BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Mit dem Herbst steigen in Deutschland wieder die Symptome von Atemwegsinfekten an. Laut Virologen zirkulieren zunächst vor allem Erkältungsviren, die sich auch im Abwassermonitoring zeigen. Eine Schutzmaske kann vor allem dann helfen, wenn Erkrankte sie konsequent tragen. Für schwerere Verläufe bei Risikopatienten empfiehlt die Ständige Impfkommission eine saisonale Strategie gegen Grippe, Covid-19 und RSV.

Atemwegsinfekte starten: Welche Viren zuerst kommen und wer sich impfen sollte
Atemwegsinfekte starten: Welche Viren zuerst kommen und wer sich impfen sollte (Foto: IT BOLTWISE)
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Mit dem Herbst beginnt auch in Deutschland die Phase, in der Atemwegserkrankungen spürbar an Fahrt gewinnen. Bereits in den ersten Wochen berichten Fachleute von einem langsamen Anstieg entsprechender Symptome. In einem Presse-Briefing machte Berit Lange, Leiterin der Abteilung Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig und Mitglied der Ständigen Impfkommission, vor allem den frühen Verlauf deutlich: Aktuell seien zunächst vor allem Erkältungsviren im Umlauf. Der Übergang von „vereinzelt“ zu „regelmäßig“ ist dabei weniger eine Frage einzelner Ereignisse als eine Folge von mehr Kontakten in geschlossenen Räumen, etwa durch den Schulstart, und einer typischen Saisondynamik, die Viren bevorzugt ausnutzen.

Welche Erreger zuerst dominieren, lässt sich laut Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München, nicht nur klinisch beobachten, sondern auch indirekt messen. In der Frühphase würden zunächst die sogenannten Nicht-Influenza-Viren sichtbar, darunter Rhinoviren und Parainfluenzaviren. Besonders relevant ist dabei, dass gegen einige dieser Viren keine spezifischen Impfstoffe verfügbar sind. Protzer ordnete das Abwassermonitoring als wichtigen Indikator ein: Die Viren seien dort zu sehen, sodass sich Änderungen im Verlauf auch ohne symptomatische Meldelücken nachvollziehen lassen. Dass parallel in vielen Bundesländern die Schule wieder begonnen habe, passe in dieses Bild; auch Großveranstaltungen mit hoher Personendichte können den Start der Saison zusätzlich verstärken.

Praktisch heißt das: Die häufig als „harmlos“ eingeordneten Erkältungen sind nicht in jedem Fall unkritisch. Gerade für Menschen mit geschwächtem Immunsystem können schon vermeintlich gewöhnliche Infekte zu schweren Verläufen führen, bis hin zu Krankenhausaufenthalten und der Notwendigkeit intensivmedizinischer Behandlung. Protzer verwies deshalb auf nicht-pharmakologische Schutzmaßnahmen, insbesondere auf Masken als ergänzendes Werkzeug. Der Nutzen entstehe vor allem dann, wenn Erkrankte die Maske konsequent tragen und dadurch die Übertragungskette in den ersten Tagen der Erkrankung messbar brechen. Diese Perspektive ist auch deshalb wichtig, weil sie unabhängig von der Verfügbarkeit eines Impfstoffs funktioniert und sich relativ schnell im Alltag umsetzen lässt.

Wie es nach den Erkältungsviren weitergeht, wird in der Saisondynamik zunehmend durch andere Erreger geprägt. Erfahrungsgemäß könne anschließend das Coronavirus in den Vordergrund rücken, erklärte Lange. Dabei sei eine Infektionswelle sogar schon im Spätsommer möglich. Im weiteren Verlauf Richtung Jahresende und zum Beginn des nächsten Jahres erwarten Fachleute dann auch wieder eine größere Rolle von Grippe- und RSV-Viren. Die Vorhersagbarkeit ist jedoch zeitlich abgestuft: Was in den kommenden zwei bis vier Wochen passiert, lässt sich relativ gut einschätzen. Deutlich schwieriger wird es, die gesamte Saison bis zum Höhepunkt zu modellieren, weil sich die Viren fortlaufend verändern. Protzer nannte als Gründe unter anderem Varianten, die sich besser vermehren, ansteckender sind oder vom Immunsystem schlechter erkannt werden.

