ESSEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Eon bringt mit BDL Next das bidirektionale Laden in die Pilotierung: E-Autos sollen Strom sowohl aufnehmen als auch wieder abgeben, um Verteilnetze zu entlasten. Im Projekt wird mit BMW-Fahrzeugen getestet, wie sich Batterien als steuerbare Flexibilitätsquelle im Zusammenspiel von Wallbox, Auto und Energiewirtschaft messen und koordinieren lassen. Die Förderung des Bundeswirtschaftsministeriums zielt dabei auch auf offene Schnittstellen, damit Kunden unabhängig von einzelnen Anbietern profitieren. Ab 2027 hofft Eon auf erste marktfähige Produkte.

Bidirektionales Laden: Eon startet Pilot für Netz-Entlastung mit BDL Next
Bidirektionales Laden: Eon startet Pilot für Netz-Entlastung mit BDL Next (Foto: IT BOLTWISE)
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Bidirektionales Laden klingt zunächst wie ein Komfort-Feature, entpuppt sich bei genauerem Blick jedoch als Infrastrukturthema. Die Idee: Ein E-Auto ist nicht nur Verbraucher, sondern kann im Idealfall auch als steuerbarer Speicher wirken und Energie zurück ins Haus oder sogar ins Netz einspeisen. Damit rückt eine Frage in den Vordergrund, die Netzbetreiber seit Jahren umtreibt: Wie lässt sich die zunehmende Zahl dezentraler Erzeuger, neuer Lasten und volatil einspeisender Photovoltaik so ausgleichen, dass Spannung, Frequenz und Auslastung im Verteilnetz stabil bleiben? Genau hier setzt Eon mit dem Forschungsprojekt BDL Next an.

In der Pilotphase demonstriert das Projekt die praktische Umsetzung schon auf Alltagsebene. In einem Beispiel aus dem Projektumfeld wechselt die Richtung des Energieflusses über eine Wallbox: Aus dem bisherigen „Laden“ wird „Liefern“, sobald ein Nutzer die Funktion per App freigibt. Technisch bedeutet das nicht bloß eine andere Anzeige am Display, sondern eine koordinierte Kommunikation zwischen Fahrzeug, Ladeinfrastruktur und Steuerlogik. Eon beschreibt dabei, dass sich die Einspeiseleistung im laufenden Betrieb ändern kann und dass der Status des Akkus (etwa ein Ladegrad von 85 %) als Randbedingung für die Steuerung dient.

Damit wird ein zentraler Baustein adressiert: BDL Next arbeitet an messbarer und steuerbarer Nutzung im größeren Maßstab. Der Pilot startet nach Angaben im November 2023 und läuft mit einer Laufzeit von drei Jahren; jetzt geht es in die „heiße Phase“ der Pilotierung mit einer halbjähren Erprobung. An der Studie nehmen laut Projektplanung 20 Testpersonen teil, die neben der regionalen Zuordnung zu Eon-Tochtergesellschaften auch eine Photovoltaikanlage auf dem Dach mitbringen müssen. Die Auswahl ist dabei weniger „Marketing“, sondern dient dazu, echte Last- und Erzeugungsprofile nachzubilden und die Auswirkung auf das Verteilnetz vergleichbar zu messen.

Der Markt zeigt parallel, dass bidirektionale Funktionen zwar existieren, aber bisher häufig nur in der Nische bleiben. Das Bundesamt hat für Deutschland inzwischen mehr als zwei Millionen zugelassene reine Elektroautos gemeldet, doch „bidi-ready“ ist bislang nur ein kleiner Teil davon. Unter den Herstellern treiben mehrere Wettbewerber das Thema unterschiedlich stark vor: BMW erweitert die Funktionalität aktiv, auch Ford kann bei neuen Modellen sowohl laden als auch abgeben. Volkswagen begrenzt nach derzeitigen Angaben noch Zeitfenster und Kilowattstunden-Leistung, während Nissan entsprechende Features zwar eingebaut habe, diese aber bisher kaum offensiv vermarktet. Für Eon ist das eine strategische Lücke: Erst wenn Technologie, Tarife und Netzsteuerung zusammenpassen, wird aus Funktion ein Produkt.

Wettbewerb entsteht in diesem Umfeld allerdings nicht nur zwischen Autobauern, sondern auch zwischen Energiedienstleistern und Ladeinfrastruktur-Anbietern. Deshalb arbeitet BDL Next mit Übertragungsnetzbetreiber Tennet und dem Verteilnetzbetreiber Eon, während die Ladeinfrastruktur und Software-Schnittstellen unter anderem von KEO und Compleo adressiert werden. Diese Rollenverteilung ist entscheidend, denn bidirektionales Laden verlangt mehr als ein „Ja/Nein“-Flag: Es braucht definierte Schnittstellen für Authentifizierung, Steuerbefehle, Messdaten und Abrechnung. Eon versucht außerdem, offene Schnittstellen aufzubauen, damit Kunden später nicht an einen einzelnen Stromlieferanten, Netzbetreiber oder Wallbox-Ökosystem gebunden sind. Das ist zugleich eine Hürde, weil viele Akteure unterschiedliche Datenmodelle und Regelwerke bevorzugen.

