SAN FRANCISCO / LONDON (IT BOLTWISE) – Coinbase-CEO Brian Armstrong hält $60.000 für den möglichen Tiefpunkt von Bitcoin und sieht trotz der jüngsten Seitwärtsbewegung Potenzial für eine Trendwende. Bei rund $64.000 Preisniveau bleibt laut seiner Einschätzung die Chance auf 100.000 US-Dollar innerhalb von zwölf Monaten bestehen. Entscheidend sei vor allem der Bitcoin-Vierjahreszyklus, der historisch zwischen Boom-Phasen und scharfen Korrekturen wechselt. Gleichzeitig erhöhen Regulierung, Spot-ETFs und makroökonomische Risiken die kurzfristige Unsicherheit erheblich.

Coinbase-CEO Brian Armstrong hat Mitte Juni die These in den Raum gestellt, Bitcoin könnte nach einem Rückgang bei etwa 60.000 US-Dollar bereits den Boden gesehen haben. Seitdem hat sich der Kurs zwar nur moderat erholt, doch die Argumentation dahinter folgt einem wiederkehrenden Muster: Bitcoin wird im Markt häufig als Asset betrachtet, das nicht linear „hochläuft“, sondern in Zyklen arbeitet. Bei aktuell rund 64.000 US-Dollar bleibt damit rechnerisch der Spielraum, um innerhalb von zwölf Monaten die 100.000er-Marke anzusteuern. Wer die kurzfristige Richtung jedoch sauber prognostizieren will, muss die üblichen Makro-Wildcards aktiv einpreisen.
Technisch lässt sich dieser Zyklus weniger als „magische Zahl“, sondern eher als Kombination aus Angebotsdynamik und Marktmechanik verstehen. Bitcoin durchläuft ungefähr im Vierjahresrhythmus Phasen, die mit dem Halving und der darauf folgenden Anpassung der Miner-Revenue verknüpft sind. Nach solchen Sprüngen verändern sich häufig Liquidität und Verkaufsdruck, während zugleich neue Käufergruppen erst nach einer gewissen Verzögerung „nachziehen“. Entscheidend ist dabei nicht nur die Kursrichtung, sondern die Geschwindigkeit, mit der sich Orderbücher und Handelsvolumen stabilisieren. Auch deshalb ist die Frage nach dem „Bottom“ so schwer: Ein Tief kann kurzfristig stimmen, aber das Marktregime kippt erst, wenn Nachfrage dauerhaft die Verknappungssignale überlagert.
Armstrong verweist zudem auf die klassische historische Charakteristik: Bitcoin zeigte in den zurückliegenden Jahren stets Extreme – entweder war es zeitweise das stärkste oder das schwächste Asset im Vergleich. Typisch seien drei gute Jahre, die dann in eine deutlich negative Phase übergehen; langfristig hingegen habe der Trend nach großen Krisen wieder nach oben geführt. Besonders sichtbar ist das im letzten Bear-Market-Zyklus: Nach einem damaligen Allzeithoch von 69.000 US-Dollar im Jahr 2021 verlor Bitcoin rund 64% bis 2022. Anschließend folgte eine vergleichsweise schnelle Erholung, die bis Ende 2024 wieder Richtung 100.000 US-Dollar führte. Als Vergleich lässt sich hier auch die Marktstrategie großer Krypto-Börsen wie Binance oder Kraken lesen: Sie profitieren oft zuerst von steigender Liquidität, nicht zwingend vom absoluten Tiefpunkt.
Als mögliche Auslöser für eine erneute Aufwärtsphase nennt Coinbase beziehungsweise Armstrong vor allem drei Treiber: regulatorische Klarheit, die Rückkehr von Kapital in Spot-Bitcoin-ETFs und die daraus folgende konstante Nachfrage. Regulierung wirkt dabei weniger als „einmaliger Schalter“, sondern als Beschleuniger für institutionelle Prozesse – inklusive Mandatsfreigaben, Risikomodellen und interner Compliance. Gerade Spot-ETFs sind in diesem Kontext ein wichtiger Marktmechanismus, weil sie den Zugang zu Bitcoin in börslichen Investmentstrukturen integrieren und dadurch Handels- und Abwicklungswege vereinheitlichen. Wenn institutionelle Akteure mit gleichmäßigem Kaufverhalten zurückkehren, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Rücksetzer stärker „abgefedert“ werden. Das ist auch für den Krypto-Handel an großen Plattformen relevant: Weniger Zwangsliquidationen bedeuten oft glattere Preisbewegungen.
