LONDON (IT BOLTWISE) – Eine neue Auswertung in JACC zeigt, dass Viszeralfett über den Bauch (Bauchfett) das Risiko für spätere Herzerkrankungen teils besser abbildet als der BMI. Besonders eine erhöhte Taillenumfang- oder Taillenumfang-zu-Hüftumfang-Kennzahl erhöht das Risiko laut Studie um bis zu 50 %. Die Ergebnisse machen deutlich, dass selbst ein „normaler“ BMI nicht automatisch vor metabolischem Risiko schützt. Für die Praxis rückt damit die korrekte Messung des Bauchbereichs stärker in den Fokus.

Die Frage, ob der BMI tatsächlich das Herzrisiko ausreichend beschreibt, steht seit Jahren im Raum – jetzt bekommt sie neuen Druck durch Daten aus einer großen Kohorte. In einer Veröffentlichung in JACC wird die Körperzusammensetzung stärker gewichtet: Viszerales, also bauchraumnahes Fett, das um Organe im Bauch liegt, soll einen besseren Hinweis auf spätere Herzereignisse geben als die reine BMI-Berechnung aus Körpergröße und -gewicht. Damit verschiebt sich der Blick von der Frage „Wie schwer ist jemand?“ hin zu „Wie verteilt sich das Gewicht“ – denn genau diese Verteilung scheint medizinisch relevanter zu sein.
Zentral ist dabei die Unterscheidung zwischen subkutanem Fett unter der Haut und Viszeralfett im Bauchraum. Studienautor Michael J. Blaha, der die Cardiometabolic Clinic am Johns Hopkins Ciccarone Center leitet, erklärt in der Quelle, dass das abdominal verteilte Fett als „viszeral“ bezeichnet wird, weil es innerhalb der viszeralen Strukturen des Körpers liegt. In der Folge lautet die Kernaussage: BMI ist nicht automatisch ein guter Maßstab für metabolische und kardiovaskuläre Risiken und spiegelt auch viszerales Fett nicht zuverlässig wider. Erst wenn Taillenumfang oder das Verhältnis von Taillenumfang zu Hüftumfang dazukommen, wird die Beurteilung der Körperzusammensetzung deutlich genauer.
Für die Untersuchung wurden Gesundheitsdaten von nahezu 260.000 Menschen ausgewertet, die entweder Messwerte für den Taillenumfang oder für das Verhältnis von Taillenumfang zu Hüftumfang vorliegen hatten. Die Teilnehmenden hatten dabei zu Beginn entweder keine Herzkrankheit oder mindestens ein Herzereignis wurde im Verlauf beobachtet – und zwar in mehreren Kategorien, darunter Herzinfarkt (fatal oder nicht-fatal), Schlaganfall, Herzinsuffizienz, Vorhofflimmern (AFib), koronare Erkrankungen sowie Todesfälle durch koronare oder kardiovaskuläre Ursachen und auch Todesfälle aus allen Ursachen. Das Ergebnis ist für die Risikokommunikation besonders relevant: Personen, die zwar ein normales Gewicht nach BMI-Kriterien hatten oder als „overweight“ eingestuft wurden, aber gleichzeitig klinisch definierte hohe Werte für Taillenumfang oder Taillenumfang-zu-Hüfte aufwiesen, hatten laut Studie eine um 15 % bis 50 % höhere Wahrscheinlichkeit für eines dieser Ereignisse.
Warum macht viszerales Bauchfett das Herzrisiko aus Sicht der Quelle plausibler? Cheng-Han Chen, Facharzt für interventionelle Kardiologie und medizinischer Leiter des Structural Heart Program, beschreibt in dem Artikel, dass viszerales Fett im Bauch besonders „stoffwechselaktiv“ sei. Es könne chemische Botenstoffe freisetzen, die zur Entzündungsprozessen im Blut beitragen; dadurch würden Mechanismen gestört, die für die Regulation von Blutzucker, Blutdruck und Cholesterin zuständig sind. Diese Kette – von veränderter Stoffwechselsteuerung über ungünstige Gefäß- und Entzündungsprofile bis hin zu kardiovaskulären Erkrankungen – ist ein typisches Muster in der kardiometabolischen Forschung und liefert eine technische Erklärung für den beobachteten Zusammenhang zwischen Bauchfett und Ereignissen.
Für die Mess- und Alltagspraxis liefert der Beitrag außerdem eine weniger beachtete, aber entscheidende Komponente: Taillenumfang und Taillenumfang-zu-Hüfte müssen konsistent erhoben werden. Bariatrisch tätige Fachärztin und Bariatrie-Experte Mir Ali weist darauf hin, dass die Durchführung zwar nicht kompliziert sei, aber es eine erhebliche Variabilität gebe. Wenn Personen bei der Messung „nicht exakt am gleichen Punkt“ ansetzen, entstehen schnell ungenaue Werte – und damit kann sich das Risiko-Label verschieben, obwohl die Körperzusammensetzung unverändert ist. Sein praktischer Rat: Der Hausarzt bzw. die primäre Versorgung sollte die korrekte Messmethode anleiten, sodass abgeleitete Empfehlungen zur Einordnung und zu möglichen nächsten Schritten besser nachvollziehbar werden.
Auch beim Thema Gewichtsreduktion wird in der Quelle gegen zwei verbreitete Missverständnisse argumentiert. Ali betont, dass man den Gewichtsverlust nicht gezielt „nur auf Bauchfett“ lenken kann: Wer insgesamt abnimmt, verliert dabei grundsätzlich auch Fett am Bauch. Außerdem sei Sit-ups als reine Technik vor allem für den Muskelaufbau im Bauchbereich relevant; wer aber nicht insgesamt Körperfett reduziert, senkt damit nicht zwingend viszerales Fett. Für die Reduktion werden daher eher allgemeine, evidenznahe Stellschrauben genannt: eine herzgesunde, ausgewogene Ernährung mit niedrigem Anteil gesättigter Fette und Zucker, dafür mit mehr magerem Protein und Ballaststoffen, regelmäßige körperliche Aktivität, weniger Alkohol, gute Schlafqualität und ein aktives Stressmanagement.
Unter dem Strich liefert die Studie einen klaren Impuls für die klinische Risikostratifizierung: BMI bleibt als grober Screening-Wert nützlich, aber er wirkt im Vergleich zur Kombination aus BMI und abdominalen Messgrößen zu unscharf. In der Quelle wird zudem beschrieben, dass neue Adipositas-Definitionen bereits stärker erkennen, wie sehr viszerales Fett das metabolische Profil beeinflussen kann – selbst dann, wenn der BMI nicht auf Adipositas hinweist. Für Unternehmen im Gesundheits- und Präventionsbereich bedeutet das: Digitale Gesundheitsangebote, Telemedizin oder strukturierte Programme sollten Messkonzepte für Taillenumfang und Taillenumfang-zu-Hüfte konsequenter integrieren, statt sich allein auf Gewicht und Größe zu stützen. So wird aus einem statischen Kennwert eine funktionalere Einschätzung der Körperzusammensetzung – und damit eine Grundlage für gezieltere Beratung.
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