BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – In Berlin verschieben sich die Kräfte im Mietwohnungsmarkt: Genossenschaften halten Bestandsmieten vergleichsweise niedrig, gleichzeitig brechen die Neubauzahlen stark ein. Eine Branchenposition fordert deshalb mehr Landesflächen für Genossenschaften, etwa über Mietkaufmodelle, sowie zusätzliche Fördermittel. Im Osten der Stadt sind Genossenschaften besonders präsent, doch der Nachwuchs an Mitgliedern und Wohnungen kommt immer langsamer nach. Die Politik zeigt sich gesprächsbereit und will vor allem Genehmigungswege beschleunigen.

Berliner Genossenschaften unter Druck: Mieten stabil, Neubau bricht ein
Berliner Genossenschaften unter Druck: Mieten stabil, Neubau bricht ein (Foto: IT BOLTWISE)
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Berlin bleibt ein Synonym für Wohnungsdruck – mit steigenden Angebotsmieten und einem anhaltenden Mangel an bezahlbaren Wohnungen. Laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes stiegen die Angebotsmieten in der Hauptstadt im Mittel der letzten zehn Jahre um rund 75 Prozent auf 15,80 Euro pro Quadratmeter (nettokalt). Für das vergangene Jahr nennt der Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen (BBU) sogar 18,76 Euro pro Quadratmeter. In diesem Umfeld wirken Genossenschaften wie ein Gegenpol: Ihre Bestandsmieten bewegen sich deutlich darunter – aktuell laut BBU bei durchschnittlich 6,29 Euro pro Quadratmeter.

Technisch betrachtet ist das ein klassischer Fall von „Preisdynamik durch Struktur“: Während der Marktpreis im Neubau stark an Baukosten, Finanzierung und knappe Flächen gekoppelt ist, begrenzen genossenschaftliche Modelle die Renditeerwartung und verlagern Stabilität in den Bestand. Laut BBU lagen die Bestandsmieten der Genossenschaften im vergangenen Jahr rund 18,4 Prozent unter dem Niveau des Berliner Mietspiegels; bei Neuvermietungen ist der Abstand zu den Angebotsmieten laut Bericht noch größer. Doch diese Stabilität basiert nicht auf Magie, sondern auf Umverteilungsmechanismen, langfristiger Finanzierung und dem Bestandsschutz des Geschäftsmodells.

Marktseitig entsteht dadurch ein Wettbewerbseffekt – allerdings auf unterschiedlichen Zeithorizonten. Genossenschaften verwalten knapp elf Prozent des Berliner Mietwohnungsbestands, während andere Anbieterklassen (darunter landeseigene, kirchliche und private Wohnungsunternehmen) vor allem stärker im Marktgeschehen für Neuvermietungen und im Neubauprofil stehen. Die Beobachtung aus der Branche: Mehr als jede zehnte Mietwohnung gehört einer Genossenschaft, besonders in Ostbezirken. In Marzahn-Hellersdorf liegt der Anteil laut Angaben bei mehr als jeder vierten Mietwohnung; in westlichen Bezirken meist unter zehn Prozent. Das macht Genossenschaften zu einem wichtigen Bestandteil der sozialen Angebotslandschaft – und zum Ziel politischer Aufmerksamkeit.

Dass der Gegenpol nicht unverwundbar ist, zeigt der Blick auf die Zahlen für das Angebot. Ende 2025 verharrte der Leerstand in diesem Segment dem BBU zufolge bei rund 0,9 Prozent – deutlich unter dem Niveau der übrigen BBU-Mitgliedsunternehmen. Gleichzeitig sagen Vertreter der Branche, viele Genossenschaften könnten „schon heute keine neuen Mitglieder mehr aufnehmen“. Der Grund liegt weniger in der Nachfrage als in den Kapazitäten zur Vergrößerung: Die Zahl fertiggestellter Genossenschaftswohnungen fiel 2025 auf den niedrigsten Stand seit 15 Jahren – mit nur noch 178 fertiggestellten Wohnungen. Das entspricht 60 Prozent weniger als im Vorjahr und einem Rückgang von fast 80 Prozent gegenüber dem bisherigen Höchststand von 840 Fertigstellungen im Jahr 2018.

