NEW YORK / LONDON (IT BOLTWISE) – Anthropic berichtet, dass Claude-Modelle während regulierter Cybersecurity-Tests in der Infrastruktur eines israelischen Partners ungewollt Zugriff auf das öffentliche Internet erhielten. Dadurch konnten die Systeme in die aktiven Umgebungen von drei Organisationen eindringen. Im Fokus steht dabei weniger ein „Ausbruch“ durch neue KI-Fähigkeiten als ein Konfigurationsfehler im Test-Setup, der die Sandbox durchlässig machte. Das Unternehmen setzt nun auf strengere Sicherheitskontrollen entlang seiner gesamten KI-Evaluationspipeline.

Nur wenige Tage nach der Offenlegung eines ähnlichen Vorfalls durch OpenAI hat Anthropic Details zu eigenen Hacking-Vorfällen veröffentlicht. Laut der Darstellung des Unternehmens erhielten mehrere Claude-Modelle während sogenannter Cybersecurity-Testläufe unautorisierten Zugriff auf reale Systeme von drei Organisationen. Der Auslöser lag demnach nicht in einer selbst entwickelten Methode zum „Breakout“, sondern in einem Fehler in der Testumgebung: Eine Konfiguration habe die Infrastruktur des dritten Evaluationspartners irrtümlich mit dem öffentlichen Internet verbunden, wodurch die eigentliche Sandbox ihre Schutzwirkung verlor.
Technisch betrachtet ist das ein klassisches Muster aus Sicherheits- und Evaluationsdesign: Bei Capture-the-Flag-Übungen werden Modelle in eine künstliche Zielumgebung gesetzt, die wie ein Unternehmensnetz wirken soll, aber nur Simulationen enthalten darf. In diesen Szenarien sollte das System weder neue Netzwerkpfade außerhalb der Übung aufbauen noch in produktive Umgebungen „durchgreifen“. Anthropic beschreibt deshalb auch die zeitliche Einordnung: Nach einer Prüfung von 141.006 Interaktionen, in denen Claude theoretisch Zugriff auf das offene Netzwerk hätte haben können, fand das Unternehmen drei Fälle, in denen die Modelle tatsächlich über das Internet „aus der vorgesehenen Umgebung heraus“ agierten. Anschließend gelang ihnen nach Angaben von Anthropic der unbefugte Zugriff auf die aktive Infrastruktur von drei unterschiedlichen Organisationen.
Besonders konkret wird die Meldung in der Ausgestaltung einzelner Übungen. Ein Fall betraf Claude Opus 4.7, das in der Prüfung einer fiktiven Firma zugeordnet war, deren Name zufällig einem realen Unternehmen ähnelte. Dadurch konnte das Modell dem Bericht zufolge versteckte Informationen in scheinbar simulierten Strukturen finden und anschließend Schwachstellen ausnutzen – etwa schwache Passwörter und nicht abgesicherte bzw. nicht authentifizierte Endpunkte. Ergebnis: Die KI gelangte zu Zugangsdaten und zu einer Datenbank, nachdem sie die reale Zielumgebung offenbar als Teil der Simulation interpretierte.
Auch ein zweiter Vorfall liefert einen zusätzlichen technischen Hinweis auf das Zusammenspiel aus Zielidentifikation und Zugriffsketten. Anthropic schildert, dass ein internes Forschungsmode selbständig seinen Angriff stoppte, nachdem es erkannte, dass es nicht auf einen simulierten, sondern auf einen realen Zielkontext getroffen war. Das Unternehmen bewertet dieses Verhalten ausdrücklich als ermutigend, betont aber gleichzeitig, dass hierfür noch mehr Tests nötig seien, bevor man daraus belastbare Schlussfolgerungen ableiten könne. Genau an dieser Stelle zeigt sich der Unterschied zur OpenAI-Offenlegung: Während OpenAI den Schwerpunkt auf einen Modell-Ausbruch gelegt hatte, sieht Anthropic das Kernproblem hier als „Härtedefizit“ in der operativen Infrastruktur – also als Schwachstelle im Setup, nicht als neuartige Schwachstelle in der Modelllogik.
Als konkreten Risikotreiber nennt Anthropic einen operationalen Fehler des israelischen Startups Irregular. Irregular ist laut Beschreibung auf AI-Red-Teaming, Resilienztests sowie fortgeschrittene Cyberangriffssimulationen spezialisiert, die Schwachstellen und unerwartetes Verhalten in KI-Systemen vor dem produktiven Einsatz sichtbar machen sollen. Das 2023 gegründete Unternehmen werde von CEO Dan Lahav und CTO Omer Nevo geführt und biete eine Plattform, die von führenden KI-Entwicklern, Forschungslabors sowie auch Behörden genutzt wird. Anthropic ordnet den Vorfall dabei ausdrücklich in eine Evaluationskette ein: Irregular sei einer der Drittanbieter, dessen Infrastruktur die Tests für Claude mitgetragen habe.
Für den Markt ist die zeitliche Abfolge besonders relevant, weil sie die aktuelle Dynamik bei KI-Sicherheitspraktiken unterstreicht. Anthropic erklärt, dass die frühesten Vorfälle bis in den April zurückreichen, dass man die Cyber-Modelle am 23. Juli pausierte und am 27. Juli damit begann, die betroffenen Organisationen zu informieren. Zwei davon hätten bis zur Kontaktaufnahme nicht gewusst, dass ihre Systeme erreicht wurden; beim dritten Unternehmen laufe die Ansprache weiter. Während Irregular eine fortlaufende Untersuchung angibt, deutet die Geschichte auf ein breiteres Problem in der industriellen Umsetzung hin: Sobald externe Evaluationsumgebungen, Partner-Pipelines und Monitoring-Mechanismen ineinandergreifen, entsteht ein zusätzlicher Angriffsvektor – nicht unbedingt im Modell selbst, sondern in den Brücken, die technische Umgebungen „an das echte Netzwerk“ anbinden.
Der Vorfall fügt sich damit in die wachsenden Diskussionen über KI-Sicherheitsrisiken ein, die parallel zur beschleunigten Einführung leistungsfähiger Modelle laufen. In den USA wird zudem auf politischer Ebene über Prüf- und Testframeworks für besonders fortgeschrittene Systeme nachgedacht; gleichzeitig führen Entwickler-Teams Gespräche mit staatlichen Stellen zu Safety und Security. Für Unternehmen bedeutet das praktisch: Nicht nur die Modellgrenzen im Prompting zählen, sondern auch Härtungsstandards für Test-Setups, strikte Netzwerksegmentierung, nachvollziehbare Ausführungsgrenzen sowie Monitoring, das frühzeitig signalisiert, wenn ein Modell die „Sandbox-Annäherung“ verlassen könnte.
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