessen indirekt erhöht: Wenn Insolvenzen häufiger werden, verschieben sich typischerweise auch Ausfallraten bei Forderungen, Laufzeiten von Zahlungszielen verlängern sich manchmal, und Versicherungs- beziehungsweise Sicherungsprämien können im Wettbewerb mit steigen. Im gleichen Bericht wird zudem betont, dass es 2026 keine Entspannung gebe.
Der Allianz-Trade-Chef für die Region Deutschland, Österreich und Schweiz, Milo Bogaerts, verweist auf einen Mechanismus, der in der Praxis oft unterschätzt wird: Fällt ein Marktteilnehmer dieser Größenordnung aus, geraten regelmäßig auch Zulieferer, Dienstleister und andere Geschäftspartner unter Druck. Das liegt nicht nur an ausstehenden Zahlungen, sondern auch an Abhängigkeiten bei Aufträgen, Ersatzteilen, Kapazitäten und Projektbudgets. Je komplexer die Wertschöpfungskette, desto mehr wirken sich Verzögerungen in einem Segment in anderen Teilen aus; dadurch können sich Liquiditätsprobleme beschleunigen, selbst wenn einzelne Unternehmen operativ noch funktionieren.
Branchen zeigen im Bericht ein ähnliches Bild: Besonders betroffen war im ersten Halbjahr die Automobilbranche mit sieben Großinsolvenzen. Danach folgten der Einzelhandel sowie der Maschinenbau und Dienstleistungen mit jeweils fünf beziehungsweise vier Fällen. Bemerkenswert ist auch die Auswirkung auf das Größenprofil der betroffenen Firmen. Der kumulierte Jahresumsatz der insolventen Großunternehmen stieg im ersten Halbjahr um drei Prozent auf 4,5 Milliarden Euro. Gleichzeitig sank der durchschnittliche Umsatz insolventer Großunternehmen nach Angaben des Kreditversicherers um knapp sieben Prozent auf rund 137 Millionen Euro. Solche gegenläufigen Effekte deuten häufig darauf hin, dass zwar die Zahl der Ausfälle steigt, aber nicht ausschließlich die größten Player betroffen sind, sondern zeitweise auch Unternehmen in einer etwas kleineren Größenklasse.
Als wichtigste Ursache nennt die Untersuchung vor allem die anhaltende Belastung durch hohe Investitions- und Energiekosten. Dazu passt die Einschätzung, dass der Negativtrend sich verfestige und dass Branchen mit geringer Preissetzungsmacht besonders anfällig bleiben. In der Praxis entsteht hier ein Risiko-Mix: Investitionen binden Kapital, Energiepreise erhöhen laufende Kosten, und wenn die Möglichkeit fehlt, diese Preissteigerungen über Kundenpreise weiterzugeben, geraten Margen unter Druck. Gerade bei Unternehmen, die in planungsintensiven Projekten arbeiten oder stark energieabhängige Produktionsschritte haben, kann das in kurzer Zeit den Abstand zwischen Liquidität und Verbindlichkeiten verringern.
Auch die Erwartungen für 2026 bleiben demnach vorsichtig. Allianz Trade geht davon aus, dass die Zahl der Großinsolvenzen auf einem erhöhten Niveau bleibt, statt in eine nachhaltige Entspannung überzugehen. Der Bericht verweist zudem auf eine globale Parallele: Weltweit wurden im ersten Halbjahr 247 Großinsolvenzen erfasst, 13 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Besonders häufig waren demnach der Einzelhandel, der Dienstleistungssektor sowie das Baugewerbe betroffen. Westeuropa bleibt dabei ein Schwerpunkt und steht für mehr als 60 Prozent aller erfassten Fälle. Diese Verteilung ist für viele Entscheider in Konzernen und in der Mittelstandsfinanzierung relevant, weil sie zeigt, dass es sich nicht um ein rein nationales Phänomen handelt.
Für Unternehmen ergibt sich daraus vor allem ein Planungsauftrag: Kredit- und Handelsrisiken müssen enger mit der Realität komplexer Lieferketten verknüpft werden. Ein Großausfall kann Funktionsbereiche treffen, die in der eigenen Risikomatrix zuvor als indirekt galten, etwa Wartungs- und Dienstleistungsprozesse, Logistikdienstleistungen oder spezialisierte Zulieferverträge. Gleichzeitig sollten Unternehmen ihre Frühwarnsignale so ausrichten, dass sie nicht nur auf Bilanzkennzahlen schauen, sondern auch auf Zahlungsströme, Projektverläufe und Vertragskonditionen. In einem Umfeld, in dem selbst ein leichten Anstieg bei Großinsolvenzen messbare Summen bewegt, wird die operative Risikosteuerung damit zum Wettbewerbsvorteil.
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