FRANKFURT / LONDON (IT BOLTWISE) – Die BaFin stoppt bei der Hamburger Privatbank Berenberg vorerst die Befugnisse der drei Geschäftsleitungsmitglieder. Nach Hinweisen auf mögliche Verstöße gegen Corporate-Governance-Regeln übernimmt ab sofort eine Sonderbeauftragten-Geschäftsleitung. Branchenbeobachter sehen darin ein Signal, wie konsequent die Aufsicht Transparenzlücken bei Markttransaktionen verfolgt. Für das Bank-Operating bedeutet das: Governance-, Kontroll- und Dokumentationsprozesse werden kurzfristig neu ausgerichtet.

Die Finanzaufsicht setzt bei der Berenberg Bank ungewöhnlich klar an der Spitze an: Mit einer Anordnung „ruhen seit heute die Befugnisse“ der drei Geschäftsleitungsmitglieder. Damit ist der Schritt mehr als eine formale Rüge; er wirkt wie ein operativer Einschnitt, der die Entscheidungsfähigkeit der Geschäftsführung unmittelbar einfriert. Als Anlass nennt die Bank Hinweise, die im Kontext der Jahresabschlussprüfung für 2025 auf mögliche Verstöße gegen Corporate-Governance-Regeln hindeuteten. Besonders relevant ist dabei die Aussage zu „bestimmten Markttransaktionen“ mit unklarem Hintergrund, bei denen die nötige Transparenz fehlte. Genau solche Lücken stehen bei Aufsichtsprüfungen typischerweise im Fokus.
Technisch betrachtet betrifft der Eingriff vor allem die Governance- und Kontrollarchitektur, also das Zusammenspiel aus Verantwortlichkeiten, Freigabewegen und Nachvollziehbarkeit. Corporate Governance in Kreditinstituten ist in Deutschland nicht nur „Soft Law“, sondern wird über aufsichtsrechtliche Anforderungen operationalisiert, unter anderem entlang der Prinzipien zur ordnungsgemäßen Geschäftsorganisation, zu Risikokontrollen und zur Einhaltung interner und externer Leitplanken. Wenn Transaktionen nicht hinreichend begründet, dokumentiert oder nachvollziehbar sind, entstehen Prüfungs- und Haftungsrisiken, die sich in der späteren Aufsichtstätigkeit massiv auswirken können. Genau hier wird der Unterschied zwischen „ausreichend erklärt“ und „nachweisbar transparent“ entscheidend.
Als Konsequenz übernehmen ab sofort zwei Sonderbeauftragte die Geschäftsleitung. Einer von ihnen ist Hans-Walter Peters, der langjährige Chef der Bank und späterer Verwaltungsratsvorsitzender, der zuvor bereits 2016 bis 2021 den Privatbankenverband BdB geführt hatte. Diese Personalie ist strategisch: Für die Aufsicht zählt neben Compliance-Kompetenz auch die Fähigkeit, in der Organisation schnell neue Kontrollrhythmen zu etablieren. Der zweite Sonderbeauftragte ist Michael Horf, ein ehemaliger Vorstand der Degussa Bank; auch er war bereits in der Vergangenheit als Sonderbeauftragter eingesetzt, diesmal bei der Volksbank Düsseldorf Neuss im Umfeld eines spektakulären Betrugsskandals. Dadurch wird sichtbar, dass die BaFin Muster erkennen will: Wer bereits in Sanierungs- und Aufarbeitungsphasen gearbeitet hat, wird erneut in kritische Kontexte gestellt.
Im Marktumfeld wird ein solcher Vorgang meist als Wettbewerbs- und Reputationsfaktor interpretiert. Zwar ersetzt eine Führungsrotation nicht automatisch die Ursachenanalyse, aber sie verändert die „Control Layer“ spürbar: Freigaben werden strenger, Dokumentationspflichten wachsen, und Entscheidungen wandern häufiger in Gremien oder in kontrollierte Sonderprozesse. Branchenexperten bringen es gegenüber der Öffentlichkeit häufig auf den Punkt, dass Aufsicht „nicht nur Fehler sucht, sondern Systeme zwingend macht, Erklärbarkeit und Nachweisführung zu liefern“. Diese Logik passt zur beschriebenen Problemzone „unklarer Hintergrund“ bei Markttransaktionen. Im Vergleich zu anderen Fällen in Deutschland ist das Vorgehen außerdem konsistent mit dem Muster, dass die BaFin bei Governance-Brüchen frühzeitig die Verantwortungsumgebung stabilisieren muss, bevor sich Folgerisiken in Risiko- oder Kapitalkennzahlen niederschlagen.
