BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Bevh und HDE schlagen flexiblere Sonntagsöffnungen vor, damit der stationäre Einzelhandel mit dem Onlinehandel nicht mehr strukturell benachteiligt ist. Im Zentrum steht die Idee, dass Kundinnen und Kunden stärker selbst entscheiden können, wann sie einkaufen. Gleichzeitig soll ein rechtlicher Rahmen Planungssicherheit für Beschäftigte schaffen. Die Debatte trifft auf Widerstand von Verdi und wird auch mit Blick auf die verfassungsrechtliche Rolle des Sonntags geführt.

Die Sonntagsruhe in Deutschland ist rechtlich fest verankert und kulturell tief Ver Verknüpft – dennoch verschärft der Wettbewerb mit dem Onlinehandel den Druck auf den stationären Einzelhandel. Der E-Commerce-Verband Bevh und der Handelsverband HDE fordern deshalb flexiblere Sonntagsöffnungszeiten. Argumentiert wird nicht nur mit veränderten Konsumgewohnheiten, sondern auch mit der Frage, ob starre Öffnungsregeln noch zu einer modernen Service-Ökonomie passen. Für Unternehmen bedeutet die Diskussion vor allem eines: Kann der stationäre Handel an Verkaufstagen stärker mit digitalen Plattformen konkurrieren, ohne dass Arbeits- und Gesundheitsinteressen der Beschäftigten unter die Räder geraten?
Im Kern geht es um die Entkopplung von starren Kalenderregeln und realer Nachfrage. Bevh-Hauptgeschäftsführerin Alien Mulyk stellt dabei die Kundenperspektive in den Vordergrund: Wenn Verbraucherinnen und Verbraucher zunehmend unabhängig von Öffnungszeiten shoppen wollen, müssen Regeln zumindest so gestaltet werden, dass sie Wahlmöglichkeiten nicht dauerhaft blockieren. Gleichzeitig adressiert der Verband einen häufigen Zielkonflikt, den Unternehmen in Dienstleistungsbranchen kennen: Flexibilität funktioniert nur dann, wenn sie in planbare Schicht- und Urlaubsmodelle übersetzt wird. Dazu gehört eine Arbeitsorganisation, die verlässliche Standards für Beschäftigte mit betrieblichen Spielräumen verbindet.
Der HDE schiebt die Argumentation weiter auf die gesellschaftliche Wirklichkeit des Sonntags: Wie Stefan Genth beschreibt, ist der Sonntag für viele Menschen längst ein Tag mit Freizeitangeboten – während der Handel vielerorts außen vor bleibt. Genau an dieser Stelle wird der Vergleich zum E-Commerce besonders deutlich. Onlinehändler dürfen regelmäßig sonntags aktiv sein, während der stationäre Handel strengeren Vorgaben folgt. Wettbewerber wie Amazon oder Zalando nutzen digitale Bestell- und Logistikprozesse, um die Nachfrage auch an Wochenenden zu bedienen. Marktbeobachter werten diese Diskrepanz als strukturellen Nachteil für Filialnetze, der sich nicht allein durch Aktionen ausgleichen lässt.
Rechtlich wird die Debatte zusätzlich durch die Frage getragen, ob eine dauerhafte Klärung durch Änderungen auf Verfassungsebene möglich ist. Peter Adrian, Präsident der Deutschen Industrie- und Handelskammer, greift dabei den Gedanken einer Grundgesetzänderung auf. Hintergrund ist die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 2009, die nach seiner Darstellung auf einer veralteten Vorstellung über die Sonntagsruhe fußt. Für die Praxis ist das mehr als juristische Theorie: Je stabiler die Rechtslage, desto eher können Arbeitgeber belastbare Dienstpläne aufsetzen, Investitionen in Ladenbau, Personalplanung und Logistik vorplanen und Rechtsrisiken kalkulierbar machen.
