BERLIN / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bio-Landwirtschaft in Deutschland wächst weiter, allerdings nur verhalten. Ökologisch bewirtschaftet wurden im vergangenen Jahr 11,4 Prozent der gesamten Agrarfläche. Gleichzeitig sank die Zahl der Bio-Betriebe leicht auf 28.150. Als Grund nennt das zuständige Ministerium eine neue Datengrundlage mit einheitlichen Erfassungsgrenzen, die die Vergleichbarkeit beeinflusst.

Die Bio-Landwirtschaft in Deutschland bleibt auf Wachstumskurs, aber der Trend ist zunehmend zweigeteilt: Die Ökofläche nimmt zu, während die Zahl der Betriebe weiter leicht nach unten geht. Nach Angaben des Bundeslandwirtschaftsministeriums wurden im vergangenen Jahr 11,4 Prozent der gesamten Agrarfläche ökologisch bewirtschaftet. Das ist zwar ein Plus gegenüber früheren Entwicklungen, zeigt aber auch, dass sich die Transformation in der Fläche nicht automatisch in mehr Höfen übersetzt.
Besonders auffällig ist die Gegenbewegung bei den Betriebszahlen. Die Zahl der Bio-Betriebe ging demnach leicht auf 28.150 zurück; das entspricht 11,2 Prozent aller Betriebe. Dass diese Werte nur „verhalten“ ausfallen, hängt auch mit der Statistik zusammen: Das Ministerium nutzt für die Berechnung ab diesem Jahr Daten, die das Statistische Bundesamt erhebt, und legt damit einheitlichere Erfassungsgrenzen zugrunde. Für ökologische und konventionelle Betriebe gelten damit dieselben Schwellen, was die Vergleichbarkeit verbessern soll, aber die direkte Gegenüberstellung zu früher veröffentlichten Bio-Werten erschwert.
Technisch betrachtet verschiebt die neue Datengrundlage den Blick auf sehr kleine Einheiten. Das Ministerium führt methodisch bedingte Effekte an: Sehr kleine Höfe mit weniger als fünf Hektar werden nicht mehr in gleicher Weise berücksichtigt, außerdem werden etwa Imkereien anders erfasst. Dadurch können die Zahlen für Betriebe und Flächen rechnerisch niedriger ausfallen, selbst wenn sich die reale Umstellungsgeschwindigkeit nicht identisch verändert hat. In der letzten Jahresstatistik für 2024 lag der Bio-Flächenanteil nach den alten Kriterien noch bei 11,5 Prozent – die Differenz ist damit auch ein Stück Statistikgeschichte.
Im Kern spiegelt die Entwicklung den Strukturwandel in der Landwirtschaft wider: weniger Höfe bewirtschaften im Schnitt größere Flächen. Während die Ökofläche auf rund 1,9 Millionen Hektar wuchs, sank gleichzeitig die Anzahl der Bio-Betriebe. Der Anteil der Ökobetriebe an allen Betrieben blieb mit 11,2 Prozent stabil, obwohl die Gesamtzahl der Landwirtschaftsbetriebe zurückging. Für die Praxis heißt das: Die Umstellung findet weiterhin statt, aber sie konzentriert sich stärker auf verbleibende und wachsende Betriebe, während andere Bio-Höfe im Umfeld der Nachfolgeprobleme oder aufgrund eines Rückwegs zur konventionellen Bewirtschaftung aufgegeben werden.
Das politische Ziel, bis 2030 einen Flächenanteil von 30 Prozent zu erreichen, liegt damit weiterhin spürbar außer Reichweite. In der Debatte geht es nicht nur um Haltung, sondern auch um Kosten- und Risikoabwägungen: Mechanische Bodenbearbeitung ist bei Bio im Regelfall aufwendiger, und höhere Treibstoffkosten für Traktoren schlagen sich in der Kalkulation nieder. Gleichzeitig fallen chemisch-synthetische Dünger und Pflanzenschutzmittel weg; deren Preise sind zwar nicht der einzige Kostentreiber, aber die Quellenlage war zuletzt angespannt, etwa weil sich die Preise infolge des Iran-Kriegs verteuert haben. Hinzu kommt, dass die Entwicklung „auf den Feldern und in den Ställen“ laut Darstellung seit Jahren hinter dem Wachstum auf dem Markt für Bio-Lebensmittel zurückbleibt.
Auf der Absatzseite zeichnet sich dennoch Dynamik ab. Der Umsatz für Bio-Lebensmittel stieg in den ersten neun Monaten dieses Jahres um 4,3 Prozent auf 14,08 Milliarden Euro. Der Bio-Anteil am Lebensmittelmarkt kletterte im dritten Quartal 2026 erstmals auf 8,1 Prozent. Genau diese Diskrepanz zwischen Nachfrage und Angebot macht die Diskussion politisch und wirtschaftlich so relevant: Wenn Konsumentenquoten steigen, entsteht Druck auf Lieferketten, Umstellungszyklen und Kapazitäten in Beratung, Saatgutversorgung und Tierhaltung. Für die Betriebe wiederum wird die Umstellung zu einer Investitionsentscheidung über mehrere Jahre, weil Umstellungszeiten, Erlösprofile und Absatzsicherheit zusammenpassen müssen.
Verbandssicht bringt es dabei in ein Leitmotiv: Verbandschefin Tina Andres bezeichnet den wachsenden Biomarkt als Weckruf. Viele Menschen erwarteten, dass die Biobranche Lebensmittel regional erzeugt und zugleich Wasser sowie Insekten und Vögel schützt. Daraus leitet sie einen klaren Appell ab: Die Bundesregierung müsse gute Rahmenbedingungen für „heimisches Bio“ schaffen und Betriebe zur Umstellung auf Öko-Produktion ermutigen. Für Entscheider in der landwirtschaftlichen Praxis bedeutet das am Ende eine konkrete Frage: Welche Kombination aus Anreizsystemen, Planungssicherheit und Marktzugang senkt die Hürden, ohne die statistische Messbarkeit und die Vergleichbarkeit künftiger Fortschritte zu verlieren?
Damit rückt auch die nächste Phase der Steuerung in den Mittelpunkt. Wenn sich die Umstellung weiterhin eher in der Flächenvergrößerung als in der Zahl neuer Betriebe abbildet, könnte das Zielbild von „30 Prozent Flächenanteil“ zwar mathematisch näherkommen, aber strukturelle Herausforderungen bleiben. Unternehmen in Verarbeitung und Handel profitieren zwar von steigenden Marktanteilen, gleichzeitig müssen sie mit Blick auf Rohstoffverfügbarkeit und regionale Herkunft die Angebotsseite verlässlich entwickeln. Die jetzige Mischung aus Wachstum, Rückgang bei den Höfen und methodisch bedingten Statistikverschiebungen zeigt jedenfalls: Tempo wird nicht nur durch Nachfrage bestimmt, sondern durch die konkrete Umsetzbarkeit auf dem Hof – und durch die Art, wie Fortschritt überhaupt gemessen wird.
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