Historisch ist der Grundgedanke solcher Maßnahmen nicht neu: Die BaFin hat in den vergangenen Jahren immer wieder Sonderbeauftragte eingesetzt, wenn interne Kontrollmechanismen nicht die gewünschte Wirksamkeit zeigten oder wenn die Aufsicht Zweifel an der ordnungsgemäßen Geschäftsführung hatte. Neu wirkt in diesem Fall die Härte des beschriebenen Eingriffs „ab sofort“, gepaart mit der klaren Verknüpfung an den Jahresabschlussprozess. Gerade die Jahresabschlussprüfung 2025 ist dabei mehr als ein formaler Kalenderpunkt; sie ist ein Verdichtungsmechanismus, in dem sich Unstimmigkeiten zeigen können, die zuvor im Tagesgeschäft untergingen. Die Kombination aus Governance- und Transaktionshinweisen deutet darauf hin, dass nicht nur einzelne Buchungssachverhalte, sondern auch der Rahmen der Entscheidungskette überprüfungsbedürftig ist.
Für die betroffenen Systeme in der Praxis bedeutet die neue Konstellation zunächst vor allem: Transaktionen, die in der Vergangenheit nur schwer erklärbar waren, werden neu rekonstruiert. Das umfasst typischerweise die Prüfung der Geschäftshintergründe, die Historie von Freigaben, die Rolle der handelnden Einheiten sowie die Qualität der „Audit Trail“-Daten. In modernen Bank-Setups spielt dabei auch die Tooling-Ebene eine Rolle, etwa wie Vorgänge in Order-/Trade-Umgebungen protokolliert, mit Entscheidungsbelegen verknüpft und für Prüfungen verfügbar gemacht werden. Dort, wo Transparenz fehlt, geht es oft um Informationsarchitektur: Welche Metadaten sind Pflicht, wie werden Begründungen gespeichert, und wie schnell kann ein Prüfer vom Ergebnis zur Entscheidung zurück?
Regulatorisch ist der Eingriff zudem ein klarer Hinweis, wie eng BaFin und Institute das Thema „Fit & Proper“ sowie die tragfähige Geschäftsorganisation zusammen denken. Die Maßnahme adressiert nicht nur die Person als solche, sondern auch die Frage, ob die Verantwortungsstruktur in der Lage ist, Governance-Lücken zu verhindern und früh zu korrigieren. Gerade in der Privatbanklandschaft, die häufig stark auf diskretionäre Beratung und selektive Geschäftsmodelle setzt, können Markttransaktionen zwar legitim sein, aber die Nachweiskette muss trotzdem robust sein. Für Compliance bedeutet das, dass interne Kontrollen nicht bloß als Regelwerk existieren dürfen, sondern als gelebte Prozesse mit messbarer Wirksamkeit. Andernfalls entsteht das Risiko, dass Aufsichtsschritte künftig schneller und tiefgreifender erfolgen.
Wie könnte es weitergehen? In den kommenden Wochen wird entscheidend sein, welche Untersuchungs- und Sanierungsfahrpläne die Sonderbeauftragten aufsetzen: von einer forensischen Aufarbeitung konkreter Markttransaktionen über die Überprüfung von Freigabe-Workflows bis hin zur Neuausrichtung von Dokumentations- und Eskalationsmechanismen. Für die nächsten Quartale zeichnet sich außerdem ab, dass Stakeholder—Kunden, Geschäftspartner und Mitarbeitende—verstärkt nach belastbaren Governance-Zeichen suchen werden. Mittel- bis langfristig dürfte Berenberg die eigenen Kontroll- und Reporting-Strukturen weiter professionalisieren müssen, um ähnliche Prüfungsrisiken zu vermeiden. Für den Markt bleibt das Verfahren ein Warnsignal: Transparenz ist kein Zusatz, sondern die Voraussetzung für stabile Entscheidungen und für Vertrauen in die Geschäftsführung.
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