LONDON (IT BOLTWISE) – Baidu hat im zweiten Quartal die eigenen Umsatzerwartungen verfehlt, weil die Onlinewerbung deutlich nachgibt. Gleichzeitig wächst das KI-Geschäft stark und macht bereits rund die Hälfte des Kerngeschäfts aus. Beim Robotaxi-Dienst Apollo Go steigt das fahrerlose Betriebsvolumen, während die Expansion in weitere Städte läuft. Zu den Belastungen zählen vor allem steigende KI-Cloud-Kosten, die die Bruttomarge drücken.

Baidu enttäuscht mit Werbeumsätzen, KI und Robotaxis wachsen dagegen deutlich
Baidu enttäuscht mit Werbeumsätzen, KI und Robotaxis wachsen dagegen deutlich (Foto: IT BOLTWISE)
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Baidu steht nach dem zweiten Quartal vor einer klassisch widersprüchlichen Bilanz: Die Kernmaschine „Werbung“ liefert zu wenig, während die neuere KI-Ausrichtung Fahrt aufnimmt. Der chinesische Internetkonzern meldete einen Gesamtumsatz von 31,33 Milliarden Yuan, was rund 4,65 Milliarden Dollar entspricht, und damit ein Minus von 4 Prozent. Entscheidend für die Enttäuschung bei den Erwartungen war nicht nur die schwächere Konjunktur in China, sondern der Einbruch bei der Onlinewerbung um 19 Prozent. Damit wird sichtbar, wie stark Baidu in zyklischen Phasen an Konsumlaune und Werbebudgets gekoppelt bleibt.

Auch auf Ebene des berichteten Kerngeschäfts, also ohne die Streaming-Tochter iQIYI, zeigt sich der Druck: 25,2 Milliarden Yuan entsprachen einem Rückgang von 3 Prozent gegenüber dem Vorquartal und 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Richtung ist damit klar, aber die Ursachen wirken gleichzeitig strategisch und operativ. Im Earnings Call wurde als Teil der Erklärung genannt, dass Baidu die eigene KI-Suche vorerst nicht monetarisiert, um zuerst Produkt und Nutzererlebnis zu optimieren. Für Anleger und Fachpublikum ist das ein Signal: Baidu versucht, die KI-Qualität und -Nutzung aufzubauen, nimmt dafür kurzfristig aber bewusste Umsatzchancen in Kauf.

Die zweite Säule wächst dennoch schneller als der Werbemarkt nachgibt. Der KI-Geschäftsbereich legte um 25 Prozent auf 12,5 Milliarden Yuan zu und erreicht damit inzwischen bereits die Hälfte des Kerngeschäfts. Das ist mehr als nur Wachstum in Prozent: Für ein Unternehmen, das über Jahrzehnte vor allem als Such- und Werbeanbieter wahrgenommen wurde, markiert diese Quote eine strukturelle Verschiebung des Wertschöpfungsprofils. CEO Robin Li ordnete das technologisch ein und verwies auf langfristige Investitionen, unter anderem in den Chip-Anbieter Kunlunxin sowie den Robotaxi-Dienst Apollo Go, die nach eigenen Angaben auf mehr als zehn Jahre zurückgehen.

Technisch betrachtet kommt das KI-Wachstum vor allem aus der Cloud-Infrastruktur. Die Nachfrage nach öffentlichen, KI-gestützten Rechenkapazitäten steigt spürbar, weil Unternehmen Trainings- und Inferenzlasten zunehmend nicht mehr vollständig „on premise“ betreiben wollen. Dazu passen auch Baidus Bemühungen rund um KI-nativen Marketingdienste sowie die KI-Assistenz-App Miaoda: Deren monatlich aktive Nutzer stiegen seit März um 67 Prozent. Gerade diese Kombination aus Cloud-Ressourcen und KI-Anwendungen ist für Baidu wichtig, weil sie die reine Infrastruktur um zusätzliche Produktnutzen ergänzt und damit mittelfristig die Basis für wiederkehrende Einnahmen schafft.

Parallel nimmt Apollo Go als fahrerloser Robotaxi-Dienst Fahrt auf, und zwar nicht nur regional. Im zweiten Quartal absolvierte der Dienst rund eine Million vollständig fahrerlose Fahrten. Das globale Streckennetz umfasst inzwischen 28 Städte mit mehr als 350 Millionen zurückgelegten autonomen Kilometern; davon entfallen über 240 Millionen auf vollständig fahrerlose Strecken. In Hongkong erhielt Apollo Go als erster Anbieter weltweit Genehmigungen für vollständig fahrerloses Testen in einem Rechtslenker-Umfeld mit Linksverkehr. In Dubai startete im Juli der kommerzielle, komplett fahrerlose Betrieb, verfügbar über die eigene App und auch über Uber. Weitere Tests laufen zudem in London gemeinsam mit Uber und Lyft, in der Schweiz mit PostBus sowie in Kasachstan über eine Absichtserklärung mit Turlov Private Holding.

