LONDON, ONTARIO / LONDON (IT BOLTWISE) – Aduro meldet die bislang längste NGP-Testkampagne in seiner Pilotanlage: 120 Betriebsstunden über fünf Tage. Im Verlauf der Tests wechselte das System schrittweise von definierten Polyethylen-/Polypropylen-Mischungen auf PO95 mit mindestens 95 % Polyolefinen. Die Kampagne erreichte eine Ausbeute an kondensierbaren Kohlenwasserstoffen von rund 85 %. Dabei standen Flexibilität im Betrieb, unterbrechungsarmer Anlagenbetrieb und Notstromfähigkeit im Fokus.

Aduro Clean Technologies nutzt die NGP-Pilotanlage (Next Generation Process), um die Hydrochemolytic(TM)-Technologie (HCT) Schritt für Schritt in Richtung industrieller Skalierung zu bringen. Der aktuelle Meilenstein wirkt dabei weniger wie ein klassischer Laborvergleich, sondern wie ein Belastungstest des Prozess-„Betriebsalltags“: Die jüngste Testkampagne dauerte rund fünf Tage und umfasste etwa 120 Betriebsstunden. Damit verlängerte das Unternehmen die eigene Messlatte gegenüber der im September berichteten Kampagne mit 75 Betriebsstunden um 60 %, obwohl in dieser Zeit nicht nur Material analysiert, sondern auch die Prozessführung unter wechselnden Bedingungen nachgeführt wurde.
Technisch relevant ist vor allem der Einsatzstoffwechsel, weil er die reale Herausforderung widerspiegelt, die industrielle Kunststoff-Recyclinganlagen regelmäßig treffen: Einsatzstoffe sind selten einheitlich und ändern sich je nach Sammlung, Sortierung und Marktanforderungen. Laut Unternehmensangaben begann die Kampagne mit einer PE/PP-Mischung im Verhältnis 50:50, wechselte anschließend auf 80:20 und führte danach für rund 20 Stunden den Post-Consumer-Kunststoffabfall PO95 ein. Wieder im Anschluss wurde erneut die PE/PP-Mischung im Verhältnis 80:20 verarbeitet. Entscheidend dabei: Sämtliche Materialwechsel erfolgten ohne vollständiges Herunterfahren der Anlage, und das Betriebsteam stellte die vorgesehenen Betriebsbedingungen nach gezielten Unterbrechungstests jeweils wieder her.
PO95 steht dabei für ein kommerziell erhältliches Agglomerat aus Post-Consumer-Abfällen, das zu mindestens 95 % aus Polyolefinen besteht, insbesondere aus PE und PP. Für die Kampagne nennt Aduro konkrete Begleitstoffe: Rund 1,5 % PET, 1,2 % Polyamid und bis zu 1 % Polystyrol, zudem Füllstoffe, Additive und weitere Restbestandteile, wie sie für Post-Consumer-Ströme typisch sind. Im Mittelpunkt stand laut Meldung weniger die maximale Ausbeute oder eine reine Optimierung der Produktqualität, sondern die Frage, ob das integrierte NGP-System stabil läuft, wenn sich Zusammensetzung und Betriebsanforderungen ändern. Die gemeldete Ausbeute an kondensierbaren Kohlenwasserstoffen lag bei rund 85 % und damit im Zielkorridor, während die Testlogik auf Prozessstabilität und Flexibilität ausgerichtet war.
Auch die Betriebsresilienz wurde als eigenes Testobjekt behandelt. Das Unternehmen beschreibt für jeden eingesetzten Materialtyp gezielte Unterbrechungstests, bei denen die Anlage nach dem Ereignis wieder in den vorgesehenen Betriebsbereich zurückgeführt werden sollte, ohne vollständig herunterzufahren. Zusätzlich kam es während der Kampagne unerwartet zu einem kurzzeitigen Stromausfall im lokalen Versorgungsnetz; die Notstromsysteme griffen laut Angaben an, sodass der Pilotbetrieb weiterlaufen konnte. Für die wirtschaftliche Perspektive ist das mehr als ein „Sicherheitsdetail“: Anlagenverfügbarkeit und unterbrechungsarmer Betrieb entscheiden im industriellen Maßstab oft darüber, wie gut ein Prozess seine Leistungsdaten in kontinuierliche Produktion übersetzen kann.
Parallel zur Prozessführung arbeitet Aduro an den nächsten Schritten, die über die Pilotphase hinausreichen. Im Rahmen der Verarbeitung von PO95 wurde eine repräsentative Abwasserprobe entnommen, um die Entwicklung der Abwasseraufbereitung für die geplante First-of-a-Kind-Anlage (FOAK) in Chemelot voranzubringen. Die Ergebnisse sollen in die Auslegung des Abwasseraufbereitungssystems einfließen und das Umweltgenehmigungsverfahren unterstützen. Ebert HERA B.V. wird dabei mit baurechtlichen und umweltbezogenen Genehmigungsarbeiten beauftragt, während das Engineering und weitere Projektarbeiten im Rahmen der frühen Projektphase von Saipem S.p.A. vorangetrieben werden. Damit wird aus Pilotbetrieb nicht nur ein Leistungsnachweis, sondern eine Datenbasis, die sowohl in technische Entscheidungen (Komponenten, Steuerung, Betriebsabläufe) als auch in Genehmigungsanforderungen hineinwirkt.
In der Kommunikation betont Aduro zudem, dass die Skalierung nicht allein anhand einer einzelnen Kennzahl beurteilt werden dürfe. Ofer Vicus, Chief Executive Officer von Aduro, hebt genau diese Trennung zwischen Laborleistung und industrieller Übertragbarkeit hervor, wenn er davon spricht, dass die Daten helfen, die Leistungsfähigkeit von HCT unter Bedingungen zu verstehen, die für industrielle Anwendungen repräsentativ sind. David Weizenbach, Chief Operating Officer von Aduro, stellt ergänzend heraus, dass das Betriebsteam mit jeder Testkampagne lernt, Veränderungen in der Einsatzstoffzusammensetzung früher zu erkennen und den Prozess zuverlässiger wieder in den Zielbereich zurückzuführen. Aus Branchensicht ist das ein praktischer Hinweis darauf, dass MLOps und klassische Prozessautomatisierung zwar irgendwann in Steuerungssysteme einfließen können, die entscheidende Grundlage aber zuerst durch robuste Betriebsabläufe und messbare Rückkopplungen entsteht.
Der breitere Kontext lautet: In der europäischen Kunststoffrecyclingindustrie ist die industrielle Realität heterogener Post-Consumer-Ströme bereits heute der Engpass für skalierbare Prozesse. PO95 wird in diesem Zusammenhang als etabliertes Referenz-Agglomerat genutzt, weil es im Vergleich zu streng definierten PE/PP-Mischungen stärker den Bedingungen entspricht, denen Recycler typischerweise begegnen. Die im NGP-Programm beschriebenen aufeinanderfolgenden Kampagnen verfolgen damit eine klare Logik: erst definierte Gemische, dann längere Betriebsdauer und Flexibilität, schließlich Post-Consumer-Rezyklat und zusätzliche Tests zu Unterbrechungen. Für Anwender und Projektpartner bedeutet das vor allem: Jede Kampagne liefert konkrete Betriebsdaten, die die Auswahl von Komponenten und die Ausgestaltung von Steuerungs- und Betriebsabläufen für die FOAK-Phase wahrscheinlicher in Richtung „funktioniert im Alltag“ verschieben.
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