BAYERN / LONDON (IT BOLTWISE) – Bayern setzt auf eine stärkere Gründungskultur an Hochschulen, um den Schritt von der Idee zur Umsetzung zu erleichtern. Im Interview nennt Tobias Gotthardt konkrete Hebel rund um Entrepreneurship-Wissen, Netzwerke und Finanzierung. Dazu gehören Programme für die Seed-Phase, zinsgünstige Darlehen sowie Businessplan-Wettbewerbe mit Feedback in frühen Stadien. Zusätzlich sollen studentische Initiativen über Hochschul- und Landesgrenzen hinweg sichtbar werden und schneller Wirkung entfalten.

Die Gründungskultur in Bayern wird nicht nur als Standortwerbung verstanden, sondern als Infrastruktur für wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit. Im Mittelpunkt steht dabei, wie schnell aus Wissen und Technologie auch tatsächlich ein Unternehmen wird. Tobias Gotthardt, seit 2023 Staatssekretär im Bayerischen Staatsministerium für Wirtschaft, Landesentwicklung und Energie, verbindet diesen Anspruch direkt mit den politischen und technologischen Beschleunigern unserer Zeit: Digitalisierung, Dekarbonisierung und globaler Wettbewerb. Start-ups sollen disruptive Technologien wie Künstliche Intelligenz, Quantencomputing oder Biotechnologie schneller in den Markt bringen als etablierte Strukturen. Genau in dieser Schnittstelle zwischen Hochschule und Umsetzung sieht er den Vorteil einer lebendigen Gründungsdynamik: Sie erzeugt nicht nur Innovation, sondern schafft zugleich neue, hochqualifizierte Arbeitsplätze in zukunftsträchtigen Branchen und stärkt damit den Wirtschaftsstandort durch Kapital sowie Talente.
Hochschulen liefern dafür nach Ansicht des Staatssekretärs den entscheidenden Ursprung. Universitäten und Fachhochschulen seien längst nicht mehr nur Orte der Wissensvermittlung, sondern Treiber für strukturellen und technologischen Wandel. Entscheidend ist, wie die Entrepreneurship-Akteure innerhalb des Freistaats vernetzt werden. Als Beispiel nennt er das Entrepreneurship-Netzwerk HOCHSPRUNG, das nach seinen Angaben Aktivitäten an bayerischen Hochschulen über ein gemeinsames Netzwerk miteinander verbindet. Statt vereinzelter Initiativen setzt dieses Modell auf Austausch, Qualifizierung und Veranstaltungen, die die Kontakte zwischen Gründungswilligen, Mentorinnen und Mentoren sowie Unterstützungsangeboten verdichten. Damit wird aus der Hochschule ein kontinuierlicher Resonanzraum, in dem Ideen nicht im Seminarraum stecken bleiben.
So wichtig eine Kultur der Gründung auch ist: Gotthardt macht ebenso klar, dass Kultur allein den Engpass nicht automatisch löst. Der Flaschenhals beginnt häufig genau dort, wo aus einer Idee ein belastbarer Plan wird. Seine Diagnose lautet, dass junge Menschen zu viele Hürden erleben, bevor sie überhaupt in die Umsetzung kommen. Deshalb setzt er zweigleisig an: Erstens braucht es praxisnahes Entrepreneurship-Wissen bereits während der Ausbildung und damit idealerweise auch schon in der Schule. Zweitens geht es darum, Unsicherheiten im Vorfeld einer Gründung zu reduzieren – etwa durch die Netzwerke studentischer Gründungsinitiativen, durch das Sichtbarmachen von Gründerinnen und Gründern und durch ein positives Bild von Unternehmertum. Besonders betont er eine offene Fehlerkultur, die Risiken entdramatisiert und Lernschleifen ermöglicht. Parallel dazu formuliert er als politisches Ziel eine deutlich verkürzte und vereinfachte Phase vom ersten Schritt bis zur Gründung, und nennt dabei ausdrücklich die Idee einer „24-Stunden-Gründung. Bundesweit.“
Wenn der Übergang zur Gründung schneller und einfacher werden soll, müssen die strukturellen Rahmenbedingungen mitziehen. Gotthardt verweist hierfür auf den Zugang zu Kapital, Wissen und relevanten Netzwerken – Bereiche, die über Erfolg oder Stillstand in frühen Phasen entscheiden können. Für Bayern beschreibt er ein Instrumentarium, das Finanzierungslücken zwischen erster Idee und einem investitionsfähigen Start-up schließen soll. Die Bayern Kapital könne innovative Start-ups bereits ab der Seed-Phase mit Eigenkapital begleiten und zusätzlich privates Kapital als Co-Investor mobilisieren. Für Gründerinnen und Gründer, die auf kredit- und bankfähige Modelle setzen, nennt er zinsgünstige Darlehensfinanzierungen über den Gründungskredit sowie den Gründungskredit Smart der LfA Förderbank Bayern. Ergänzend werden Förderprogramme wie FLÜGGE sowie der m4-Award und der Medical Valley-Award genannt, die laut seiner Darstellung Unternehmensgründungen aus Hochschulen insbesondere in Innovation, Forschung und Technologie unterstützen. Dazu kommen Bayerische Businessplan-Wettbewerbe von BayStartUP, bei denen frühe Ideen marktnahe Rückmeldungen erhalten sollen – ein Ansatz, der die Qualität von Konzepten und die Plausibilität gegenüber späteren Investoren verbessern kann. Als zentrale Anlaufstelle nennt er zudem den Gründerlotse Bayern bei Bayern Innovativ, der Fragen zu Finanzierung und Förderung, Beratung und Coaching, Netzwerken und Infrastruktur bündeln soll.
