ENGLAND / LONDON (IT BOLTWISE) – Avivas CEO Amanda Blanc warnt, dass neu errichtete Immobilien in Überschwemmungsgebieten in ganz England innerhalb weniger Jahrzehnte unversicherbar werden könnten. Hintergrund ist die Sorge, dass Klimawandel und fortschreitende Bebauung das Schadenrisiko für Versicherer stark erhöhen. Setzt sich die Baupraxis fort, sollen in den kommenden zehn Jahren rund 115.000 Häuser in ausgewiesenen Überschwemmungszonen entstehen. Für Käufer, Bauherren und Politik wird damit vor allem die Frage nach bezahlbaren Policen und tragfähigen Bauauflagen immer dringlicher.

Versicherbarkeit ist im Immobilienmarkt mehr als eine Randbedingung: Sie entscheidet darüber, ob ein Objekt überhaupt finanzierbar ist und zu welchem Preis. Genau an diesem Punkt setzt die Warnung von Aviva an. Amanda Blanc, CEO des britischen Versicherers, stellt in den Raum, dass neu errichtete Immobilien in Überschwemmungsgebieten in ganz England über die Zeit unversicherbar werden könnten. Der Kern der Aussage ist dabei weniger ein kurzfristiger Effekt, sondern ein Trägheitsproblem: Wenn sich die Risikolage im Hintergrund dauerhaft verschiebt, ändern Versicherer ihre Modellannahmen, ihre Preislogik und im Extremfall ihre Zeichnungspolitik.
Technisch betrachtet hängt die Versicherbarkeit von mehreren Faktoren ab, die sich bei Hochwasserrisiken gegenseitig verstärken. Versicherer bewerten typischerweise die Kombination aus Eintrittswahrscheinlichkeit, Schadenhöhe, Wiederkehrintervallen und den Auswirkungen auf das Portfolio als Ganzes. Wenn in hochwassergefährdeten Zonen mehr gebaut wird, steigt mit jedem zusätzlichen Objekt die Exponierung, und damit auch das erwartete Schadenaufkommen. Gleichzeitig können sich die Schadenprofile verändern: Nicht jede Flut folgt dem gleichen Muster, und selbst wenn Ereignisse statistisch „ähnlich“ bleiben, kann die Summierung aus mehr Gebäuden und höheren Schadenskosten zu spürbar höheren erwarteten Verlusten führen. Genau diese Mechanik beschreibt die Aviva-Warnung, indem sie den Zusammenhang zwischen Baufortschritt in sensiblen Arealen und der langfristigen Versicherbarkeit herausstellt.
Konkrete Größenordnungen untermauern die Dringlichkeit. Laut der Einschätzung, die Aviva kommuniziert, könnten bei Fortsetzung der derzeitigen Baupraktiken in den kommenden zehn Jahren rund 115.000 Häuser in ausgewiesenen Überschwemmungszonen entstehen. Das ist eine Zahl, die nicht nur städtebaulich, sondern auch versicherungsmathematisch ins Gewicht fällt: Eine solche Zunahme an potenziellen Schadenobjekten verändert die Risikolandschaft für Anbieter über mehrere Produkte hinweg, von der Gebäudepolice bis hin zu Policen, die über Kredit- und Baufinanzierungen wirtschaftlich mitverknüpft sind. Für Hauseigentümer bedeutet das im Alltag vor allem eine Unsicherheit darüber, ob sie zu bezahlbaren Konditionen Deckung finden oder ob Prämien in eine Größenordnung kippen, die Finanzierungsmodelle belasten kann.
Für den Immobilienmarkt wäre das der harte Schnittpunkt zwischen Risiko und Liquidität. Wenn Objekte aufgrund ihrer Lage nicht mehr versichert werden können oder die Prämien „prohibitiv“ steigen, wirkt sich das direkt auf den Marktwert aus. Kaufinteressenten kalkulieren dann nicht nur mit dem Baupreis und den laufenden Nebenkosten, sondern auch mit der Frage, ob die Absicherung des Gebäudes langfristig planbar bleibt. Banken wiederum bewerten Risiken in der Regel nicht isoliert, sondern entlang der gesamten „Verwertbarkeit“ eines Sicherheitenpakets. In diesem Szenario kann die Kreditvergabe zäher werden, weil die Annahme sinkt, dass ein Objekt im Schadenfall wirtschaftlich ausreichend geschützt und werthaltig bleibt.
Darüber hinaus verschiebt sich die Debatte von der Versicherungstaktik hin zur Landnutzungsplanung. Die Aviva-Warnung legt nahe, dass Bauherren, Käufer und politische Entscheidungsträger eine Neubewertung der Bauvorschriften und der Flächennutzung brauchen, insbesondere dort, wo Hochwasserrisiken bereits heute als erhöht eingestuft sind. Versicherer würden in einer solchen Entwicklung voraussichtlich ihren Druck auf Regierungen und lokale Behörden erhöhen, strengere Auflagen für Neubauten umzusetzen. Dazu gehört nicht zwingend nur „weniger Bauen“ in Gefahrengebieten, sondern auch die Förderung alternativer Hochwasserschutzlösungen: Dazu zählen etwa bauliche Anpassungen, die Risikokosten im Schadensfall senken können, oder Maßnahmen, die das Risiko in der Fläche reduzieren statt nur am Gebäude zu reagieren.
Am Ende wird das Ganze zu einer Frage der Anpassungsfähigkeit über die gesamte Wertschöpfungskette. Die Aussage von Amanda Blanc betont, dass nachhaltige und risikoarme Bauweisen an Bedeutung gewinnen, weil Klimarisiken den Bewertungsmaßstab für Immobilien zunehmend beeinflussen. Für die Branche heißt das: Risikomodelle müssen schneller aktualisiert werden, Vertriebs- und Underwriting-Strategien müssen sich an neue Schadentrends anpassen, und Investoren brauchen Klarheit über langfristige Szenarien. Für Eigentümer bedeutet es, dass „Wohnen“ und „Versichern“ künftig stärker zusammen gedacht werden müssen – nicht erst im Schadensfall, sondern bereits bei der Frage, wo und wie gebaut wird.
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