LONDON (IT BOLTWISE) – Neue Auswertungen zu Afrikas Startup-Ökosystem zeigen, dass Gründer zwar stark auf Eigenkapital setzen, die dafür nötigen Investitionssummen aber vor allem von außerhalb des Kontinents kommen. Die Daten aus einer Befragung von 4.444 Frühphasen-Startups und einer Auswertung von 5.470 VC-Firmen deuten auf einen strukturellen Engpass bei lokal verfügbaren Equity-Investitionen hin. Gleichzeitig hängt der Kapitalzugang messbar mit Bildungs- und Berufserfahrungen im jeweiligen Investorennachbarland zusammen. Damit wird ein Markt sichtbar, der weniger durch Leistung als durch Zugang und Vertragskosten geformt wird.

Afrikas Startup-Finanzierung: Warum Kapital aus dem Ausland dominiert
Afrikas Startup-Finanzierung: Warum Kapital aus dem Ausland dominiert (Foto: IT BOLTWISE)
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Afrikas Startup-Szene ist zugleich ehrgeizig und finanziell verwoben mit dem Ausland. Laut einer neuen, datenbasierten Untersuchung von Emanuele Colonnelli, Marcio Cruz, Mariana Pereira-Lopez, Tommaso Porzio und Chun Zhao suchen Gründer in der frühen Phase zwar nach beträchtlichem externem Kapital, treffen aber auf einen Equity-Markt, der in der geografischen Herkunft seiner Investoren stark “auswärts” zentriert ist. Entsprechend wirkt der Markt nicht nur in der Kapitalquelle fremd, sondern auch in der Biografie jener Gründer, die am wahrscheinlichsten Finanzierung erhalten: Viele von ihnen haben Bildung und/oder Berufserfahrung außerhalb Afrikas gesammelt. Das ist vor dem Hintergrund der globalen Entwicklungsagenda relevant, weil Regierungen, Entwicklungsbanken und private Investoren zunehmend junge, technologieorientierte Unternehmen als Treiber für Innovation und breitere Transformation betrachten – nur bleibt die dahinterliegende Finanzierungspraxis bislang schwer greifbar.

Methodisch setzen die Autoren auf drei Datenstränge, um sowohl Präferenzen als auch real beobachtete Kapitalflüsse zu erklären. Zum einen kombiniert die Studie eine kontinentweite Umfrage mit 4.444 Frühphasen-Startups aus 51 Ländern. Zum anderen fließt ein Experiment ein, das untersucht, wie Gründer verschiedene Finanzierungsverträge und Investorprofile bewerten. Ergänzend wurden Venture-Capital-Unterlagen von 5.470 Firmen und 8.751 Deals zwischen 2010 und 2024 herangezogen und mit Bildungs- und Arbeitsverläufen von Gründern verknüpft. Das erlaubt eine gemeinsame Betrachtung von “Wer baut” und “wer bekommt”, also wer Startups gründet, welche Finanzierungsarten bevorzugt werden, woher das Kapital tatsächlich kommt und welche Struktur daraus für das Wachstumspotenzial des Sektors folgt.

Der auffälligste Befund betrifft die Vertragslogik: Startups fragen große Volumina nach und bevorzugen sehr deutlich Eigenkapital gegenüber Fremdkapital. In der Umfrage lag der durchschnittliche externe Kapitalbedarf bei rund $730.000. Gleichzeitig erreichten Gründer im Zeitraum der vorangegangenen drei Jahre im Schnitt lediglich 32,1% dieses Ziels; als häufigstes Wachstumshindernis nannten 78,2% der Befragten “Access to finance”. Im Experiment zeigte sich die Präferenz für Equity besonders robust: Gründer bewerten den Wechsel von Debt zu Equity als ebenso wertvoll wie eine Senkung des Zinssatzes um 11 Prozentpunkte. Wichtig ist die Differenzierung innerhalb von Equity: Zwar akzeptieren Gründer die Kosten wie Verwässerung (Dilution), reagieren aber negativ auf Anforderungen rund um Board Seats. Damit wird ein Bild sichtbar, in dem Equity nicht einfach als “Ownership-freundlich” gilt, sondern als Mechanismus, der Cashflow-Flexibilität schafft und Investoren Anreize gibt, das Wachstum aktiv mitzutragen.