Technisch und epidemiologisch hängt der Verlauf außerdem stark davon ab, wie viele Menschen sich impfen lassen. Impfungen verändern nicht nur das Risiko des Einzelnen, sondern auch die „Immunitätslandschaft“ in der Bevölkerung: Dadurch kann die effektive Übertragungskette brechen oder zumindest verlangsamt werden. Für die Einschätzung von Impfwirksamkeit ist zudem entscheidend, wie gut der verwendete Impfstoff die jeweils zirkulierenden Varianten „trifft“. Protzer sagte, dass die momentan eingesetzten Impfstoffe gegen Coronaviren gut schützen – auch gegen neu auftretende Varianten. Bei Influenza sei die Situation laut Protzer differenzierter, weil sich die Viren hier manchmal relativ stark verändern können und das Immunsystem dann weniger vorbereitet ist.

Genau an dieser Stelle kommt die Anpassung überregionale Überwachung ins Spiel. Protzer verwies auf die Überwachung auf der Südhalbkugel, bei der dort zirkulierende Viren untersucht und die Impfstoffe anschließend entsprechend angepasst würden. Die Idee dahinter ist historisch gewachsen: Saisonale Impfstoffe sind kein einmaliges Produkt, sondern werden jedes Jahr in einem engen Zeitfenster aktualisiert, damit die Antikörperreaktion möglichst gut an die realen Erreger angepasst ist. Die momentane Zusammensetzung der Impfstoffe sei etwa darauf abgestimmt, was in Australien zirkuliert. Für Unternehmen und Gesundheitsdienstleister ist das relevant, weil sich dadurch Planbarkeit ergibt: Impfkampagnen und logistische Abläufe können sich an wiederkehrenden Beschaffungs- und Empfehlungskadenz orientieren, statt jedes Jahr bei Null zu starten.

Welche Gruppen in Deutschland konkret im Fokus stehen, ist klar beschrieben: Die Ständige Impfkommission empfiehlt Impfungen gegen Grippe unter anderem für Menschen ab 60 Jahren sowie für Personen mit Vorerkrankungen, für Schwangere und für Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen. Gegen Covid-19 und RSV werden Impfungen für Menschen ab 75 Jahren empfohlen, außerdem für jüngere Personen mit Grunderkrankungen. Nach dem Aufbau des Impfschutzes dauert es laut Angaben etwa zwei Wochen, bis der Schutz wirksam ist, und er hält dann mehrere Monate. Wichtig ist auch, dass Impfstoffe aus der vergangenen Saison laut dem Stiko-Vorsitzenden Reinhard Berner weiterhin einen ausreichend guten Schutz bieten können. Für andere Altersgruppen gibt es vielerorts ebenfalls Impfangebote, vor allem gegen Grippe.

Umsetzung findet vor allem in der Regelversorgung statt: Geimpft werden könne unter anderem bei Hausärzten, Betriebsärzten und in Apotheken. Die Zahl der Apotheken, die Impfungen anbieten, habe sich in den vergangenen Jahren gesteigert, teilte die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände mit. Trotz dieser erweiterten Zugangswege gibt es laut Berner seit Jahren unzureichende Impfquoten – besonders bei Menschen, die wegen Grunderkrankungen besonders geschützt werden müssten. Unter Grunderkrankungen versteht man dabei bestehende Erkrankungen, die mit einem erhöhten Risiko für schwerere Verläufe bei Infektionskrankheiten einhergehen. Berner nannte Zahlen, die vor allem die Lücke bei Risikogruppen im Blick behalten: Gegen Influenza ließen sich etwa 30 bis 40 Prozent der erwachsenen Menschen mit Grunderkrankungen impfen, bei Kindern mit Grunderkrankungen lägen die Werte bei etwa 10 Prozent. „Wir nehmen in Kauf, dass 90 Prozent unserer gefährdeten Kinder nicht geschützt sind“, lautet die zugespitzte Aussage, die den Handlungsdruck sichtbar macht.

Der Bedarf wird auch durch die letzte Saison untermauert: Für die Wintersaison 2025/26 nennt das Robert Koch-Institut rund 180 Millionen Atemwegserkrankungen, darunter Influenza, Covid-19 und RSV-Erkrankungen sowie Rhinoviren oder saisonale Coronaviren. Kleinkinder hatten im Durchschnitt 4,6 akute Atemwegserkrankungen, Erwachsene ab 60 Jahren im Schnitt 1,3. Zudem wurden etwa 429.000 Fälle von schweren akuten respiratorischen Infekten deutschlandweit in Kliniken behandelt, rund 22.700 Menschen starben. Solche Größenordnungen erklären, warum es nicht nur um individuelle Vorsorge geht, sondern auch um Systemstabilität im Gesundheitswesen. Berner plädierte zudem dafür, Impfungen auch im Krankenhaus durchführen zu können, mit Kostenübernahme durch die Krankenkassen – ein Vorschlag, der dort ansetzt, wo Risikopatienten ohnehin medizinisch angebunden sind.


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