BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – In einer repräsentativen Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“ steigt die große Angst vor höheren Lebenshaltungskosten erneut deutlich. Fast sechs von zehn Menschen fürchten, dass Ausgaben für Einkauf, Miete und Alltag spürbar weiter zunehmen. Besonders hoch ist die Sorge bei Frauen, während die wirtschaftliche Gesamtlage im Alltag als deutlich unsicherer wahrgenommen wird als die eigene Situation. Die Untersuchung wurde von der R+V-Versicherung in Auftrag gegeben und läuft seit 1992.

Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten: Werte erreichen neuen Höchststand
Angst vor steigenden Lebenshaltungskosten: Werte erreichen neuen Höchststand (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Sorge vor steigenden Lebenshaltungskosten hat in Deutschland einen neuen Höhepunkt erreicht. Laut den Ergebnissen der Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen“, die in Berlin vorgestellt wurde, haben 59 Prozent der Befragten große Angst davor, dass die Lebenshaltungskosten weiter steigen. Damit liegt die Ausprägung im Vergleich zum Vorjahr spürbar höher als noch bei 52 Prozent. Die Studie belegt den Spitzenplatz in der Rangliste bereits zum 16. Mal, und sie führt damit fort, was sich über Jahrzehnte in der Wahrnehmung vieler Haushalte festgesetzt hat: Preisentwicklung ist nicht nur ein wirtschaftliches, sondern vor allem ein psychologisches Thema.

Über den Alltagseffekt hinaus liefern die Daten einen klaren Hinweis darauf, wie stark sich Menschen an Veränderungen „dranfühlen“. Die Langzeitstudie wird von der R+V-Versicherung in Auftrag gegeben; für die diesjährige Erhebung wurden zwischen Mai und Juli rund 2.400 Personen ab 14 Jahren befragt. Die Antworten entstanden auf einer Skala von eins bis sieben, wobei Werte fünf bis sieben als „große Angst“ zusammengefasst werden. Die Methodik ist damit so gebaut, dass nicht nur das Thema selbst erhoben wird, sondern auch die Intensität der Befürchtung – und genau diese Intensität wirkt dieses Jahr besonders deutlich.

Rang zwei und drei drehen sich ebenfalls um Belastungsfragen – allerdings mit anderen Ursachen. 53 Prozent nennen große Angst vor Steuererhöhungen und Leistungskürzungen, während 52 Prozent die Überforderung des Staats durch Geflüchtete als besonders belastend einordnen. Dazu passt die Einordnung eines Wirtschaftspsychologen, Burkhard Schmidt von der Hochschule für Wirtschaft und Gesellschaft Ludwigshafen: Er beschreibt die Ergebnisse vor allem als gefühlte Zukunftsangst und Unsicherheit, weniger als direkte Abbildung der realen Lage im Alltag. In den Nachrichten, so das Argument, prallen mehrere Unsicherheitsquellen aufeinander – von politischer Lage über Kriege bis zu gestiegenen Spritpreisen. Wenn Menschen Verluste erwarten, prägt dieses Gefühl ihren Blick auf die Situation besonders stark.

Spannend ist dabei die Differenz zwischen Gesamtwirtschaft und persönlichem Lebensbereich. Laut Studie geben 51 Prozent an, große Angst vor einer schlechteren Wirtschaftslage zu haben – ein Anstieg um 10 Prozentpunkte gegenüber 2025. Gleichzeitig berichten jedoch nur 20 Prozent der Erwerbstätigen davon, den eigenen Arbeitsplatz zu fürchten. Diese Gegenüberstellung lässt sich technisch-analytisch so lesen: Die eigene Lage wirkt für viele stabil, doch Preis- und Nachrichteninformationen erzeugen ein unruhigeres Bild für „die Lage insgesamt“. Das passt auch zur wirtschaftspsychologischen Erklärung, dass die Wahrnehmung nicht auf absolute Preise reagiert, sondern auf den Vergleich mit dem, was Menschen gewohnt waren.