Entscheidend wird diese Präferenz jedoch dort, wo der Markt praktisch stattfindet. Die Kapitalbereitstellung ist in der Studie im Vergleich zu Bevölkerungs- und Wirtschaftsgröße auffällig niedrig, und der Engpass sitzt besonders auf der Investorenseite. Deals, bei denen mindestens ein Investor außerhalb Afrikas sitzt, decken laut Analyse etwa 80% des VC-Deal-Values ab. Selbst konservativere Allokationen liegen noch bei rund 65% bis 75% der VC-Finanzierung. Auch die Währungsdimension unterstreicht die internationale Kopplung: 56,2% der VC-Deals in Afrika sind in Fremdwährung denominated, überwiegend in US-Dollar. Auf Gründerseite spiegelt sich der gleiche Zusammenhang: Unter jenen Gründern, die erfolgreich VC einsammeln, haben 46,8% außerhalb Afrikas studiert, 58,4% außerhalb gearbeitet und 67,7% mindestens eines von beidem. Die Studie beschreibt diese Gruppe als “foreign-exposed”, wobei die konkrete Expositionsrichtung zählt: Bildungs- oder Berufserfahrung im Sitzland eines Investors erhöht die Wahrscheinlichkeit, genau aus diesem Land Kapital zu erhalten, um 7,7 Prozentpunkte gegenüber einer durchschnittlichen Wahrscheinlichkeit von 2,2%.

Interessant ist dabei, dass die Muster nur begrenzt durch breit angelegte Leistungsunterschiede erklärt werden können. Wenn die Studie Startups mit ähnlichen Eigenschaften im ersten VC-Deal vergleicht, sind Differenzen bei Exits, Akquisitionen, Insolvenzgeschehen und selbst beim Beschäftigungswachstum zwischen lokalen und foreign-exposed Gründern eher begrenzt. Die Autoren lesen daraus weniger einen “Skill Gap” heraus, sondern eher eine Infrastrukturfrage: Zugang, Netzwerke und die Passung zu Investorpräferenzen scheinen die Verteilung des Kapitals stärker zu steuern als die spätere Unternehmensleistung. In einem vereinfachten Rahmen zerlegen sie die Erklärung in drei Bausteine – die relativen Kosten von Equity abhängig von der geografischen Herkunft der Investoren, die Größe des Pools an Equity-suchenden Entrepreneurs (lokal versus foreign-exposed) sowie Unterschiede im Zugang der Gründer zu den Investoren, die das entscheidende Kapital bereitstellen.

Die politischen Implikationen sind entsprechend nuanciert: Es geht nicht um die Wahl “entweder lokal oder ausländisch”. Da ausländische Investoren bereits einen Großteil der Equity liefern, kann eine bessere Anbindung an sie tatsächlich mehr lokale Entrepreneurship ermöglichen. Gleichzeitig bleibt der Aufbau eigener und regionaler Equity-Märkte eine eigenständige Aufgabe, weil die lokale Kostenstruktur und die Zugangsbarrieren sonst den Markt klein halten. Die Studie untermauert das mit kontrafaktischen Szenarien: Würde der Kostennachteil lokaler Equity auf das europäische Niveau reduziert, würde die Startup-Aktivität um 13,0% steigen, der Anteil lokaler Investoren von 26% auf 42% klettern und der Anteil lokaler Gründer von 32% auf 41%. Erhöht man den Anteil lokal “connected” Gründer im Equity-suchenden Pool auf das europäische Niveau, läge der Zuwachs sogar bei 29,0%. In einem weiteren Szenario zeigt sich jedoch ein Trade-off: Verbesserter Zugang lokaler Gründer zu ausländischen Investoren erhöht zwar die Aktivität, verschiebt aber Finanzierung stärker Richtung ausländischer Kapitalgeber – ein Markt kann also lokal gegründet wirken und zugleich international bleiben.

Damit wird auch das eingangs beschriebene Bild eines “fremden” Startup-Ökosystems konkreter: Der Markt ist nicht nur international, weil Investoren geografisch weit entfernt sind, sondern weil genau diese Konstellation die Vertragskosten, die Zusammensetzung des Equity suchenden Gründerpools und den tatsächlichen Zugang zu Kapital strukturiert. Für Politik und Förderinstitutionen heißt das, dass Talentprogramme allein nicht ausreichen: Zwar deutet die besonders hohe Bildung der Gründer darauf hin, dass Humankapital zentral für die Startup-Entstehung ist, aber dieses Talent braucht eine verlässliche Kopplung an das richtige (Eigen-)Kapital. In der Folge rückt eine ganzheitliche Sicht in den Vordergrund – Kapitalmechanik, Netzwerkzugang und Vertragsgestaltung müssen zusammen gedacht werden, wenn aus Wachstumspostulaten tatsächlich ein breiterer Startup-Sektor werden soll. Die Autoren verweisen zudem auf Interessenkontexte und Finanzierung der Forschung; ihre Schlussfolgerungen stellen sie als ihre eigenen Darstellungen dar und betten sie in Kooperationen mit mehreren Forschungs- und Förderinstitutionen ein.


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