KÖLN / LONDON (IT BOLTWISE) – AZuR hat die Gewinner des Startup-Wettbewerbs „Loop the Tyre 2026“ in sein europäisches Kompetenznetzwerk aufgenommen. Die drei Erstplatzierten erhalten neben insgesamt 6.000 Euro eine zweijährige Partnerschaft, um Technologien für einen Reifen-zu-Reifen-Kreislauf in Richtung Industrieeinsatz zu treiben. Im Fokus stehen KI-basierte Bewertungssysteme, wiederverwendbares Sekundärmaterial sowie kontinuierliche Prozesse zur Devulkanisation. Damit verschiebt sich die Innovationstaktung von der Laborphase stärker in praxistaugliche Wertschöpfung entlang der gesamten Kette.

Der AZuR-Wettbewerb „Loop the Tyre 2026“ ist kein reiner Pitch-Contest, sondern zielt auf eine konkrete Umstellung der Wertschöpfung im Reifenbereich. Die Allianz Zukunft Reifen (AZuR) hat die drei Erstplatzierten inzwischen in ihr europäisches Kompetenznetzwerk aufgenommen – mit einer zweijährigen Partnerschaft, die über das Preisgeld hinaus Zugang zu Industriepartnern, Forschungseinrichtungen und Expertinnen und Experten entlang der gesamten Kette schafft. Diese Struktur ist entscheidend, weil ein kreislauffähiger Reifen-Workflow selten an einer einzelnen Stelle scheitert: von der Erfassung des Zustands über Materialaufbereitung bis zur späteren Qualitätsabsicherung.
Technologisch beginnt die Reise bei der Bewertung. Den ersten Platz belegte Machine-Vision.io aus Reutlingen. Das Startup entwickelt KI-gestützte Systeme, die Gebraucht- und Altreifen automatisiert prüfen und sortieren sollen. Im Kern kombinieren die Ansätze Bildverarbeitung mit Laserscannern und Künstlicher Intelligenz, um Parameter wie Reifengröße, Profiltiefe, Produktionsdaten und sichtbare Schäden zu erfassen. Für die Kreislaufstrategie bedeutet das: Erst wenn Zustand und Eignung nachvollziehbar sind, lässt sich ein Reifen gezielt der Wiederverwendung, Runderneuerung oder Verwertung zuordnen. Das ist auch ein Datenproblem, nicht nur ein Sensorikproblem.
Auf Platz zwei folgt ein Materialfokus, der an einer anderen Engstelle ansetzt: Sustainable Rubber Solutions (SRS) aus den Niederlanden arbeitet mit funktionalisiertem Mikrongummipulver, das aus Altreifen gewonnen wird und erneut in Gummimischungen eingesetzt werden kann. Funktionalisierung ist dabei mehr als „Pulver statt Stück“: Durch gezielte chemische Oberflächenanpassungen soll sich das Sekundärmaterial besser in Elastomermischungen einbinden lassen. Für Hersteller ist das relevant, weil Materialeigenschaften wie Elastizität, Alterungsstabilität und Verbundeigenschaften über die spätere Produktqualität entscheiden. In Vergleich zu klassischen Recyclingwegen verspricht dieser Ansatz eine höhere Prozessfähigkeit, reduziert aber gleichzeitig Anforderungen an Qualitätskontrolle und Rezeptur-Validierung.
Der dritte Platz, das österreichische Forschungsprojekt ReTyre, adressiert wiederum den zentralen Schritt der Aufbereitung: Devulkanisation. Ziel ist ein kontinuierlicher Prozess, mit dem Reifengummi so behandelt werden soll, dass er wieder in die Reifenproduktion zurückgeführt werden kann – ohne die wesentlichen Materialeigenschaften zu verlieren. Kontinuierliche Devulkanisation unterscheidet sich dabei von Batch-Verfahren vor allem durch Durchsatz, Prozessstabilität und Skalierbarkeit. Wer industrielle Anwendungen anstrebt, muss genau diese Aspekte im Griff haben: Temperaturführung, Energieeffizienz, Ausbeute und die Homogenität des aufbereiteten Materials. Für die Kreislaufwirtschaft ist das der Teil, an dem „wissenschaftlich machbar“ zu „wirtschaftlich darstellbar“ werden muss.
Im Marktkontext zeigt sich: Der Wettbewerb von Lösungen für nachhaltige Reifen ist real, aber die Wege unterscheiden sich. Große Reifenhersteller wie Michelin oder Bridgestone investieren seit Jahren in Runderneuerung und Recyclingpfade, oft mit eigenen Qualitäts- und Prozessstandards. Parallel entstehen spezialisierte Tech-Angebote, die die Brücke zwischen Logistik, Qualitätsmessung und Produktionsplanung schlagen. Experten betonen deshalb häufig, dass Kreislauftechnologien ohne verlässliche Datengrundlagen an den Schnittstellen ausgebremst werden. Ein Branchenkommentar bringt es auf den Punkt: „Der Unterschied zwischen einem Pilot und einer Skalierung liegt in der messbaren Reproduzierbarkeit über Chargen hinweg.“ Genau darauf zielen AZuR und die jetzt geförderten Teams.
Regulatorisch und sicherheitstechnisch kommt noch eine zweite Realität hinzu: EU-weit wird die Kreislaufwirtschaft enger mit Abfall-, Produkt- und Chemievorgaben verknüpft. Dazu zählen Rahmenwerke wie der European Green Deal und konkrete Schritte zur Kreislaufwirtschaft, die über Zertifizierung, Nachweispflichten und ökologische Kenngrößen in den Alltag der Unternehmen wirken. Für KI-Systeme in der Reifenbewertung bedeutet das: Modelle müssen erklärbar genug sein, um Qualitätsentscheidungen zu unterstützen, und sie brauchen robuste Validierung gegen Datenverschiebung (Data Drift). Gleichzeitig erfordern Materialpfade (Mikrongummipulver) sowie Devulkanisation erhöhte Sorgfalt bei Schadstoff- und Prozesskontrollen, damit Sekundärrohstoffe nicht zu einem neuen Compliance-Risiko werden. Die AZuR-Partnerschaft ist in diesem Umfeld ein Versuch, Technik, Daten und Standards früh zusammenzuführen.
Aus der Perspektive der Umsetzung stellt sich die Frage, wie schnell aus den drei Ansätzen skalierbare Industrieprozesse werden. AZuR nennt als Absicht, die Technologien im Netzwerk weiter zu erproben und für den industriellen Einsatz zu entwickeln. Der Zeitvorteil entsteht dabei durch die zweijährige Laufzeit: Teams können nicht nur Prototypen verbessern, sondern auch Integrationen an echten Prozessketten testen, etwa in der Logistik für Altreifen, in der Qualitätssicherung oder in der Rohstofffreigabe. Für Entwicklerinnen und Entwickler wird das außerdem interessant, weil sich hier MLOps- und Prozessdaten-Anforderungen direkt aus der Domäne ergeben: Sensorikdaten, Labeling-Strategien, Modellmonitoring und die Kopplung an Produktionsparameter. Der wahrscheinlichste Ausblick: In den nächsten Iterationen werden „Bewertung, Aufbereitung und Rückführung“ stärker als durchgängige Plattform betrachtet, statt als getrennte Einzelprojekte.
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