Auch die Kluft zwischen dem, was statistisch gemessen wird, und dem, was Haushalte spüren, lässt sich aus dem Text herausarbeiten. Der Wirtschaftspsychologe verweist darauf, dass die Inflationsrate im Befragungszeitraum moderat gewesen sei und zwischen 2,3 und 2,8 Prozent lag. Dennoch sei das Preisniveau gut 20 Prozent über dem von 2020. Dazu kommen in der Darstellung deutliche Effekte bei den Spritpreisen. Für verletzliche Gruppen – etwa Rentnerinnen und Rentner oder Haushalte mit hohen Energiekosten – werde die Belastung besonders real. Genau hier liegt häufig die Bruchstelle zwischen gesamtwirtschaftlichen Kennzahlen und dem individuellen Budgetgefühl: Selbst wenn die monatliche Veränderung kleiner wirkt, kann die kumulierte Preisverschiebung den Alltag dauerhaft prägen.

Deutliche Unterschiede zeigt die Erhebung außerdem nach Geschlecht. Mit Ausnahme zweier Themen – Angst vor Überforderung des Staats durch Geflüchtete und Angst durch Zuzug aus dem Ausland – fällt die große Angst bei Frauen in den übrigen Kategorien höher aus. So bereitet Frauen die Sorge vor steigenden Lebenshaltungskosten mit 63 Prozent deutlich mehr als Männern mit 55 Prozent. Schmidt interpretiert das nicht als bloße „Ängstlichkeit“, sondern als Folge durchschnittlich schlechterer finanzieller Ausgangslagen. Er nennt als Faktoren unter anderem einen Stundenlohnabstand von rund 16 Prozent sowie ein niedrigeres Alterseinkommen; zudem seien Frauen laut den genannten Statistiken ab 65 im Jahr 2025 bei den Einkünften um etwa 24 Prozent unter Männern gelegen. Ergänzend kommt ein praktischer Mechanismus hinzu: Wer häufiger einkauft, sieht Preisänderungen unmittelbarer – und Preisbewegungen, die man oft erlebt, prägen das Gefühl stärker.

Während finanzielle Sorgen dominieren, rücken andere Themen auffällig nach hinten. Trotz Temperaturrekorden und schweren Waldbränden belegen die Angst vor dem Klimawandel (30 Prozent) und vor Naturkatastrophen (27 Prozent) in der Rangliste nur hintere Plätze. Die Studie nennt dafür explizit: Diese beiden Ängste hatten bisher noch nie so niedrige Werte. Für Unternehmen und Kommunen bedeutet das vor allem eins: Kommunikations- und Unterstützungsangebote müssen derzeit stärker an Budgetdruck und Unsicherheitswahrnehmung andocken als an rein thematische Schlagworte. Gleichzeitig bleibt die Botschaft für politische und wirtschaftliche Akteure anspruchsvoll: Wenn die „Gefühlsebene“ die Rangliste bestimmt, reicht es nicht, einzelne Kennzahlen zu verbessern; es braucht eine glaubwürdige Stabilisierung der Erwartungslage im Alltag.

Technisch betrachtet lässt sich die Studie damit als Stimmungsindikator lesen, der weniger die tatsächliche Kostenlage abbildet als die Verknüpfung von Preiswahrnehmung, Nachrichtenlage und persönlicher Absicherung. Gerade weil die eigene Arbeitsplatzsorge im Vergleich zur Angst vor der Wirtschaftslage niedrig ausfällt, wird ein Teil der Unsicherheit offenbar durch die „Gesamterzählung“ über die Zukunft gespeist. Für Organisationen, die in den Bereichen Pricing, Energiekommunikation oder Sozialprogramme tätig sind, ergibt sich daraus eine klare Konsequenz: Transparenz über Preislogiken, nachvollziehbare Entlastungsmaßnahmen und verlässliche Zeitpläne werden zu Wettbewerbsfaktoren im Alltag, nicht nur zu PR-Themen. Und für viele Haushalte bleibt die wichtigste Frage damit dieselbe wie seit Jahren: Was wird als Nächstes teurer – und worauf kann man sich verlassen?


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