Damit wird deutlich: Die Politik adressiert nicht nur die „Lücke“ zwischen Idee und Geld, sondern auch die begleitenden Schritte, die aus einer Idee ein Geschäftsmodell machen. Gleichzeitig bleibt die Vernetzung über formale Grenzen hinweg ein wiederkehrender Schwerpunkt. Gerade studentische Initiativen sollen sich, so die Argumentation, stärker über Hochschul- und Landesgrenzen hinaus verbinden, ihre Perspektiven gemeinsam sichtbar machen und gegenseitig Feedbackschleifen erzeugen. Der Gründungsmagnet wird in diesem Zusammenhang als Beispiel für ein zivilgesellschaftliches Netzwerk genannt, das im DACH-Raum abseits klassischer Strukturen junge Gründer vernetzt. Wichtig ist hier nicht nur Reichweite, sondern die Wirkung auf das Gründungsklima: Solche Netzwerke sollen eine lebendige und zukunftsfähige Entrepreneurship-Kultur unterstützen. Für den Gründungsstandort Deutschland wird damit eine Art „Übersetzungsarbeit“ sichtbar: Aus verstreuter Gründerenergie wird ein koordinierter Austausch, der den Wissensstand der nächsten Gründergeneration anhebt und die Bereitschaft zur Umsetzung stärkt.
Wie Bayern die Förderung von studentischen Gründungsinitiativen konkret weiter zuschneiden will, beschreibt der Staatssekretär mit einer bayernweiten Initiative, die im Juni 2026 von StMWi und StMWK gestartet wurde. Ziel sei eine Optimierung der Vernetzung der Gründungsunterstützer vor Ort, um die Schlagkraft des bayerischen Start-up-Ökosystems insgesamt zu erhöhen. Besonders relevant ist dabei der Call, dass auch studentische Gründungsinitiativen aktiv Teil von „Gründerland Bayern“ werden sollen, um eine flächendeckende Förderung mitzugestalten. Praktisch heißt das: Initiativen sollen nicht nur Angebote konsumieren, sondern selbst als Knotenpunkte im Netzwerk auftreten. Für die unmittelbareren Schritte junger Menschen, die sich noch nicht trauen, nennt Gotthardt eine einfache Orientierung: in Gründerzentren gehen, zu Start-up-Meetups oder Hochschul-Inkubatoren. Dort erhalten sie neben der „Gründerland Bayern“-Homepage wichtige Informationen und treffen Menschen, die sich in derselben Phase befinden – der motivierende Effekt entsteht also durch Gleichgesinnte und gegenseitige Validierung. Für Schülerinnen und Schüler nennt er zudem „STARTUP TEENS“, das unabhängig von Herkunft und Schulform Zugang zu Entrepreneurship- und Innovationsthemen ermöglichen soll. Initiativen wie der Gründungsmagnet ergänzt er hier als Verstärker, um Gründungsklima zu stärken, Informationen weiterzugeben und für das Thema Gründen zu sensibilisieren.
Am Ende ergibt sich aus dem Interview ein konsistentes Bild: Studentische Gründungsinitiativen sind längst mehr als Treffpunkte. Sie schaffen Netzwerke, vermitteln Wissen, machen Unternehmertum sichtbar und bringen die Perspektiven der nächsten Gründergeneration zusammen. Entscheidend ist dabei, dass ihre Wirkung eng mit politischen und strukturellen Rahmenbedingungen verbunden bleibt. Vernetzung über Hochschulgrenzen hinweg ist dafür ein zentraler Schritt, genauso wie studentischen Gründungsinitiativen eine politische Stimme zu geben, um Perspektiven stärker in Austauschprozesse einzubringen. Wenn der Gründungsmagnet als Raum beschrieben wird, in dem sich Initiativen austauschen, voneinander lernen und gemeinsam sichtbar werden, dann beschreibt das im Kern einen Mechanismus gegen typische Start-up-Reibungen: Informationsasymmetrien werden kleiner, Lernkurven schneller, und aus einzelnen Pilotideen kann eher eine tragfähige Gründungsroutine entstehen. Für den Standort Bayern bedeutet das: Die nächste Gründergeneration wird nicht nur „angemacht“, sondern systematisch in die Lage versetzt, Tempo aufzubauen – besonders in Technologiefeldern, in denen Künstliche Intelligenz künftig eine immer größere Rolle spielt.
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