Gleichzeitig zeigt die gleiche Quelle, warum der Zeithorizont „kurz“ so viele Fallen enthält: In einer Online-Umfrage stellte Armstrong die Frage, ob der Boden bereits erreicht sei. Rund 56% der Teilnehmenden sagten „Nein“, 44% „Ja“. Diese Spanne ist für Analysten nicht nur ein Stimmungsbild, sondern ein Hinweis auf die Breite der Annahmen – vom Timing-Ansatz bis zur Makro-Hypothese. Aus Marktsicht gilt: Je stärker der Spread zwischen kurzfristigen Risiken und langfristiger Zyklik, desto schwieriger wird die „richtige“ Positionierung. Im Vergleich zu traditionellen Volatilitätsfenstern reagiert Bitcoin häufig überproportional, wenn mehrere Faktoren gleichzeitig drücken, etwa schwache Risk-on-Stimmung und steigende Realzinsen.
Genau hier setzt das Gegenargument an. Was passiert, wenn sich geopolitische Spannungen im Nahen Osten verschärfen, Ölpreise anziehen und damit Inflation wieder auf Temperatur kommt? Der Mechanismus ist dabei vertraut: Steigende Inflation erhöht den Druck auf die Geldpolitik; wenn die US-Notenbank länger oder stärker restriktiv bleibt, steigen die Opportunitätskosten für riskantere Anlagen. Bitcoin gilt in solchen Phasen häufig als „Liquidity-Asset“ – es profitiert tendenziell von niedrigen Zinsumfeldern und verliert überproportional, wenn Risikoaufschläge steigen. Für Unternehmen wie Coinbase bedeutet das zusätzlich: Volatilität beeinflusst Margin- und Risikosteuerung, Handelsvolumen und damit auch die kurzfristige Planbarkeit von Erträgen. Das ist auch der Grund, warum selbst ein plausibler Zyklus-Blick oft nicht ausreicht.
Historisch sind Prognosen über „Boden ist drin“ häufig dann am besten, wenn sie nicht nur den Preis, sondern auch die Marktstruktur betrachten. Dazu gehören bei Bitcoin typischerweise Liquidität in relevanten Preiszonen, das Verhalten von großen Haltern sowie die Stabilität der Handelsvolumina – also ob Käufer in Rücksetzern wirklich nachkaufen oder ob Erholungen nur durch kurzfristiges Short-Covering entstehen. Auf regulatorischer Ebene spielt außerdem die Umsetzung von Compliance-Anforderungen eine Rolle: Meldewege, KYC/AML-Prozesse und klare Reporting-Standards können institutionelle Nachfrage stabilisieren, aber sie können in Stressphasen auch Prozesse verlangsamen. Für Enterprise-Nutzer und Custody-Anbieter zählt daher weniger die Überschrift „ETF kommt“, sondern die Frage, wie robust die technischen und prozessualen Pfade bei wechselnden Marktbedingungen sind.
Mit Blick auf die nächsten zwölf Monate bleibt die wahrscheinlichste Arbeitsannahme: Es kann eine Trendwende geben, aber sie wird nicht „glatt“, sondern in mehreren Regimephasen. Wenn sich regulatorische Rahmenbedingungen weiter verfestigen und Spot-ETFs anhaltend Nettozuflüsse sehen, steigt die Chance auf einen erneuten Test höherer Niveaus – bis hin zu 100.000 US-Dollar als erreichbares Ziel. Falls hingegen makroökonomische Risiken dominieren, kann die Volatilität die Zyklik kurzfristig überdecken oder sogar eine zweite Abwärtswelle auslösen. Für Entwickler und Unternehmen bedeutet das auch eine produktnahe Konsequenz: Portfolio- und Risiko-Engines sollten Szenarien für Zinswechsel, ETF-Zuflussraten und Liquiditätsverschiebungen durchspielen. Nächstes Jahr dürfte deshalb weniger die Frage „Bottom ja/nein“ zählen, sondern wie schnell Systeme auf unterschiedliche Marktregime reagieren können.
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