SILICON VALLEY / LONDON (IT BOLTWISE) – Benchmark benennt offen, dass der klassische VC-Grundsatz „keine direkten Rivalen“ angesichts der KI-Dynamik an Grenzen stößt. Partner verweisen darauf, dass sich Startups schneller pivotieren und in angrenzende Territorien hineinwachsen. Gleichzeitig betont die Firma Vertraulichkeit und will frühe Exklusivität weiterhin hochhalten. Der Hintergrund: Streit um den KI-Agenten-Stack Factory versus Cognition und die Frage, wie Investoren mit Interessenkonflikten umgehen.

Über Jahrzehnte galt im Venture Capital eine Art unausgesprochenes Kooperationsgesetz: Ein Investor soll keine Unternehmen unterstützen, die sich von Anfang an mit derselben Produktidee Kopf an Kopf duellieren. Benchmark, eine Firma, deren Modell stark auf langfristige Partnerschaften mit frühen Gründerteams setzt, spricht nun dennoch von einer Realität, die dieses Prinzip unter Druck setzt. Auf einer Branchenveranstaltung in der Tech-Szene wurde deutlich, dass die KI-Boom-Phase die Spannungen nicht nur wahrscheinlicher macht, sondern auch schneller eskalieren kann, sobald sich Märkte und Produktgrenzen verschieben.
Aus technischer Sicht wirkt diese Entwicklung zunächst paradox. In vielen KI-Setups sind die Bausteine – Modelle, Datenpipelines, Agenten-Frameworks und Integrationen – vergleichsweise modular geworden. Genau diese Modularität senkt die Eintrittshürde in neue Anwendungsfälle: Wo Softwareentwicklung früher lange Zyklen hatte, lassen sich heute Funktionen mit wiederverwendbaren Komponenten schneller nachziehen. Benchmark argumentiert daher weniger mit dem „Wollen“ als mit dem „Müssen“: Wenn sich Startups verändern, entsteht zwangsläufig der Kontaktpunkt zu anderen Portfoliofirmen. Der entscheidende Punkt ist die Geschwindigkeit des Wandels, nicht die ursprüngliche Absicht beim Investment.
Dass sich daraus Interessenkonflikte ergeben, ist im Fall Factory und Cognition besonders sichtbar geworden. Factory, ein Startup, das einen KI-Agenten für das Schreiben von Software positioniert, berichtete am Ende des Septembers über die Absetzung eines Board Observers und Advisers mit Verweis auf „unethical conduct“ im Zusammenhang mit Cognition, dem direkten Rivalen und Anbieter eines konkurrierenden Coding-Agenten-Ansatzes. In der Darstellung der Beteiligten ging es um die Frage, ob während Factorys Board-nahen Diskussionen über einen möglichen Job bei Cognition gesprochen wurde. Degnan soll laut der Factory-Seite später in eine Rolle bei Cognition gewechselt sein; gleichzeitig bestritt er die Vorwürfe und hatte bereits zuvor angekündigt, nicht mehr an der Zusammenarbeit gebunden zu sein. Solche Streitfälle sind für VC-Teams deshalb so heikel, weil selbst der Eindruck unzulässiger Informationsweitergabe reichen kann, um Vertrauen zwischen Gründern und Investoren zu beschädigen.
Benchmark stellt dabei keine generelle „Exklusivität ist vorbei“-Ansage in den Raum. Stattdessen beschreibt die Firma eher einen differenzierten Ansatz entlang des Zeitpunkts und der Nähe zum Konflikt. Früh in der Entwicklung sei Exklusivität laut Benchmark weiterhin „wirklich wichtig“, weil in dieser Phase oft Klarheit darüber herrscht, wer welchen Markt adressiert. Mit zunehmender Zeit aber, so das Argument der Partner, verändert sich die Zuordnung: Aus einem anfänglich klar abgrenzbaren Rivalen kann durch Pivoting ein Nachbarsegment werden. Genau hier setzt die Kommunikation an: Benchmark sagt, man bleibe den jeweiligen Gründern verpflichtet und halte das, was man im Rahmen des Investments über interne Themen lernt, vertraulich. Gleichzeitig wird die Erwartung gedämpft, ein Investor könne ohnehin auf erheblichem Produkt- oder Technologie-Know-how „durchreichen“ – schließlich sei man nicht allein Produkt- oder Technologieexperte im Sinne der täglichen Engineering-Entscheidungen.
Bemerkenswert ist auch die Art, wie Benchmark den Umgang mit Transparenz im Konfliktfall beschreibt. Laut den Aussagen wird eine Überraschung „nachträglich“ als Problem gesehen: Wenn sich ein Konflikt abzeichnet, sollen Gründer nicht erst im Nachhinein erfahren, dass der Investor auch eine andere Seite im Blick hat. Peter Fenton ordnete das Thema zudem in ein Spektrum ein: Auf der einen Seite steht der Gründer, der niemals an einer konkurrierenden Firma arbeiten würde; auf der anderen Seite der Public-Market-Stock-Picker, der zwar mehrere Rivalen im Portfolio halten kann, aber eher Kapital allokiert, ohne aktiv in konkurrierende Produktentscheidungen einzugreifen. Benchmark siedelt sich in der Nähe des Gründer-nahen Bereichs an und behandelt Transparenz als „goldene Regel“. Für Unternehmen heißt das: Der „Deal Flow“ wird zwar komplizierter, aber die Erwartung an saubere Kommunikation bleibt.
Für die Praxis in KI-Startups bedeutet das, dass sich VC-Prozesse stärker auf Konfliktmechaniken einstellen müssen: weniger auf eine starre Rivalitätslinie, mehr auf klar definierte Spielregeln für Informationsflüsse, Rollen und Kommunikationswege. Gerade bei Agenten-gestützter Softwareentwicklung verschwimmen Produktgrenzen schnell, etwa wenn mehrere Teams ähnliche Workflows automatisieren oder dieselben Kundenprobleme mit vergleichbaren Eingabe-/Ausgabe-Interfaces adressieren. Benchmark signalisiert damit implizit, dass „Exklusivität“ zwar als Prinzip überdauert, aber in eine dynamischere Form übergehen könnte – vom strikten Verbot gleichzeitiger Konkurrenz hin zu einem Erwartungsmanagement, das Konflikte früh adressiert, Vertraulichkeit schützt und Gründer nicht unter falschen Voraussetzungen überrascht.
Gleichzeitig bleibt die Frage, wie viele Firmen nachziehen, wenn selbst Benchmark die Grenzen des alten VC-Pakts so klar benennt. Wenn ein Investor, der seit Jahren für Loyalität und langfristige Beziehung steht, öffentlich von „insanity direct conflict“ als Ausnahmefall spricht und gleichzeitig betont, dass sich die Welt verändert, dann ist das für Gründer nicht nur Beruhigung, sondern auch Signal: Die Branchenlogik wird offener, Konflikte werden sichtbarer. Wer als Team in den nächsten Monaten eine KI-Produktlinie erweitert oder in angrenzende Use-Cases vorstößt, wird damit noch stärker darauf achten müssen, wie Interessenkonflikte konkret gehandhabt werden – und nicht nur darauf, ob ein Investor im Profil „loyal“ klingt.
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