Aus technischer Sicht wird damit auch der Sprung von Labor zu Systembetrieb greifbar. Einzelne Tarife für das Einspeisen aus dem Fahrzeug existieren bereits, etwa in Pilot- oder Angebotsformen bei BMW in Kombination mit Energieanbietern. BDL Next will jedoch nicht nur Schnittstellen zum Haushalt, sondern explizit die Auswirkungen auf die Verteilnetze untersuchen. Genau dazu gehört die Frage, wie sich die Flexibilität aus Fahrzeugen gezielt steuern lässt: Wann kommt Strom aus dem Fahrzeug, und handelt es sich dabei um Energie aus erneuerbaren Quellen? Hier treffen klassische Netzregelung, Messstellenbetrieb und energiewirtschaftliche Zuordnung aufeinander. Experten erwarten, dass diese Logik künftig eng mit Intraday-Handel und Bilanzierungsprozessen verzahnt wird.

Das Thema ist zugleich regulatorisch und datenschutznah. Je nachdem, wie Messwerte und Nutzungsdaten verarbeitet werden, entstehen Anforderungen an Datenminimierung, Zweckbindung und Nachvollziehbarkeit der Abrechnung. Zudem spielen energiewirtschaftliche Rahmenbedingungen eine Rolle, etwa wie Zusatzverträge für Einspeisung ausgestaltet werden und welche Folgen sich für steuerliche Bewertungslogiken ergeben. In der Praxis wird deshalb häufig nicht nur die technische Steuerung getestet, sondern auch die End-to-End-Kette aus Messung, Zuordnung und Reporting. In dem Kontext kommt Eon zu einem klaren Geschäfts-Design: Der Konzern will laut Projektplanung keinen dynamischen Tarif anbieteten, sondern einen festen Preis je Kilowattstunde, um Bedienbarkeit und Planbarkeit für Kunden zu verbessern.

Gerade die Wirtschaftlichkeit hängt jedoch stark an Kosten und Hardware-Kompatibilität. Im Projekt steht deshalb auch die Frage im Raum, ob es mit Wechsel- und Gleichstromsystemen gleichermaßen funktioniert. DC-Ladestationen gelten als deutlich teurer, weil sie höhere Leistungen erlauben; zugleich existieren unterschiedliche technische Pfade für die Leistungswandlung. Bei AC kann der Energiefluss anders „vorbereitet“ werden als bei DC, sodass entweder im Fahrzeug oder in der Wallbox Mess- und Wandlerfunktionen eine größere Rolle spielen. Eon-Projektleiter Michael Rahi rechnet zudem damit, dass die Anschaffungskosten sinken dürften: Für eine erste Wallbox lagen die Kosten vor wenigen Jahren noch deutlich höher, mittlerweile werden offenbar 2.000 bis 3.000 Euro genannt. Damit wird bidirektionales Laden eher zu einer skalierbaren Option.

Im Ergebnis zielt BDL Next auf eine Koordination vieler kleinteiliger Kapazitäten ab, statt nur einzelne Fahrzeuge als Demonstratoren zu nutzen. Eon argumentiert, dass mehr Anlagen und damit mehr steuerbare Komponenten zwar die Systemflexibilität erhöhen, aber gleichzeitig die Komplexität der Steuerung treiben. Stefan Padberg, Leiter Innovation bei Eon, beschreibt den Pilotbetrieb als konkrete Arbeit an einer „steuerbaren, messbaren und netzdienlichen Nutzung im großen Maßstab“. Für Unternehmen und Entwickler bedeutet das: Der Engpass verlagert sich von der reinen Ladefunktion hin zu Middleware, Datenmodellierung, Testverfahren für Messgenauigkeit und zu robusten Governance-Mechanismen für Zugriffsrechte. Die nächste Wettbewerbsphase wird deshalb weniger über „Wer kann bidirektional?“ entschieden, sondern über „Wer kann es zuverlässig integrieren und wirtschaftlich betreiben?“

Ausblickend ist die Zeitachse ambitioniert, aber plausibel: Eon hofft darauf, bereits 2027 mit ersten Produkten in den Markt zu gehen. Entscheidend wird sein, ob offene Schnittstellen tatsächlich die erwartete Interoperabilität liefern und ob Tarife, Bilanzierungslogik und Netzdienlichkeit in der Praxis ohne Sonderfälle funktionieren. Gleichzeitig wird der Regulierungsrahmen weiterentwickelt werden müssen, weil Netzbetreiber neue Flexibilitätsprodukte definieren und diese in Verfahren zur Netzplanung und -fahrplanerstellung integrieren. Wenn das gelingt, entsteht für den Mittelstand ein breites Feld: von KI-gestützter Fahr- und Ladeplanung über App-Ökosysteme bis zu Abrechnungs- und Messplattformen. Bidirektionales Laden wäre dann nicht mehr Nische, sondern ein Baustein einer stärker softwaregetriebenen Energiewirtschaft.


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