WIEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Der Wiener Leitindex ATX ist am Dienstag nach einem stündigen Minus ohne klare Richtung aus dem Handel gegangen. Der Rekordschluss vom Vortag bleibt praktisch unverändert bei 6.905,58 Punkten, während der ATX Prime nur um 0,01 Prozent zulegt. Im Fokus steht weiter der Einfluss der Ölpreise, die sich wegen der Lage im Nahen Osten an die 100-Dollar-Marke annähern. Parallel richtet sich der Blick auf die EZB-Sitzung am Donnerstag, zu der eine Zinserhöhung um 0,25 Prozentpunkte erwartet wird.

ATX bleibt am Dienstag stabil: Ölpreise und EZB treiben die Stimmung
ATX bleibt am Dienstag stabil: Ölpreise und EZB treiben die Stimmung (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Wiener Börse hat den Handel am Dienstag mit einer überraschend ruhigen Tendenz beendet: Der Leitindex ATX ging nach einem zeitweisen Rücksetzer von 6.813 Zählern wieder nahe an seinen Rekordschluss vom Vortag zurück und blieb bei 6.905,58 Punkten faktisch unbewegt. Für viele Trader ist das weniger ein Zeichen von Entspannung als ein Hinweis auf abwartende Positionierung vor klaren Triggern. Auch der breitere ATX Prime konnte nur minimal zulegen und schloss mit plus 0,01 Prozent bei 3.390,37 Einheiten.

Technisch betrachtet bewegt sich der Markt damit in einer engen Spanne, obwohl sich die Makro-Komponenten nicht beruhigt haben. Der wichtigste Hebel blieb laut der Marktkommentierung von Jürgen Molnar vom Handelshaus Robomarkets der Ölpreis: „Der Ölpreis bleibt damit das Fieberthermometer der Aktienmärkte“. Dass sich die Notierungen infolge des Iran-Konflikts der 100-Dollar-Marke näherten, wirkt in Europa typischerweise doppelt: als Kostentreiber über Energiepreise und als Verstärker für Inflationssorgen. In so einem Umfeld werden Kursbewegungen oft erst dann größer, wenn der Markt Einschätzungen zur geldpolitischen Reaktion in konkrete Szenarien übersetzt.

Genau diese Übersetzung ist vor der EZB-Sitzung am Donnerstag zum dominierenden Thema geworden. Nahezu einhellig erwarten die von der Nachrichtenagentur Bloomberg befragten Volkswirte eine Anhebung um 0,25 Prozentpunkte auf 2,50 Prozent. Dass zugleich an den Terminmärkten eine Zinserhöhung fest eingepreist ist, reduziert zwar kurzfristig die Überraschungsgefahr, verlagert aber die Aufmerksamkeit auf den zweiten Schritt: Welche Begründung liefert die EZB, und wie wird die weitere Linie bis zur nächsten Entscheidung kommuniziert? Für die Aktienmärkte bedeutet das, dass Sektorrotationen stärker von Erwartungsdynamiken getrieben werden als von Fundamentaldaten des Tages.

Auf Einzelwertebene stachen zunächst die Finanzwerte heraus. An der Spitze des österreichischen ATX-Segments gewannen die Aktien der Raiffeisen Bank International (RBI) 2,8 Prozent. Hintergrund ist eine gerichtliche Auseinandersetzung mit der russischen Strabag-Aktionärsstruktur (STRABAG SE): Laut der Meldung verzichtete Rasperia Trading Limited auf die rechtzeitige Beantwortung einer Milliardenklage der RBI. Damit dürfte eine Entscheidung des Landesgerichts für Zivilrechtssachen Wien zugunsten der Bank nur noch eine Frage der Zeit sein, was in solchen Phasen häufig den Bewertungshebel zugunsten des Klägers verschiebt. Strabag selbst legte im Anschluss um 2,1 Prozent zu, was zeigt, dass der Markt die Unsicherheitsreste nicht komplett auspreist.

Auch innerhalb der Bankenlandschaft blieb das Bild uneinheitlich. BAWAG stieg um 0,7 Prozent, während Erste Group Bank um 0,8 Prozent nachgab. Neben der Geldpolitik und den Zinserwartungen wirken bei Finanzwerten in Wien allerdings auch idiosynkratische Katalysatoren wie operative Trends oder Kapitalmarktkommunikation. Im Energie- und Versorgungsbereich spielte dagegen die makrogetriebene Bewegung der Rohstoffseite mit hinein: EVN gewann 1,73 Prozent auf 29,40 Euro, Verbund stieg um 1,9 Prozent und OMV kletterte um 0,7 Prozent im Windschatten der Ölpreise. Für Verbund und OMV ist das Muster typisch: Je näher die Energiepreise an für Unternehmensgewinne kritische Schwellen rücken, desto schneller reagiert der Markt mit Neubewertungen.

Daneben lieferten Analystenstimmen zusätzliche Impulse. Die Erste-Group-Analysten hatten ihr Kursziel für EVN beziehungsweise die Titel des Energieversorgers leicht von 36,00 auf 36,50 Euro angehoben und die Kaufempfehlung „Buy“ beibehalten. Bei Andritz dagegen überwog die vorsichtigere Einschätzung: Der Anlagenbauer verlor 0,24 Prozent auf 83,60 Euro, nachdem die Wiener Privatbank die Empfehlung von „Kaufen“ auf „Halten“ gesenkt hatte. Interessant ist hier die Mischung aus Risikokontrolle und Fortschrittsmeldung: Das Kursziel (fairer Wert) wurde zwar von 84,6 Euro auf 86,5 Euro erhöht, zugleich meldete Andritz ein Megaprojekt in der Slowakei mit einem Auftragswert im mittleren dreistelligen Millionen-Euro-Bereich. Andritz soll dabei gemeinsam mit Vuje das Wasserkraftwerk Gabčíkovo an der Donau erneuern und modernisieren.

Während Energie und Infrastruktur punktuell zulegten, blieb der Technologieteil des Marktes gebremst. Die Aktien von AT&S spiegelten die „Launenhaftigkeit“ der KI-Phantasien: Schwache internationale Vorgaben drückten den Kurs um 4,7 Prozent nach unten, nachdem er am Vortag noch um 5,3 Prozent gestiegen war. Solche Ausschläge sind in Märkten mit starker Erwartungskomponente häufig zu sehen, wenn externe Signale die Bewertungsprämie für Zukunftsthemen reduzieren. Im ATX-Prime-Segment zeigten RHI Magnesita mit plus 3,3 Prozent zudem, dass einzelne Werte trotz des breiten Abwartens klare Käufer finden können.

Unterm Strich bleibt der Dienstag in Wien ein Tag der Vorbereitung: Der ATX bewegt sich eng, während Ölpreise und EZB-Kommunikation die Richtungssuche bestimmen. Für Anleger bedeutet das vor allem, dass kurzfristige Risikoaufschläge weniger durch neue Unternehmensnachrichten entstehen, sondern durch die Frage, wie stark Inflationserwartungen und Zinskurve nach der EZB-Sitzung konkret neu kalibriert werden. Sobald die Entscheidung gefallen ist, dürfte sich die bislang seitliche Bewegung wahrscheinlicher in selektive Trends verwandeln – und zwar genau in den Branchen, in denen sich Energie- und Finanzierungskosten am schnellsten in Gewinndynamiken übersetzen.


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