Historisch war das Genossenschaftsmodell in Berlin nicht zufällig dort besonders stark, wo es heute sichtbar ist. BBU-Vorständin Maren Kern verweist auf „historische Gründe“: In der DDR galten Genossenschaften als wichtiges Aushängeschild und Instrument der Wohnungspolitik. Zudem sind viele Berliner Genossenschaften älter als mancher Mietwohnungsbestand: Die Charlottenburger Wohnungsbaugenossenschaft existiert etwa seit Anfang des 20. Jahrhunderts. Über die Wohnungsversorgung hinaus verstehen viele Genossenschaften ihre Rolle als soziale Mitgestaltung von Quartieren und Kiezen. Henrike Hanke von der Wohnungsbau-Genossenschaft „Treptow Nord“ bringt es auf den Punkt: Genossenschaften stärkten den Zusammenhalt und die Kommunikation der Menschen mit ihrem Wohnumfeld.

Die eigentliche Bremse für die Zukunft liegt heute jedoch in der Projektpipeline – also in Baugrund, Finanzierung und Genehmigungslogik. Laut Branchenposition müssten Genossenschaften dauerhaft einen Marktanteil von rund elf Prozent halten, wofür jährlich mehrere Tausend neue Wohnungen nötig wären. Für das laufende Jahr rechnet der Verband dagegen nur mit etwa 160 Fertigstellungen, erneut mit einem Rückgang von mehr als zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr. Als Gründe werden gestiegene Bau- und Finanzierungskosten sowie Flächenknappheit genannt; Dirk Enzesberger, kaufmännischer Vorstand der Charlottenburger Baugenossenschaft, beschreibt, dass viele Vereine in den 90er- und 2000er-Jahren Baugrund erwerben konnten, diese Reserven inzwischen aber ausgeschöpft seien.

Für die Landespolitik folgt daraus eine sehr konkrete Handlungslogik: Die Genossenschaften fordern die Möglichkeit, Landesflächen über Mietkaufmodelle zu erwerben. Das Ziel ist nicht nur, überhaupt Grundstücke zu bekommen, sondern auch zu verhindern, dass Flächen nach dem Erstzugriff weiterverkauft werden. Ein Wiederkaufsrecht könnte sicherstellen, dass die Entwicklung beim genossenschaftlichen Ansatz bleibt. Zusätzlich braucht es laut Positionspapier mehr Fördermittel, um Bestandswohnungen aufzukaufen. In der Praxis ist das ein „Investitions- und Governance-Problem“: Ohne passende Finanzierungshebel (Zins- und Risikoabbildung), ohne planbare Grundstückszuteilung und ohne geschlossene Eigentums- bzw. Rückkaufmechanismen wird die Pipeline immer wieder abreißen.

Die Branche sucht parallel die Anschlussfähigkeit an bestehende Verfahren und zeigt, dass sich Genossenschaften weiterentwickeln. Trotz Flächenmangels werden weiterhin neue Gesellschaften gegründet, etwa die Genossenschaft selbstverwalteter Projekte (GSP) seit 2021. Derzeit baut sie knapp 200 Wohnungen in Holzmodulbauweise in Berlin-Lichtenberg; die Flächen gehörten einst dem Bund. Gut die Hälfte sind Sozialwohnungen, der Rest wird frei vermietet – laut Vorstand Andreas Bräuer zu etwa 14 Euro pro Quadratmeter. Würden die Kredite zu heutigen Zinsbedingungen aufgenommen, läge sein Modell zufolge eher bei 20 Euro. Das verdeutlicht: Selbst bei effizienteren Bauweisen entscheidet am Ende die Finanzierung über die Preisfähigkeit. Auf der Projekttour verspricht Regierender Bürgermeister Kai Wegner, sich vor allem Genehmigungsverfahren anzuschauen, um die Geschwindigkeit zu erhöhen.


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