BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eineinhalb Wochen nach der Wahl haben Linke, Grüne und SPD Gespräche über eine mögliche Regierungsbildung in der Hauptstadt gestartet. Die Parteien wollen sich zunächst auf gemeinsame Verabredungen zu Antisemitismus, dem Umgang mit Rassismus und organisierter Kriminalität verständigen. Ergebnisse des Treffens im Berliner Haus der Statistik nahe dem Alexanderplatz wurden zunächst nicht bekannt. Offen bleibt, ob daraus schon ab kommender Woche Sondierungen folgen.

Berlin: Linke, Grüne und SPD einigen sich vor Gesprächen auf heikle Themen
Berlin: Linke, Grüne und SPD einigen sich vor Gesprächen auf heikle Themen (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Berliner Politik tritt nach der Wahl in eine Phase ein, die in anderen Kontexten gern „Formalisierung“ genannt wird: Nicht Entscheidungen werden zuerst getroffen, sondern gemeinsame Leitplanken. Genau das ist der Kern eines Treffens, das Linke-Wahlsieger, Grüne und SPD zu einem sogenannten Vorgespräch zusammengeführt hat. Nach Angaben der Beteiligten ging es dabei um Themen, die in der öffentlichen Debatte zuletzt besonders hart umkämpft waren: Antisemitismus, der Umgang mit Rassismus sowie organisierte Kriminalität. Das frühe Vorgehen ist dabei weniger Symbolpolitik als eine Art Abstimmungsauftrag für die folgenden Verhandlungen, denn ohne ein Mindestmaß an Übereinstimmung soll der Einstieg in Sondierungen gar nicht erst sinnvoll sein.

Technisch betrachtet erinnert die Vorgehensweise an Prozessdesign in der Softwareentwicklung: Bevor Teams „produktive“ Arbeit starten, klären sie Schnittstellen, Abhängigkeiten und No-Go-Bereiche. Übertragen auf die Koalitionslogik heißt das: Die Parteien versuchen zuerst, politische „Requirements“ so zu fixieren, dass spätere Unterschiede nicht alles verwerfen. Dass Details zur Tagesordnung oder zu einem konkreten Zeitplan zunächst nicht genannt wurden, passt zu diesem Muster. Gleichzeitig hat die Linken-Landesvorsitzende Kerstin Wolter laut Berichten eine positive Stoßrichtung signalisiert, indem sie betont, man wolle darüber reden, „wie wir vielleicht zusammenkommen“; die Grüne-Landesvorsitzende Nina Stahr beschreibt das Treffen als vertraulich. Solche Formulierungen sind in Berlin kein Zufall, sondern dienen häufig dazu, sensible Konfliktfelder intern so lange zu sortieren, bis die öffentliche Debatte nicht sofort jede Nuance erzwingt.

Der politische Druck kommt allerdings nicht aus dem Nichts. Bei der Linken wurden nach der Wahl mehrere Vorfälle diskutiert, die auch Koalitionspartner verunsichert haben. Anlass gaben unter anderem Berichte über eine Wahlparty in Neukölln am 20. September, bei der nach den vorliegenden Informationen sowohl ein Oberhaupt eines arabischstämmig und teils kriminell eingeordneten Clans als auch ein propalästinensischer Aktivist anwesend gewesen sein sollen, dem eine Nähe zur EU-klassifizierten Terrororganisation Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP) zugeschrieben wird. Zusätzlich geriet der Berliner Linke-Bundestagsabgeordnete Ferat Koçak in den Fokus, weil er freundschaftliche Chatnachrichten mit einem Sohn einer dem Clan-Milieu zugeordneten Großfamilie ausgetauscht haben soll; er kündigte als Konsequenz an, seinen Sitz im Innenausschuss aufzugeben. Interessant ist dabei die Signalwirkung: Das Vorgespräch wirkt wie eine politische Sicherheitsprüfung, die versucht, Vertrauen und Handlungsfähigkeit wiederherzustellen, bevor formale Sondierungen beginnen.

Die Ausgangslage für eine mögliche Koalition ist zugleich rechnerisch, aber politisch brisant. Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 20. September erzielte die Linke 25,7 %, damit war sie deutlich stärkste Kraft. Danach folgen CDU mit 18,8 %, AfD mit 16,3 %, Grüne mit 14,3 % und SPD mit 12,1 %. Die bisherige CDU/SPD-Koalition verliert damit ihre Mehrheit, die Linke setzt auf eine rot-grün-rote Konstellation. Wenn es dazu kommt, könnte die Spitzenkandidatin der Linken gemeinsam mit ihrer Co-Konstellation erstmals eine Regierende Bürgermeisterin in Berlin stellen. In dieser Gemengelage geht es in Sondierungsrunden nicht nur um Inhalte, sondern auch um Glaubwürdigkeit: Parteien müssen zeigen, dass sie Differenzen kontrolliert bearbeiten können, ohne dass der öffentliche Konflikt die Verhandlungsfähigkeit dauerhaft unterminiert.

