LONDON (IT BOLTWISE) – Agentic KI wandelt Software von „Antworten liefern“ zu „Abläufe eigenständig planen und ausführen“. Gleichzeitig zeigt der Blick auf fünf Aktien ein unbequemes Muster: Am unmittelbarsten profitieren offenbar nicht die klassischen Software-Anbieter, sondern der Infrastruktur-Zulieferer Nvidia. Während Hyperscaler ihre KI-Investitionen 2026 auf rund 725 Milliarden US-Dollar hochziehen, kämpfen andere Player mit der Frage, ob Nutzer- und Lizenzmodelle durch Agenten wirklich weniger stark nachgefragt werden. Unterm Strich entscheidet sich damit weniger die Story nach dem Hype als an der Kapitalseite der Wertschöpfungskette.

Agentic KI: Nvidia, Microsoft, Salesforce, ServiceNow und Palantir im Vergleich
Agentic KI: Nvidia, Microsoft, Salesforce, ServiceNow und Palantir im Vergleich (Foto: IT BOLTWISE)
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„Agentic AI“ klingt nach einer Fortschreibung von Chatbots. In der Praxis beschreibt der Begriff aber eine andere Betriebslogik: Ein KI-Agent zerlegt ein Ziel in Schritte, greift über definierte Zugriffsregeln auf externe Werkzeuge und Datenquellen zu, entscheidet in diesem Rahmen eigenständig und passt seinen Plan an, wenn neue Informationen eintreffen. Genau diese Lücke zwischen Demonstration und Betrieb erklärt, warum sich das Thema 2026 an der Börse mit hoher Geschwindigkeit in zwei Lager spaltet: Wer die Rechenleistung bereitstellt, sieht den Bedarf früh; wer die Software verkauft, muss dagegen beweisen, dass das Agenten-Paradigma auch ökonomisch ein zusätzliches Geschäft statt Kannibalisierung ist.

Die Marktdimension hängt dabei extrem von der Definition ab. Fortune Business Insights veranschlagt für eigenständige Agentic-AI-Software 2026 etwa 9,1 Milliarden US-Dollar (nach 7,3 Milliarden US-Dollar im Vorjahr) und erwartet bis 2034 eine jährliche Wachstumsrate von gut 40 Prozent. Precedence Research landet mit rund 10,9 Milliarden US-Dollar für 2026 in einer ähnlichen Größenordnung. Gartner erweitert das Feld dagegen um Agentenfunktionen, die in bestehender Unternehmenssoftware eingebettet sind, und kommt so für 2026 auf 201,9 Milliarden US-Dollar. Dass diese Spanne von rund 9 bis über 200 Milliarden US-Dollar keine „Abstimmungsfrage“ über die Relevanz ist, sondern über die Abgrenzung, wird auch bei der Verbreitung sichtbar: Gartner erwartet, dass bis Ende 2026 rund 40 Prozent der Unternehmensanwendungen aufgabenspezifische KI-Agenten enthalten, nach weniger als 5 Prozent im Vorjahr; McKinsey nennt jedoch nur etwa 23 Prozent der Unternehmen, die KI-Agenten bereits produktiv skaliert haben. Zusätzlich belegt Gartner, dass mehr als 40 Prozent der laufenden Agentic-AI-Projekte bis 2027 wieder eingestellt werden sollen, häufig wegen unklarem Geschäftsnutzen, unterschätzten Kosten oder fehlenden Risikokontrollen. Für Anleger heißt das: Die Pipeline der Projekte ist sichtbar – aber die Umsatzrealität braucht Zeit und Budgets.

