LONDON (IT BOLTWISE) – Sicherheitsforscher warnen vor „BioShocking“, einer Methode, bei der KI-gestützte Browser im Agent-Modus unbemerkt Zugangsdaten kopieren. In Tests gelang es, sechs KI-Browser und Assistenten in das Kopieren von Credentials zu manövrieren und an einen Angreifer zu übermitteln. Betroffen waren unter anderem OpenAIs ChatGPT Atlas, Perplexitys Comet sowie Anthropic-CI-Browserfunktionen um Claude. Die Lücke entsteht nicht durch klassische Passwortdiebstähle, sondern durch das Zusammenfließen von Website-Inhalten und Nutzeranweisungen in einem gemeinsamen Textstrom.

BioShocking: Wie indirekte Prompt Injection KI-Browser zur Credential-Weitergabe bringt
BioShocking: Wie indirekte Prompt Injection KI-Browser zur Credential-Weitergabe bringt (Foto: IT BOLTWISE)
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Angreifer nutzen immer häufiger nicht mehr „reine“ Schwachstellen, sondern die Art, wie Künstliche Intelligenz arbeitet: Wenn KI-Browser und Assistenten Aufgaben autonom ausführen, verschiebt sich das Risiko vom Server zum Benutzerkontext. Genau hier setzt die von LayerX veröffentlichte Technik „BioShocking“ an. Sie richtet sich an Systeme, die nicht nur Seiten lesen, sondern im Agent-Modus handeln können: klicken, tippen und in Zielsysteme hinein greifen, in denen der Nutzer bereits angemeldet ist. In den Tests fielen sechs KI-Agenten auf manipulative Webseiten herein und kopierten Zugangsdaten, die anschließend an einen Angreifer übertragen wurden.

Das Kernproblem liegt laut LayerX in einer Art Vermischung: Website-Inhalte und Nutzeranweisungen werden für den Agenten als ein durchgehender Textstrom verarbeitet. Dadurch kann eine bösartige Seite Befehle einschleusen, die sich wie „normale“ Inhalte darstellen – etwa als Spielregeln, Puzzle-Hinweise oder vermeintlich harmlose Aufgaben. Der Agent erkennt dann nicht zuverlässig, dass die Seite versucht, die Sicherheitslogik zu übersteuern. Sicherheitsforscher beschreiben dieses Muster als indirekte Prompt Injection: Nicht ein klarer Jailbreak-Text wird geschickt, sondern Kontext und Regeln werden so moduliert, dass das Modell die falsche Priorität setzt.

Wie die Manipulation praktisch funktioniert, wird an einem scheinbar dummen Einstieg deutlich: Die Angriffsseite wird als Puzzle mit einer düsteren, dystopischen Story gestaltet. Der „richtige“ Lösungsweg folgt dabei absichtlich falschen Logikannahmen – etwa wenn das Puzzle zu Ergebnissen verleitet, die gegen gängige Mathematikregeln verstoßen. Entscheidend ist weniger der Inhalt als die Konsequenz für das Agentenverhalten: Sobald der Agent akzeptiert, dass „falsch“ als Gewinnbedingung zählt, arbeitet er nach Spielregeln statt nach Sicherheitsregeln. Erst im letzten Schritt bittet das Puzzle darum, Zugangsdaten zu kopieren. In LayerX’ Tests wurde diese Anweisung nicht als klare Ablehnungsvorgabe erkannt.

Besonders brisant ist die Phase, in der der Agent „hinschaut“ und Zugriff auf Ressourcen nimmt, die innerhalb der Sitzung erreichbar sind. In der demonstrierten Variante erhielt der Agent einen Link zu einem GitHub-Repository, das mit dem Arbeitskonto des Opfers verknüpft war. Dort wurden SSH-Login-Credentials ausgelesen und an den Angreifer weitergereicht. LayerX nutzte dabei zwar eine harmlose Klartext-Datei, aber das Muster lässt sich auf weitere Ziele übertragen, auf die der Agent in derselben Sitzung zugreifen darf: offene Tabs, signierte Konten oder interne Tools, die im Browserkontext des Nutzers verfügbar sind. Das zeigt, warum Agentenmodus sicherheitstechnisch nicht wie „nur Lesen“ behandelt werden darf.

Wie stark die Anbieter reagierten, fiel in LayerX’ Bericht unterschiedlich aus. Nach deren Angaben meldeten sie das Problem zwischen Oktober 2025 und Januar 2026 an die betroffenen Hersteller. OpenAI habe es für ChatGPT Atlas behoben. Perplexity soll die Meldung geschlossen haben, ohne nach LayerX-Angaben eine wirksame Maßnahme zu ergreifen. Bei Fellou, Genspark und Sigma gab es offenbar keine Rückmeldung. Anthropic wiederum habe zwar eine Anpassung für die Claude-Extension versucht, jedoch bestünden LayerX zufolge weiterhin Schlupflöcher. Aus Marktsicht ist das ein Hinweis darauf, dass Sicherheitsmaßnahmen bei Agenten oft nicht nur an einer Stelle greifen müssen, sondern im gesamten „Perception-to-action“-Fluss.

Für die Einordnung lohnt ein Blick auf die historische Entwicklung: Prompt Injection ist als Konzept seit Längerem bekannt, doch mit dem Übergang von Chat-Modellen zu Browser-Agenten steigt die reale Angriffsoberfläche. Frühe Gegenmaßnahmen konzentrierten sich auf das Erkennen von offensichtlichen Jailbreaks oder auf Systemprompts. BioShocking zeigt, dass Angreifer „indirekte“ Wege wählen können: Sie verändern nicht nur die Anweisung, sondern auch die interpretierte Aufgabenwelt. Damit rücken Architekturentscheidungen in den Fokus, etwa wie Tool-Aufrufe und Kontextfenster zusammengestellt werden, und ob das Modell zwischen vertrauenswürdigem Benutzerintent und untrusted Website-Kontext sauber trennt.

Welche Gegenmaßnahmen sind jetzt sinnvoll? LayerX fordert unter anderem, dass KI-Browser im Agent-Modus vor dem Zugriff auf Daten aus eingeloggenen Konten eine Rückfrage stellen sollen – ein konkreter Ablauf wäre etwa „Ich kopiere gleich Daten aus Ihrem GitHub-Repository. Fortfahren?“. Zusätzlich sollten Agenten erkennen, wenn eine Seite versucht, die „normalen Regeln“ außerhalb des erwartbaren Rahmens zu verschieben, und Nutzer Hard Limits setzen können, welche Bereiche ein Agent überhaupt anfassen darf. Praktisch bedeutet das für Unternehmen: Agentenmodus ist faktisch ein zusätzliches Konto mit Reichweite. Security-Teams sollten deshalb Least Privilege konsequent umsetzen und Zugriffe auf die minimal erforderliche Teilmenge begrenzen, statt dem Agenten pauschal die Browser-Sitzung zu überlassen.


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