LONDON (IT BOLTWISE) – Hohe Bauzinsen bremsen die Nachfrage nach Wohnimmobilien spürbar aus. Das Hamburger Gewos-Institut erwartet für dieses Jahr rund 612.000 Käufe, 4,4 % weniger als 2025. Besonders die Verteuerung von Baufinanzierungen mit zehnjähriger Zinsbindung auf etwa 4,25 % wirkt als Dämpfer. Gleichzeitig verlängern sich Vermarktungszeiträume und sinken Anfragen über Immobilienportale.

Die Käuferseite gerät unter Druck, weil sich in der Baufinanzierung gleich mehrere Kostenblöcke überlagern. Schon die jüngsten Bewegungen bei Zinsen und Baupreisen erhöhen die monatliche Belastung deutlich, und genau dieser Effekt entscheidet bei vielen Haushalten über „kaufen jetzt“ oder „abwarten“. Laut der jährlichen Marktanalyse des Hamburger Gewos-Instituts für Stadt-, Regional- und Wohnforschung zeigt sich das Muster nicht nur in einzelnen Regionen, sondern über Landkreise und kreisfreie Städte hinweg: abgeschlossene Kaufverträge fallen im Jahresverlauf spürbar schwächer aus als noch in den beiden Vorjahren.
Technisch betrachtet ist das weniger ein Bau- oder Projektproblem als ein Finanzierungsproblem, weil Immobilienkäufer sehr stark auf die Zinsentwicklung reagieren. Gewos bewertet dafür Kaufvertragsdaten für ganz Deutschland auf Landkreisebene und stützt die Prognose auf Informationen der Gutachterausschüsse aus dem ersten Halbjahr. Als unmittelbarer Auslöser nennt die Analyse den Zinsanstieg als Folge des anhaltenden Konflikts um den Iran: Für Baufinanzierungen mit zehn Jahren Zinsbindung werden zuletzt rund 4,25 Prozent Jahreszins genannt. Das ist nach Angaben von Barkow Consulting der höchste Stand seit Mai 2011 und damit ein Niveau, bei dem selbst stabile Haushaltseinkommen häufig weniger Kreditspielraum übriglassen.
Die Nachfrage verschiebt sich dadurch in Richtung späterer Entscheidungen, und man sieht die Bremse nicht nur in der Kaufzahlenprognose, sondern auch in der Vermarktungsdynamik. Gewos rechnet damit, dass die Zahl der Käufe von Wohnimmobilien in diesem Jahr auf rund 612.000 zurückgeht, das entspreche einem Minus von 4,4 % gegenüber 2025. Beim Umsatz erwartet die Untersuchung ebenfalls Gegenwind: Er soll um 2,0 % auf knapp 211 Milliarden Euro sinken. Bei Wirtschaftsimmobilien seien laut Gewos etwas größere Rückgänge möglich, was die These stützt, dass höhere Finanzierungskosten nicht nur Eigentumsbildung im privaten Segment treffen, sondern auch Investitionsentscheidungen.
Wichtig ist dabei, dass die Bauzinsen nicht alleine wirken. Gewos betont, dass neben den Finanzierungskosten auch Baupreise und die allgemeine Teuerung wieder stärker anziehen. Der Gewos-Immobilienexperte Sebastian Wunsch fasst das in einer pointierten Einordnung zusammen: „Neben den Bauzinsen ziehen auch die Baupreise und die allgemeine Teuerung wieder stärker an.“ Daneben nennt die Marktanalyse Sorgen über Kriege und Zollkonflikte sowie eine etwas strengere Kreditvergabe durch Banken. Gerade letzteres wirkt wie ein zusätzlicher Hebel, weil Zinssätze zwar messbar sind, die tatsächliche Kreditquote aber oft über Rating, Beleihungswerte und Haushaltsrechnung gesteuert wird; eine strengere Vergabe kann also die Zahl der real möglichen Abschlüsse zusätzlich reduzieren.
Für die kommenden Monate zeichnet sich nach den Beobachtungen im zweiten Quartal eine verlangsamte Nachfrageentwicklung ab. Wunsch beschreibt, dass „die Nachfrage nach Wohneigentum einen erheblichen Dämpfer“ erhalten habe: Anfragen auf Inserate bei Immobilienportalen seien gesunken, zugleich seien Vermarktungszeiträume gestiegen. Dieser Zusammenhang ist in der Praxis gut nachvollziehbar: Wenn Käufer Budgets neu kalkulieren, dauert es länger, bis Angebote auf ein akzeptables Preisniveau treffen. Gewos leitet daraus ab, dass 2026 besonders die Eigenheimkaufzahlen schrumpfen dürften, mit einem Minus von mehr als fünf Prozent. Ähnlich dürfte es sich bei Wohnbauland verhalten, während Mehrfamilienhäuser voraussichtlich leicht im Plus liegen könnten, weil Investoren von steigenden Mieten profitieren.
Unternehmen und Projektentwickler bekommen damit ein klareres Bild für die nächste Planungsrunde: Nachfrage kann zwar verzögert wieder anspringen, aber in Phasen mit hohen Finanzierungskosten sinkt die „Conversion“ vom Interesse zum Vertragsabschluss. Für Vertriebsteams bedeutet das häufig längere Abwicklungszeiten und mehr Bedarf an kaufkraftnaher Argumentation, etwa über Finanzierungsvarianten oder Real-Kostentransparenz. Für Banken und Finanzierer verschiebt sich der Fokus zudem von reinem Zinsmarketing hin zu Strukturierung und Risikoabschätzung, weil strengere Kreditvergabe die Markttemperatur direkt beeinflusst. Mittelfristig sieht Gewos aktuell zudem nur ein begrenztes Wachstumspotenzial für den deutschen Immobilienmarkt, was vor allem dort spürbar wird, wo Projekte auf schnelle Vorverkaufsquoten angewiesen sind.
Auch wenn einzelne Teilsegmente gegenläufig laufen, bleibt das Gesamtbild von einer Finanzierungslage geprägt, die Käufer aktuell ausbremst. Die Zahlenprognose – 612.000 Wohnimmobilienkäufe und knapp 211 Milliarden Euro Umsatz – wirkt wie ein belastbarer Rahmen, an dem sich Marktakteure ihre Szenarien ausrichten können. Entscheidend wird sein, ob sich Zinsniveau und Kreditvergabepraxis wieder stabilisieren und ob Vermarktungszeiträume mittelfristig kürzer werden. Bis dahin ist die zentrale operative Konsequenz relativ klar: Wer im Vertrieb und in der Projektkalkulation mit realistischen Annahmen für Käuferbudgets rechnet, reduziert das Risiko, dass aus Angebotspreisen am Ende keine Abschlüsse entstehen.
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