Genau diese Budgets werden derzeit stark von Kapitalausgaben getrieben. Laut Angaben in den vorliegenden Unternehmens- und Marktdaten haben die vier größten Hyperscaler ihre kombinierten Investitionsausgaben für KI-Infrastruktur 2026 auf rund 725 Milliarden US-Dollar angehoben, etwa 77 Prozent mehr als die rund 410 Milliarden US-Dollar im Vorjahr. Der Mechanismus dahinter ist relativ direkt: Bevor ein Agent irgendeine Aufgabe erledigen kann, muss die Rechenleistung verfügbar sein – und zwar in ausreichender Kapazität für Training, vor allem aber für Inferenz, also den laufenden Betrieb. Hier rückt Nvidia in den Fokus, weil der Chipkonzern nicht nur als Trainings-Zulieferer profitiert, sondern über Rechenzentrumsumsätze auch an der Betriebsphase verdient. Für das im Januar 2026 endende Geschäftsjahr meldete Nvidia insgesamt rund 215,9 Milliarden US-Dollar Umsatz, ein Plus von 65 Prozent gegenüber dem Vorjahr; allein der Umsatz mit Rechenzentren stieg auf 193,7 Milliarden US-Dollar. Das Unternehmen weist zudem eine eigene Umsatzkategorie für KI-Cloud-, Industrie- und Unternehmensanwendungen aus, die sich im Jahresvergleich mehr als verdreifacht hat. Gleichzeitig bleibt der strukturelle Risikofaktor: Nvidias Umsatzkonzentration auf wenige Hyperscale-Kunden macht den Konzern zyklisch abhängig von deren Investitionsentscheidungen. Dazu kommt zunehmender Wettbewerbsdruck durch kundenspezifische Chips, die Amazon, Google und Meta zum Teil in Eigenregie entwickeln. Trotzdem erscheint die Bewertung nach einem Forward-KGV von rund 22 im Juli 2026 nicht mehr so extrem wie in früheren Hype-Phasen – ein wichtiger Unterschied zu vielen „Reinerzählungen“ rund um KI-Software.

Auf der Software-Ebene entsteht das zweite Spannungsfeld: Nicht nur, ob Agenten technisch funktionieren, sondern ob sich das Geschäftsmodell monetarisieren lässt, ohne dass die Zahl der bezahlten Nutzerkonten im klassischen Lizenzgeschäft sinkt. Salesforce positioniert sich dabei als „Betriebssystem“ für agentenbasierte Unternehmen und setzt auf die Agentenplattform Agentforce. Im vierten Quartal des Geschäftsjahres 2026 erreichte Agentforce eine annualisierte wiederkehrende Umsatzrate (ARR) von rund 800 Millionen US-Dollar, ein Plus von 169 Prozent gegenüber dem Vorjahr; im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2027 stieg die Agentforce-ARR bereits auf rund 1,2 Milliarden US-Dollar (Plus 205 Prozent). In Kombination mit dem Datenprodukt Data 360 wird für die KI- und Daten-ARR fast 3,4 Milliarden US-Dollar genannt. Operativ ist das Wachstum beeindruckend, aber die Börse setzt offensichtlich andere Prioritäten: Salesforce zählte 2026 zeitweise zu den schwächsten Werten im Dow Jones Industrial Average und verlor im Jahresverlauf zwischenzeitlich rund 40 Prozent. Anfang Mitte Juli 2026 pendelte der Kurs bei rund 172 US-Dollar, womit die Aktie auf Jahressicht noch deutlich über 30 Prozent im Minus lag. Aus der Finanzwelt wurde dabei auf schwaches Neukundenwachstum, begrenztes Upselling-Potenzial und eine noch unklare Monetarisierung der KI-Produkte verwiesen. Hinter dieser Kritik steht die Debatte, die an der Wall Street unter dem Schlagwort „SaaSpocalypse“ kursiert: Wenn KI-Agenten Aufgaben erledigen, für die bislang Mitarbeiter über bezahlte Softwarelizenzen arbeiteten, könnte die Anzahl der benötigten Nutzerkonten – also die traditionelle Basis für Lizenzumsätze – sinken. Salesforce-Manager kontern, dass die Nutzung der Plattform trotz zunehmender Agentennutzung gestiegen sei; die Kursreaktion deutet aber darauf hin, dass der Markt die zukünftige Preissetzung und die tatsächliche Kannibalisierung noch nicht abschließend quantifizieren kann.

Bei ServiceNow zeigt sich ein ähnliches Muster aus operativem Wachstum und marktseitiger Skepsis. Die KI-Agentenplattform Now Assist erreichte im ersten Quartal 2026 einen Vertragswert (ACV) von rund 750 Millionen US-Dollar, nachdem sie 2025 die Marke von 600 Millionen US-Dollar überschritten hatte. Das Management hob außerdem das Jahresziel für 2026 von 1 auf 1,5 Milliarden US-Dollar an. Das Abonnementgeschäft wuchs insgesamt im ersten Quartal 2026 währungsbereinigt um 19 Prozent auf 3,67 Milliarden US-Dollar. Doch auch hier bildet der Aktienkurs das Wachstum zeitverzögert ab: ServiceNow fiel von rund 207 US-Dollar im Sommer 2025 auf zeitweise rund 108 US-Dollar im Sommer 2026, also um annähernd die Hälfte, während das Abonnementgeschäft weiterhin zweistellig wuchs. Mitte Juli 2026 notierte das Papier knapp bei 113 US-Dollar. Als Verstärker der Unsicherheit dient eine Prognose von Gartner, wonach KI-Agenten bis 2030 rund 20 Prozent der geplanten Unternehmenssoftwareausgaben auf andere Kanäle umlenken könnten – umgerechnet etwa 234 Milliarden US-Dollar. Das könnte potenziell auch ServiceNows nutzerbasiertes Modell betreffen, selbst wenn Now Assist selbst als Add-on wächst. Für Anleger ergibt sich daraus ein klassisches Dilemma: Die operativen Zahlen sprechen für Momentum, die Bewertungs- und Risikoargumente für Kontrarität – aber nur, solange das Unternehmen die monetäre Logik überzeugend in Richtung wiederkehrender, stabiler Erträge weiterentwickelt.

