BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Bahn und Bund planen bis 2031 deutlich weniger Generalsanierungen als ursprünglich vorgesehen. Statt 21 sollen nur 13 vielbefahrene Strecken umfassend erneuert werden, die übrigen Projekte werden später priorisiert. Gleichzeitig soll der Umbau stärker auf besser vorbereitete Umleitungen ausgerichtet werden, und nach den Arbeiten sollen die Strecken konsequent für das digitale Zugleitsystem ETCS bereit sein. Die Umstellung betrifft auch den politischen und betrieblichen Kurswechsel, der aus früheren Verzögerungen abgeleitet wurde.

Bahn reduziert Generalsanierungen bis 2031 und stärkt ETCS-Vorbereitung
Bahn reduziert Generalsanierungen bis 2031 und stärkt ETCS-Vorbereitung (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Generalsanierungsoffensive der Bahn bekommt bis 2031 eine deutlich andere Schlagzahl: Bis zum Jahr 2031 sollen nur noch 13 statt 21 Strecken umfassend erneuert werden, wie Bahn und Verkehrsministerium mit Blick auf die kommenden fünf Jahre ankündigten. „Es werden keine Korridorsanierungen gestrichen, sondern nur verschoben“, hieß es dabei sinngemäß. Für Unternehmen im Schienengüterverkehr ist das nicht nur ein Mengenargument, sondern vor allem ein Timing-Thema: Wenn weniger Strecken gleichzeitig aus dem Regelbetrieb fallen, sinkt tendenziell der Druck auf Umleitungsrouten und Kapazitätsfenster. Gleichzeitig bleibt die technische Baustelle bestehen, denn gerade in Deutschland hängt die Leistungsfähigkeit nach Bauphasen stark davon ab, wie schnell Signalisierung und Fahrplanstabilität wieder „hochgefahren“ werden können.

Im Detail nennt die Bahn 13 Strecken, die bis 2031 angegangen werden sollen. Ein Teil läuft bereits, darunter die Verbindung Lehrte–Berlin. Weitere Projekte verteilen sich über die Jahre 2027 bis 2031, unter anderem mit Abschnitten wie Fulda–Hanau oder Rosenheim–Salzburg. Für 2028 nennt die Planung unter anderem Köln–Koblenz sowie München–Rosenheim in einer ersten Etappe und ergänzt das durch Strecken im Raum Hagen–Unna–Hamm sowie im Korridor Lübeck–Hamburg. Dazu kommen für 2029 unter anderem Hamburg–Hannover und Verbindungen bis ins Spektrum Aachen–Köln, während 2030 Stendal–Magdeburg und Uelzen–Stendal im Fokus stehen. Bis 2031 folgt schließlich unter anderem die zweite Etappe im Bereich Lehrte–Groß Gleidingen sowie München–Rosenheim, was zeigt, dass sich die Reduktion eher über Verschiebungen als über einen generellen Baustopp übersetzt.

Technisch verlagert sich der Schwerpunkt der Umsetzung auf zwei Punkte: bessere Umleitungsplanung und eine konsequente ETCS-Vorbereitung nach Abschluss der Arbeiten. Zuständig für die Vorbereitung der Umleiterstrecken ist die Bahn-Tochter InfraGo; deren Rolle wird dabei explizit mit intensiver Vorbereitung und Abstimmung des Bauablaufs in anderen Baustellen im Schienennetz beschrieben. Das ist insofern relevant, als gerade im Güterverkehr die Pufferzeiten eng sind und jede unzureichend kommunizierte Umleitung im Tagesgeschäft zu Kaskadeneffekten führt. Neu ist auch die Erwartung, dass der Zugverkehr nach Bauende künftig schrittweise wieder hochgefahren werden soll, statt nach einem fixen Datum alle Verkehrsträger gleichzeitig zurückzuholen. Zusätzlich soll jede erneuerte Strecke vollständig für ETCS vorbereitet werden: Erneuerte Stellwerke werden bereits ETCS-fähig, angepasste Signalstandorte sollen verbaut werden, und moderne Achszähltechnik gehört in den Standard. Damit wird ein bisher häufig über einzelne Abschnitte gestrecktes Vorgehen enger gekoppelt.

Der Kurswechsel knüpft an ein Konzept an, das unter dem früheren Verkehrsminister Volker Wissing und dem damaligen Bahnchef Richard Lutz entwickelt und im Februar 2023 vorgestellt wurde. Damals war geplant, bis 2031 rund 40 vielbefahrene Strecken über Monate zu sperren und danach für etwa zehn Jahre baufrei zu halten, um die Pünktlichkeit im Gesamtnetz nachhaltig zu verbessern. Ursprünglich sah der Plan bis zu acht Sanierungen pro Jahr vor, später wurde das unter der neuen Bundesregierung im Jahr 2025 deutlich gedämpft: Stattdessen sollten nur noch vier bis fünf Sanierungen pro Jahr erfolgen, und der Gesamtzeitplan wurde bis 2036 gestreckt. Die jetzt genannten 13 statt 21 Projekte bis 2031 passen damit in ein Muster, das die Bahn offenbar als lernfähig interpretiert: Kapazitätsentzug lässt sich offenbar weniger über „Großumbau in Serie“ stabilisieren, sondern eher über eine gestaffelte Entlastung der Korridore.

Dass das nicht nur theoretisch, sondern operativ knifflig ist, zeigen Beispiele aus den laufenden Projekten. Die erste von 40 Sanierungen startete 2024 auf der sogenannten Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim, wurde nach sechs Monaten Bauzeit im Dezember wiedereröffnet. Bereits das zweite große Projekt brachte jedoch eine spürbare Verzögerung: Auf der Strecke Hamburg–Berlin wurde die Wiedereröffnung im aktuellen Winter um rund sechs Wochen verschoben, weil Kabelarbeiten aufgrund der Kälte im festgefrorenen Boden nicht wie geplant hätten durchgeführt werden können. Danach kam es zu erheblichen Verspätungen und Zugausfällen, und es folgten weitere nächtliche Sperrungen sowie Umleitungen, um Restmängel zu beseitigen. Auch auf anderen Relationen wurde von einer verspäteten Wiedereröffnung berichtet, was die zentrale betriebliche Frage aufwirft, wie schnell nach der Bauphase Stabilität entsteht.

Dass die Pünktlichkeit dadurch nicht automatisch besser wurde, unterstreicht die Lage im Netz. Im ersten Halbjahr 2026 waren weniger als 60 Prozent der Fernzüge pünktlich unterwegs, also deutlich unter einem Wert, der sich für viele Anschlussketten im Personen- und Güterverkehr akzeptabel anfühlt. Die neue Bahnchefin Evelyn Palla kündigte daraufhin an, das Konzept der Generalsanierungen grundlegend auf den Prüfstand zu stellen. In diesem Kontext wurde der Zeitplan bis 2036 angehoben; die Sanierungen würden deutlich länger dauern, hieß es. Für die weitere Umsetzung bedeutet das: Selbst wenn das Mengenziel bis 2031 gestrafft wird, entscheidet die Detailarbeit an Schnittstellen wie Umleitungsvorbereitung, Signaltechnik und einem geordneten Hochlauf des Fahrplans darüber, ob die Ziele zur Störungsreduktion tatsächlich erreicht werden. Unterm Strich wirkt die Reduktion der Streckenzahl wie eine betriebliche Risikosteuerung – und gleichzeitig wie ein Versuch, die technischen Weichen so zu stellen, dass ETCS nicht erst als nachgelagerte Nacharbeit, sondern als integrierter Abschluss der Modernisierung betrachtet wird.


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