Gegenpositionen kommen aus dem Arbeits- und Sozialschutz. Verdi lehnt eine Lockerung ab, mit dem Argument, dass der Sonntag der einzige planbare freie Tag sei, der für Erholung genutzt werden könne. Silke Zimmer, Vorstandsmitglied der Gewerkschaft, macht damit deutlich, dass es nicht nur um Öffnungszeiten geht, sondern um Arbeitszeitautonomie und Regeneration. Diese Spannung spiegelt sich auch in der öffentlichen Meinung: Laut einer YouGov-Umfrage sprechen sich 43 Prozent der Befragten für häufigere Sonntagsöffnungen aus, 50 Prozent dagegen. Unternehmen müssen daher mit heterogenen Erwartungen rechnen: Kundennutzen und Wettbewerbsfähigkeit treffen auf gesellschaftliche Sensibilität und die Interessenvertretung der Beschäftigten.
Auch die aktuelle Rechtslandschaft zeigt, wie fragmentiert die Umsetzung bereits heute ist. In Deutschland ist die Sonntagsruhe im Grundgesetz verankert, doch die Details variieren nach Bundesland. So erlaubt Schleswig-Holstein das Einkaufen in kleinen Supermärkten an Sonntagen ohne Personal. Thüringen wiederum kennt Sonderregeln für kleine 24-Stunden-Läden, die ebenfalls sonntags öffnen dürfen, jedoch ohne Personal. Technisch und organisatorisch ist das ein relevanter Hinweis: Wo Öffnung ohne Personal möglich ist, verschiebt sich die Verantwortung in Richtung Automatisierung, Steuerung und Zutritts-/Abwicklungsprozesse. Derartige Modelle können als Vorstufe verstanden werden, aber sie ersetzen kein flächiges Filialkonzept mit beratungsintensivem Service.
Für die Marktdynamik ist entscheidend, wie schnell sich ein neuer Rahmen in konkrete Betriebsmodelle übersetzen lässt. Wenn stationäre Händler zusätzliche Sonntage anbieten dürften, würde das ihre Angebotsverfügbarkeit zeitlich an den Onlinehandel annähern – und damit vor allem den „Zeitfaktor“ im Wettbewerb reduzieren. Gleichzeitig steigt aber der Organisationsaufwand: Schichtplanung, Lohn- und Zuschlagslogik, Erholungszeiten sowie die Koordination mit Teilzeitkräften werden zu einem Engpass. Aus Unternehmenssicht spricht viel für einen Ansatz, der Öffnung nur in klaren Grenzen erlaubt, um Rechtssicherheit und Planbarkeit zu schaffen. Analystisch gilt: Je genauer ein Gesetz Flexibilität, Schutz und Ausgleich definiert, desto eher entstehen tragfähige Modelle statt kurzfristiger Einzelgenehmigungen.
Ausblickend dürfte die politische Entscheidungsmatrix in den nächsten Monaten stark von drei Faktoren abhängen: dem Umgang mit der verfassungsrechtlichen Frage, der Bereitschaft der Länder zur harmonisierten Ausgestaltung und der gesellschaftlichen Akzeptanz. Für den stationären Handel wäre ein praktikabler Pfad, zunächst regionale Pilotierungen oder eng umrissene Ausnahmen zu ermöglichen, die später erweitert werden können. Die Digitalbranche kann dabei indirekt helfen: Moderne Workforce-Planungssysteme, Zustell- und Rückabwicklungsprozesse sowie datenbasierte Prognosen für Nachfrage an Wochenenden sind längst verfügbar. Wenn regulatorische Spielräume kommen, wird der Wettbewerb nicht nur über Öffnungszeiten, sondern über Servicequalität, Sortimentslogik und Liefer-/Abholkonsistenz entschieden.
Unterm Strich ist die Sonntagsdebatte ein Stresstest für das Zusammenspiel von Recht, Arbeitskultur und Handelsstrategie. Bevh und HDE argumentieren, dass flexiblere Regeln den stationären Handel stärken und den strukturellen Nachteil gegenüber dem Onlinehandel reduzieren würden. Verdi stellt dagegen die Schutzfunktion des freien Tages in den Vordergrund. Welche Richtung der Gesetzgeber einschlägt, entscheidet darüber, ob der Sonntag künftig als planbarer Markt- und Servicezeitraum neu gedacht wird – oder ob er als fester Schutzraum erhalten bleibt. Für Unternehmen hängt davon ab, wie schnell sie ihre Betriebsmodelle rechtssicher modernisieren und die Erwartung der Kundinnen und Kunden in konkrete, faire Prozesse überführen können.
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