Damit ist das Expansionstempo hoch, aber es gibt auch operative Bremsen. Auf dem chinesischen Festland habe Apollo Go nach eigenen Angaben bereits einen vollständig fahrerlosen Status von 100 Prozent erreicht; gleichzeitig habe das Fahrtenvolumen im zweiten Quartal durch regulatorisch bedingte betriebliche Anpassungen in bestimmten Städten vorübergehend gelitten. Baidu veröffentlichte dabei keine Details zu Umsatz oder Profitabilität der Robotaxi-Sparte. Für die Bewertung ist das zentral: Robotaxis sind nicht nur ein „Tech“-Thema, sondern ein Wirtschaftlichkeitsproblem aus Sensorik, Flottenbetrieb, Betriebskosten und regulatorischer Taktung. Die Akzeptanz im Markt kann schnell steigen, die Marge jedoch folgt oft zeitverzögert.

Genau diese Verzögerung spiegelt sich inzwischen in der Kostenstruktur wider. Der massive Ausbau der KI-Cloud-Infrastruktur hat seinen Preis: Die Bruttomarge sank von 43,9 Prozent auf rund 39,0 Prozent, weil die Kosten für das KI-Cloud-Geschäft stärker stiegen als der Gesamtumsatz. Baidu setzte dagegen vor allem bei den operativen Ausgaben an: Die Vertriebs- und Verwaltungskosten gingen um 23 Prozent zurück, hauptsächlich aufgrund geringerer erwarteter Kreditausfälle und reduzierter Vertriebskanalkosten. Gleichzeitig reduzierte der Konzern die Forschungs- und Entwicklungsausgaben um 10 Prozent. Diese Kombination kann kurzfristig Ergebnisbelastungen abfedern, sie erhöht jedoch die Aufmerksamkeit dafür, wie intensiv Baidu mittelfristig an Modellqualität, Datenpipelines und Systemintegration arbeitet.

Finanziell bleibt der Konzern unterdessen in einer vergleichsweise stabilen Position. Der operative Cashflow war bereits das vierte Quartal in Folge positiv, mit 3,4 Milliarden Yuan. Zum Ende Juni verfügte Baidu über liquide Mittel und Investitionen in Höhe von 283,1 Milliarden Yuan, also mehr als 40 Milliarden Dollar. Das gibt Spielraum, die KI-Infrastruktur weiter zu skalieren, ohne sofortige „Stop-and-Go“-Entscheidungen treffen zu müssen. Gleichzeitig bleibt das strategische Risiko offen: Analysten warnen, dass Baidu im Rennen um KI-Technologien den Anschluss an Wettbewerber wie Bytedance und Alibaba verlieren könnte. Konkret wird genannt, dass das große Sprachmodell Ernie seit Monaten kein größeres Update erhalten habe, während andere Anbieter fortlaufend neuere Modellgenerationen einführen.

Um Vertrauen aufzubauen, nutzt Baidu zudem kapitalmarktseitige Maßnahmen. Geplant ist eine sogenannte Dual-Primary-Notierung an der Hongkonger Börse, die noch im laufenden Jahr wirksam werden soll, vorbehaltlich notwendiger Genehmigungen. Ziel ist es, die Investorenbasis zu verbreitern und die Liquidität der Aktie zu verbessern. Zusätzlich kaufte Baidu seit Beginn des ersten Quartals 2026 im Rahmen eines bestehenden Programms eigene Aktien im Volumen von 259 Millionen Dollar zurück. Für Investoren bleibt am Ende die Abwägung zwischen einem weiterhin cashflowstarken, aber strukturell schrumpfenden Werbegeschäft und einem wachstumsstarken, aktuell aber margenbelastenden KI- und Robotaxi-Geschäft. Gerade weil Baidus KI- und Modellstrategie zeitlich anspruchsvoll ist, entscheidet sich die nächste Qualitätsstufe weniger an Quartalszahlen als daran, ob die technologischen Updates von Ernie und die Monetarisierung der KI-Suche schneller greifen als die Kosten eskalieren.


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