LONDON (IT BOLTWISE) – Der Startup Besxar will Teile der Halbleiterfertigung ins All verlagern und dabei kommerzielle Raketen als mobile Produktionsstufe nutzen. Das Unternehmen plant, wafer-nahe Vorprodukte in der Vakuumumgebung zu verarbeiten und anschließend zur Erde zurückzubringen. Die bisherigen Testläufe liefen auf einem Starlink-Mission-Flug mit einem Falcon-9-Booster und zielten auf Kontaminationsschutz sowie das Überleben der sogenannten Fabships ab. Für die Skalierung nennt Besxar als Engpass die Verfügbarkeit günstiger Transportkapazität und knüpft damit direkt an den künftigen Betrieb von Starship oder vergleichbaren Next-Gen-Raketen an.

Wer Halbleiter in einer Fabrik herstellen will, landet schnell bei einem scheinbar paradoxen Aufwand: Gerade die winzigen Kontaminationen, die auf der Erde durch Staubpartikel, Mikroströme oder andere Fremdstoffe entstehen können, reichen aus, um Bauteile während kritischer Prozessschritte zu ruinieren. Darum benötigen klassische Chipfabriken sehr anspruchsvolle, druckstabilisierte Cleanrooms, in denen die Umgebung streng kontrolliert wird. Besxar dreht diese Logik um, indem das Startup einen Produktionsschritt dort durchführen will, wo das „Problem“ bereits physikalisch gelöst ist: im Vakuum des Weltraums, kombiniert mit dem Ziel, die Proben wieder zur Erde zurückzuführen.
Im Zentrum steht dabei keine komplette „Plattform für die Chipproduktion“, sondern ein modularer Ansatz, den das Unternehmen als fabships bezeichnet. Diese kleinen Transport- und Testkanister sollen Waferproben in einer reproduzierbaren Umgebung aufnehmen, sie vor Kontamination schützen und gleichzeitig den gewünschten Prozess mit der Vakuumphysik des Alls ermöglichen. Besxar argumentiert, dass es wirtschaftlich sinnvoll sein könnte, dorthin zu gehen, wo die physikalischen Randbedingungen bereits passen, statt Milliarden in Infrastruktur zu investieren, die genau diese Randbedingungen erst „nachbauen“ muss. Als wichtiges Beispiel nennt der Ansatz zudem den Falcon-9-Booster, der laut Quelle besonders häufig im Jahr zuvor und im laufenden Jahr eingesetzt wurde, weil er für häufige Hin- und Rückflüge eine verlässlichere Basis liefert als seltenere Raumfahrtmissionen.
Die ersten beiden fabships von Besxar sind auf einer Starlink-Mission geflogen. Der technische Zweck war klar umrissen: Die Canister sollten nach dem Start stabil bleiben, Waferproben gegen Kontamination abschirmen und im Orbit die Vakuumumgebung nutzen. Besonders relevant ist dabei die Frage, wie stark Partikel aus dem Prozess oder der Umgebung in die „saubere“ Probe eingetragen werden. Besxar berichtet, dass die geflogenen Samples im Vergleich zu nicht geflogenen terrestrischen Wafern die saubersten gewesen seien und weniger Partikel gezeigt hätten – trotz eines Problems im Flugdatensystem eines Canisters, das das Unternehmen derzeit untersucht. Diese Kombination aus „funktioniert im Kern“ und „Daten- oder Messkomponente prüfen“ ist für den nächsten Iterationszyklus entscheidend, weil sie darüber entscheidet, welche Prozessparameter später bei größeren Mengen wirklich reproduzierbar sind.
Auf der Roadmap geht es nun in eine Phase, in der Besxar die Prozesse Schritt für Schritt aufbaut. Das Unternehmen erwartet, die nächsten zwei Jahre zu iterieren, bevor größere fabships mit mehr Kapazität an Bord genommen werden sollen. Technisch klingt das wie eine klassische Prozesskette aus der Halbleiterfertigung, nur eben verlagert: Zuerst sollen die Wafer auf Temperatur gebracht werden, anschließend soll ein Material abgeschieden werden, danach folgen weitere Abscheideschritte mit mehreren Materialien. Sobald die „qualification samples“ fertig sind, will Besxar vor allem jene Chipproduzenten adressieren, die Komponenten benötigen, um elektrische Leistungen in Anwendungen wie Rechenzentrumsinfrastruktur, Robotik und Elektrofahrzeugen zu regeln.
Damit verschiebt sich der Wettbewerb nicht in Richtung „Wer hat die beste Rakete“, sondern eher in Richtung „Wer bekommt die Transportkosten pro Wafer so weit gedrückt, dass der Weltraum-Vorteil nicht durch Logistik überholt wird“. Besxar verweist auf andere Unternehmen, die ebenfalls die Raumumgebung für qualitativ hochwertigere Halbleiter nutzen wollen, aber an einer ähnlichen Schranke arbeiten: Sie können typischerweise nur eine begrenzte Menge Produkt wieder zur Erde zurückbringen, was das Scaling erschwert. Besxar sagt, dass der Weg zu anfänglich hunderten und perspektivisch tausenden Wafern pro fabship möglich sei – aber dieser Pfad hänge an günstigen Raketenstarts. Genau hier setzt die Abhängigkeit von der Raumfahrtindustrie an: Entweder wird Starship von SpaceX planmäßig in Betrieb gehen, oder Wettbewerber wie Rocket Lab und Stoke Space müssen ihre nächsten Generationen so hoch skalieren, dass die Transportebene wirtschaftlich tragfähig wird.
Für die Markt- und Technologieperspektive ist dabei entscheidend, dass Besxar früh auf de-risking über Pilotflüge gesetzt hat, statt sofort ein „Produktionssystem für den Durchsatz“ anzumelden. Laut Quelle wandte sich die Gründerin bereits vor Jahren an SpaceX, um Flugkapazitäten für spätere Tests zu sichern, und entschied sich dann für ein Booster-Setup, weil es die Entwicklungsrisiken im Vergleich zu einem noch nicht verfügbaren Großsystem besser abfedert. Besonders spürbar ist auch die strategische Aussage: Das Team sieht bereits eine Transportebene als gegeben und will sich deshalb stärker auf die Anwendungsebene konzentrieren – also auf die eigentliche Herstellung und das schnelle Zurückbringen der Produkte in Richtung Markt. „We’re at a time where it’s actually more cost-effective to go where the physics already works“, sagt Ashley Pilipiszyn in den vorliegenden Aussagen; „Don’t do it on Earth where you’re fighting physics.“ Damit wird die technische Vision zugleich zur Kostenstory: Wenn der Transport günstiger wird, kann das Orbital-Fertigungsmodell von einer Demonstrationsidee zu einem wiederholbaren Produktionsweg werden.
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