PERTH / LONDON (IT BOLTWISE) – Ein australischer Anbieter entwickelt mit Rheinmetall Defence Australia die Avalon-Human-Machine-Interface-Software für den Boxer. Operatoren sollen unbemannte Systeme in der Luft und am Boden künftig per Sprache steuern können, während der Kommandant zugleich seine üblichen Crew-Aufgaben erledigt. Das Projekt läuft zwölf Monate auf technische Reife zu; erste Tests sind für Mitte 2027 eingeplant. Damit rückt die Idee eines „digitalen Crew-Mitglieds“ näher an eine praxistaugliche taktische Bedienung.

Avalon-HMI: Voice-Steuerung für Boxer-Drohnenverbände in 12 Monaten Reifezeit
Avalon-HMI: Voice-Steuerung für Boxer-Drohnenverbände in 12 Monaten Reifezeit (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Bedienung unbemannter Systeme wird an der Front weniger durch Sensorik und mehr durch Schnittstellen entschieden. Genau hier setzt das Avalon Human-Machine Interface (HMI) an, das Breaker Industries zusammen mit Rheinmetall Defence Australia für den Boxer 8×8 weiterentwickeln will. Die Idee ist vergleichsweise konsequent: Statt zusätzliche Personalressourcen ausschließlich für die Drohnensteuerung vorzusehen, soll ein Kommandant mit verbal formulierten Anweisungen Aufgaben an mehrere unbemannte Einheiten übergeben können – während er parallel den normalen Ablauf in seiner Rolle aufrechterhält. Breaker adressiert damit ein Kernproblem heutiger Operationen: Je stärker autonome Systeme in taktische Abläufe eindringen, desto mehr stellt sich die Frage, wie sich ihr Verhalten intuitiv, fehlerarm und mit minimaler Zusatzlast steuern lässt.

Technisch beschreibt Breaker den Ansatz als „digital crew member“ und koppelt ihn an die vorhandenen Bedienelemente des Fahrzeugs. In der Projektlogik läuft es darauf hinaus, dass die Software-Komponente die Spracheingaben – auf Basis eines Sprachstils, der dem der Bedienung von Soldaten ähneln soll – in Handlungen für Drohnen und Bodenplattformen übersetzt. Michael Irwin, Co-Founder von Breaker, hat bei einer Demonstration gezeigt, wie Sprachkommandos ausreichen, um unbemannte Systeme auszuführen; dabei nutzte der Demonstrator eine Einweisung von weniger als 30 Minuten und kontrollierte eine Drohnenschwarm-ähnliche Konfiguration über Headset und Mikrofon des Boxers. Wichtig ist die Kontextierung: Die Steuerung lief nicht als isolierte Übung, sondern während der Demonstrator gleichzeitig typische Aufgaben eines Crew-Kommandanten wahrnahm.

Dass Rheinmetall Avalon als „step change in armored vehicle operations capability“ einordnet, passt in eine breitere Entwicklung der letzten Jahre. In vielen Streitkräften ist der Trend erkennbar, unbemannte Systeme nicht mehr als „Nebenmission“, sondern als integrierten Bestandteil einer Gefechtsformation zu behandeln. Damit steigt aber der Bedarf an einer Bedienlogik, die nicht jedes Szenario in neue Menüs und Schaltpläne übersetzt. Wenn Irwin formuliert: „The goal is to allow an armored vehicle crew to easily work with teams of those autonomous systems like they were working with another crew member.“, dann beschreibt er weniger eine Komfortfunktion als eine Prozessänderung. Ein Kommandant arbeitet dann mit Drohnen nicht als getrennte Operatoren, sondern wie mit zusätzlichen „Werkzeug“-Bausteinen, deren Einsatz sich schnell, wiederholbar und möglichst sprachgestützt orchestrieren lässt.

Für die Einsatzrelevanz spielt die Plattformwahl eine zentrale Rolle. Breaker entschied sich für den Boxer als Launch-Plattform, weil das Fahrzeug über eine „digitized backbone“ verfügt und damit Schnittstellen und Rechen-/Kommunikationsressourcen für eine HMI-Erweiterung mitbringt. Die Zusammenarbeit ist eng getaktet: Die beiden Firmen unterzeichneten am 6. Oktober eine Teaming-Vereinbarung – zum Auftakt der Land Forces 2026 in Perth – und peilen zwölf Monate Entwicklungsarbeit an, bevor die Reife für die vorgesehenen Tests erreicht ist. Diese Trials sollen Mitte 2027 stattfinden. Im Hintergrund wirkt außerdem die Auftragslage für den Boxer: Die australische Armee beschafft 211 Fahrzeuge, die Produktion läuft bei Rheinmetall an einem Standort nahe Brisbane. Gerade weil Boxer in der Rolle von Kavallerieeinheiten eingesetzt werden, könnte die nahtlose Integration von Aufklärungs- und Wirk-Assets helfen, Sichtbereiche „um die nächste Ecke“ oder „über die nächste Anhöhe“ früher zu erschließen – also dort, wo Geländewechsel die Sensorabdeckung ohnehin reduzieren.

Unmittelbar interessant für die Technologieplanung ist die Frage, wie stark Avalon auch über den australischen Kontext hinaus skaliert. Irwin sieht Anwendungsmöglichkeiten nicht nur im Boxer, sondern auch in anderen Plattformen der australischen Streitkräfte, konkret nennt er Hanwha’s AS21 Redback als Kandidaten. Auf Rheinmetall-Seite betont Nathan Poyner, Managing Director von Rheinmetall Defence Australia, es gebe „most definitely“ die Chance, Avalon auch bei weiteren Boxer-Nutzern zu platzieren, darunter in Europa. Ergänzend weist die Meldung auf Variantenvielfalt hin: Für Australien sind sechs unterschiedliche Boxer-Varianten vorgesehen, fünf davon sollen bereits ihre Entwicklung abgeschlossen haben. Dazu kommt der Hinweis, dass mehr als 50% des Boxer-Inhalts in Australien gefertigt werden; für ein HMI wie Avalon bedeutet das vor allem, dass die Systemintegration und die Lieferkette für Hard- und Software näher am Einsatzraum stattfindet – was wiederum die Anpassungsfähigkeit an lokale Kommunikations- und Integrationsanforderungen erhöhen kann.

Gleichzeitig bleibt ein technisches und kulturelles Gefälle zwischen „sprechbar“ und „automatisierbar“. Irwin hält zwar die nächste Evolutionsstufe für möglich, sagt aber ausdrücklich: „It’s technically feasible, but there’s a whole lot of cultural barriers to get through“ – also dass die Hürde weniger in der Machbarkeit liegt als in Akzeptanz, Trainingslogik und Betriebsverfahren. Ein Beispiel liefert er ebenfalls: Langfristig könnte sogar die Fahrzeugbewaffnung per Sprache mit Beobachtungsaufträgen konfiguriert werden, etwa indem der Turm eine bestimmte Beobachtungsachse „im Blick behalten“ soll. Für Entscheidungsträger ergibt sich daraus eine klare Stoßrichtung: Avalon ist nicht nur eine neue Bedienoberfläche, sondern ein Schritt hin zu einer Sprache als „Betriebssprache“ für taktische Steuerung. Wer solche Interfaces in Beschaffung und Einsatzplanung übernimmt, muss damit rechnen, dass Softwarepflege, Nutzertrainings und Validierung der Kommandosemantik künftig genauso wichtig werden wie die reine Verfügbarkeit der Drohnenplattformen.


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