LONDON (IT BOLTWISE) – Das belgische Startup Any bringt mit der LUV1 ein modulareb elektrisches Motorrad-Konzept auf die Suche nach dem „fehlenden Glied“ im urbanen Transport. Statt nur auf Tempo und Reichweite setzt Any auf nutzbare Ladefläche: bis zu 120 Liter Stauraum. Die Plattform soll 100 km/h erreichen und mit austauschbaren Akkus bis zu 87 Meilen pro Ladung schaffen. Für den Markteintritt plant Any eine Series-A-Runde von mindestens 10 Millionen Euro, um die Produktion für die ersten Auslieferungen hochzufahren.

Innenstädte in Europa lassen sich im Alltag selten auf eine einzige Verkehrsform reduzieren: Wer morgens zum Termin muss, erlebt meist ein Gemisch aus Auto, ÖPNV und kurzen Wegen zu Fuß. Genau an dieser Gewohnheit setzen Gründer an, die den Anteil von Zweirädern erhöhen wollen. Das belgische Startup Any argumentiert dabei nicht über reine „Fahrkultur“, sondern über praktische Nutzbarkeit. Der entscheidende Hebel: Ein Elektro-Zweirad soll nicht nur fahren, sondern auch alltagsnahen Transport übernehmen – so, wie viele heute den Kofferraum des Autos nutzen.
Mit der LUV1 liefert Any den ersten konkreten Entwurf für diese Idee. Das modular aufgebaute Elektro-Motorrad ist so konzipiert, dass es die Kapazität eines Cargo-Bikes erreichen kann, ohne auf Tempo oder Reichweite zu verzichten. Als Zielgröße nennt das Unternehmen eine Höchstgeschwindigkeit von 100 km/h. Für den Alltag wird das Konzept vor allem über den Stauraum greifbar: Statt eines klassischen Motorrad-„Kleinteil“-Ladebereichs soll die LUV1 nach Unternehmensangaben bis zu 120 Liter Volumen aufnehmen. Any verknüpft damit eine einfache Produktfrage, die sich in der Architektur wiederfindet: Was braucht eine reale Woche – Einkäufe, Wochenendtaschen oder Koffer – und was bleibt sonst zwangsläufig zu Hause, nur weil man nicht in einem Auto unterwegs ist.
Praktisch wird die Modularität an den Möglichkeiten, den Laderaum an verschiedene Einsatzzwecke anzupassen. Kunden sollen laut Konzept entweder einen offenen Rahmen wählen oder unterschiedliche Panel-Varianten nutzen können, je nachdem ob sie beispielsweise Ausrüstung für die Arbeit, Camping-Elemente oder auch ein Transport-Setup für ein Haustier bevorzugen. Auch außerhalb des „Cargo-Covers“ bleibt das System erweiterbar: Eine optionale Windschutzscheibe, Gepäckträger sowie Regenponcho-Varianten gehören ebenso zum Baukasten wie weitere Konfigurationen, die sich an Pendler, Familien und Outdoor-Nutzer richten. Der technische Kern dieses Ansatzes ist weniger ein einzelnes Bauteil als die Frage, wie flexibel ein Zweirad-Ladesystem mit dem Motorradfahrgefühl zusammenspielt – von der Gewichtsverteilung bis zur Alltagstauglichkeit bei Regen und wechselnden Witterungen.
Bei Any kommt dazu ein Design- und Branchenbaustein, der dem Produkt früh Sichtbarkeit verschaffen sollte. Hinter der LUV1 steht nach Angaben aus dem Startup-Umfeld der frühere Design-Direktor Lowie Vermeersch, der mit der Marke Granstudio verbunden ist. Die Zusammenarbeit soll auch deshalb schnell Resonanz erzeugt haben, weil Vermeersch nicht nur als Gestalter auftritt, sondern laut Unternehmensdarstellung auch eine aktive Rolle in der Startup-Struktur übernimmt und als Investor in das Projekt eingebunden ist. Für das Markt-Gespräch ist das relevant, weil elektrische Zweiräder in Europa zwar wachsen, aber sich häufig im „Power“- und „Reichweite“-Vergleich verlieren. Any versucht, diese Vergleichslogik zu verschieben: Nicht die Beschleunigung allein, sondern die „Ladefähigkeit“ als Nutzwert soll die Wahlentscheidung prägen.