Während Salesforce und ServiceNow primär auf etablierte Plattformen und Kundenbasen setzen, rückt Palantir als Wachstumswert mit deutlich anderer Bewertungslogik in den Mittelpunkt. Palantir liefert in den betrachteten Kennzahlen das höchste Wachstum: Der Umsatz stieg im ersten Quartal 2026 um 85 Prozent auf 1,63 Milliarden US-Dollar, das bislang schnellste Wachstum in der Firmengeschichte. Besonders dynamisch ist dabei das US-Geschäft mit 104 Prozent Wachstum sowie das US-Commercial-Geschäft, das durch die Agentenplattform AIP (Artificial Intelligence Platform) um 133 Prozent zulegt. Für das zweite Quartal 2026 erwarten Analysten rund 1,8 Milliarden US-Dollar Umsatz. Das Management hob zudem die Umsatzprognose für das Gesamtjahr 2026 auf 7,65 bis 7,66 Milliarden US-Dollar an – die größte Anhebung in der Unternehmensgeschichte. Gleichzeitig ist die Bewertung eine andere Hausnummer: Im Juli 2026 notierte die Aktie bei mehr als 130 US-Dollar, was einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von über 140 auf Basis der vergangenen 12 Monate und einem Kurs-Umsatz-Verhältnis von fast 60 entspricht. Befürworter verweisen jedoch auf Profitabilitätskennzahlen wie die „Rule of 40“, die zuletzt bei 145 Prozent gelegen habe, sowie eine freie Cashflow-Marge von rund 57 Prozent. Hier zeigt sich der Kern der zweiten großen Investorenfrage: Wird das Agentenwachstum dauerhaft sein, oder handelt es sich vorerst um einen Übergangseffekt, der sich bei abflauendem Infrastruktur-Drive wieder normalisiert?

Microsoft schließlich übernimmt innerhalb der fünf Unternehmen eine Sonderrolle, weil der Konzern sowohl zu den größten Käufern von KI-Infrastruktur als auch zu den zentralen Anbietern von KI-Software gehört. Im dritten Quartal des Geschäftsjahres 2026 lagen die Investitionsausgaben bei 30,9 Milliarden US-Dollar, ein Plus von 84 Prozent gegenüber dem Vorjahr; der annualisierte Umsatz mit KI-Diensten über die Cloudplattform Azure überstieg zuletzt 37 Milliarden US-Dollar. Diese Doppelrolle wirkt wie eine Absicherung: Wenn die Nachfrage nach fertigen KI-Agenten bei Unternehmenskunden etwa über Copilot langsamer wächst, bleibt Microsoft über den Verkauf von Rechenkapazität an andere Anbieter beteiligt; und falls die Nachfrage nach Infrastruktur steigt, profitiert Microsoft auch direkt von seiner eigenen Cloud-Verwertung. So stabilisiert sich der Kurs 2026 bislang deutlich stärker als bei den reineren Softwarewetten. Für europäische Anleger, die das Einzeltitelrisiko begrenzen wollen, werden zudem UCITS-fähige Fonds genannt: Ein direktes UCITS-Pendant zum engen Agentic-AI-Kriterium existiert zwar noch nicht, aber Produkte wie ein WisdomTree-ETF, ein Xtrackers-ETF oder ein iShares-Aktivansatz decken das breitere KI-Universum ab und können damit einen Teil der Unsicherheit aus der Agentic-AI-Definition herausnehmen. Das Entscheidende bleibt jedoch: Wer in den Agenten-Boom investiert, kauft im Kern mindestens zwei Wetten – auf anhaltende Investitionen in Rechenzentren und auf die Frage, ob sich auf Anwendungsebene zusätzliche Erträge in einem möglicherweise verschobenen Lizenz- und Nutzerkonto-Modell durchsetzen.


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