Inhaltlich dürfte Wohnen und Mieten einer der größten Brocken bleiben. Im Wahlkampf spielte das Thema eine herausgehobene Rolle, und die Linke setzt auf eine Vergesellschaftung großer Wohnungskonzerne, um nach ihrer Zielsetzung rund 220.000 zusätzliche Wohnungen in kommunale Hand zu bringen und mehr Einfluss auf den Wohnungsmarkt zu gewinnen. Hintergrund ist ein Volksentscheid aus dem Jahr 2021, bei dem eine Mehrheit dafür gestimmt haben soll. Die Grünen wollen den Volksentscheid ebenfalls umsetzen und ein entsprechendes Gesetz erarbeiten. Die SPD dagegen hat im Wahlkampf klar gemacht, dass es mit ihr keine Enteignungen geben werde, und damit entsteht unmittelbar die Frage nach der Finanzierung: Welche Mittel sollen in welcher Form bereitstehen, falls Entschädigungen oder andere Kostenblöcke zu adressieren sind? Genau solche Zielkonflikte sind in Sondierungen häufig das, was aus „Vorgesprächen“ erst später echte Koalitionsverhandlungen macht oder verhindert.

Auch wenn die Runde primär politisch verhandelt, lassen sich Parallelen zur Umsetzung moderner Verwaltung ziehen. Gerade bei Themen wie organisierter Kriminalität und Rassismus geht es in der Praxis oft um belastbare Verfahren, saubere Datenflüsse und nachvollziehbare Entscheidungswege zwischen Polizei, Justiz, Kommunen und Beratungsstellen. Parteien, die Sondierungen ernsthaft vorbereiten, müssen deshalb Fragen aufwerfen, die über Paragrafen hinausgehen: Wie werden Verdachtslagen dokumentiert, wie werden Schnittstellen zwischen Behörden standardisiert, und wie stellt man sicher, dass Programme zur Prävention und Deradikalisierung messbare Wirkung entfalten? Dabei geht es nicht darum, Politik „zu automatisieren“, sondern darum, dass Maßnahmen überprüfbar, rechtssicher und in der täglichen Verwaltung überhaupt durchführbar sind.

Vor diesem Hintergrund ist die nächste erwartbare Etappe klar: Sollten ein oder mehrere Vorgespräche wie geplant zu einer Verständigung führen, könnten Sondierungen beginnen, womöglich schon ab kommender Woche. Wichtig ist die Unterscheidung: Sondierungsgespräche sind keine Koalitionsverhandlungen, sondern ein Abstecken dessen, was den Parteien besonders wichtig ist und ob Koalitionsverhandlungen überhaupt erfolgversprechend wären. Genau das kann auch scheitern. Für Unternehmen und zivilgesellschaftliche Akteure bedeutet das vor allem Planungssicherheit mit Zeitfenster: Wer mit Berlin kooperiert, muss kurzfristig damit rechnen, dass politische Programme, Förderlogiken und regulatorische Vorhaben zunächst „angehalten“ sind, bis die Parteien ihre Prioritäten konsistent gebündelt haben.

Am Ende entscheidet sich Berlin an mehreren Ebenen gleichzeitig: an der Fähigkeit, sensiblen Debatten wie Antisemitismus und Rassismus klare Linien zu geben, und daran, ob der Wohnungsmarktstreit mit Finanzierung, Rechtswegen und Kompromissbereitschaft in ein umsetzbares Paket übersetzt werden kann. Das Vorgespräch liefert dafür einen ersten Taktgeber. Wenn die Parteien die heiklen Themen nicht nur verbal adressieren, sondern in der nächsten Phase konkrete Verhandlungsgrundlagen abstecken, wächst die Wahrscheinlichkeit, dass aus Gesprächen wieder echte Regierungsarbeit wird – oder andernfalls, dass rechtzeitig Alternativen entstehen, bevor Zeitpläne und Erwartungshaltungen irreversibel auseinanderdriften. Dabei bleibt auch die Frage nach dem Umgang mit „organisierter Kriminalität“ entscheidend, weil hier Zuverlässigkeit und Vertrauen gleichermaßen betroffen sind.


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