Finanziell und organisatorisch ist Any ebenfalls auf Tempo getrimmt. Die LUV1 startet laut Quelle bei 7.000 Euro (umgerechnet etwa 8.150 US-Dollar) und positioniert sich damit als Alternative, die preislich näher an hochwertigen E-Cargo-Bikes liegen soll als an klassische Fahrzeuge. Ein weiterer Baustein für die Zielreichweite: Das System soll nur einen A1-Führerschein erfordern, der in vielen Regionen als Einstieg in motorisierte Zweiräder gilt. Der exakte Preis hängt dabei von den kundenspezifischen Optionen im Configurator ab, den Any parallel zum Preorder-Start veröffentlicht hat. Nach Unternehmensangaben erhielt das Startup in den ersten 100 Tagen mehr als 600 Reservierungen. Zu diesem Preorder gehört eine Anzahlung von 49 Euro, die beim Kaufpreis angerechnet und den Bedingungen zufolge vollständig erstattbar sein soll.
Die Kapitalbasis des Projekts folgt dem typischen Muster hardwaregetriebener Startups: erst Validierung und dann Skalierung. Any hat berichten zufolge eine Seed-Phase mit 1,5 Millionen Euro im November gestartet und später eine Aufstockung von 1,25 Millionen Euro im Mai nachgelegt. In Summe nennt das Unternehmen damit 2,75 Millionen Euro. Darüber hinaus verweist Any auf Unterstützung durch Rücker und Berater mit Hintergrund aus der Automobilbranche sowie auf einen erweiterten Engineering-Fokus: Als Head of Engineering wird Alessandro Mangano genannt, dessen frühere Stationen unter anderem Aprilia, Ferrari und die Piaggio Group umfassen. Diese Mischung aus Fahrzeug- und Fertigungs-Know-how soll die Brücke schlagen von der modularen Produktidee hin zu einem belastbaren Serienprozess.
Technisch zielt die LUV1 auf eine Reichweite, die den Alltag im städtischen Kontext abdecken soll. Any setzt dabei auf zwei austauschbare Batterien; zusammen soll die Reichweite bis zu 87 Meilen pro Ladung reichen. Damit will das Startup auch gegen einzelne elektrische Modelle konkurrieren, die von etablierten Zweiradherstellern und Marken mit klarer Motor- und Produktionshistorie zunehmend in den Markt gebracht werden. Zugleich erwartet der europäische Branchenverband der Motorradhersteller, dass der Anteil elektrischer Modelle bis 2030 stark steigen wird. In einem Umfeld, in dem sich viele Angebote über ähnliche Kernparameter wie Reichweite und Leistung annähern, versucht Any den Unterschied über das „Zusatzvolumen“ zu operationalisieren und das Fahrzeug als Transportmittel zu verkaufen, nicht nur als Fortbewegung.
Genau deshalb spricht de Winter laut Quelle auch bewusst über einen Kundenzuschnitt, der über klassische Motorradfahrer hinausgeht. Das Startup habe Kontakte zu Akteuren aus dem Bereich „Last Mile Delivery“ erhalten; außerdem arbeitet Any an einem weiteren Ausbau: nicht bei einem Modell, sondern bei einem Portfolio, das auch ein drittes „Wheeled“-Konzept umfassen könnte. Bis es aber so weit ist, steht die harte Realitätsfrage an: Produktion vor Markterweiterung. Any will die Serienfertigung der LUV1 hochfahren, bevor die ersten Lieferungen an Reservierende starten. Dafür braucht es laut Unternehmensangaben weiteres Kapital und die nächste Finanzierungsrunde wird als Series A mit 10 Millionen Euro (oder mehr) beschrieben, die möglichst bis zum Jahresende abgeschlossen werden soll.
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