LONDON (IT BOLTWISE) – Eine viel beachtete KI-gestützte? (nein) – Ein Analyst leitet aus einem historischen On-Chain-Wechsel der Eigentümerstruktur eine potenzielle Kursbeschleunigung Richtung 200.000 US-Dollar ab. Als Begründung verweist er auf ein Jahr mit sehr geringer Kursvolatilität und auf eine Periode, die optisch an die Konsolidierung rund um den Bärenmarkt 2022 erinnert. Andere Marktstimmen warnen dagegen, dass der vierjährige Zyklus und die schwache makroökonomische Lage Bitcoin auch noch in Richtung 40.000 US-Dollar ziehen könnten. Während der Kurs um rund 63.300 US-Dollar pendelt, bleibt die Frage offen, ob der Markt gerade „für oben“ oder „für unten“ auflädt.

Beim Blick auf den Bitcoin-Kurs wirkt das aktuelle Bild zugleich vertraut und irritierend. Zum Zeitpunkt der Betrachtung notierte BTC bei ungefähr 63.300 US-Dollar und damit deutlich gedämpft, nachdem der Kurs zuvor fast 50% vom späten 2025er-Rekordniveau über 124.000 US-Dollar abgegeben hatte. Genau an dieser Seitwärtsphase entzündet sich eine neue Deutungsschlacht unter Analysten: Die einen sehen in der niedrigen Schwankungsbreite ein Signal für eine bevorstehende Aufwärtsstrecke, die anderen interpretieren sie als Vorstufe für einen weiteren Rücksetzer.
Der bullishe Ansatz, der zuletzt besonders mediale Aufmerksamkeit bekam, stammt von Adam Livingston. Er argumentiert, dass ein historisch bedeutsamer „Wechsel der Wache“ stattgefunden habe: In seiner Lesart haben frühere Inhaber Bitcoin-Bestände in größerem Umfang an Investoren mit höheren Anschaffungspreisen abgegeben. Als zentrale Messgröße nennt er den realized price – also den Preis, zu dem Bitcoin zuletzt auf der Kette bewegt wurde. Konkret führt Livingston zwei Zeitpunkte an: Bitcoin sei am 8. Dezember 2024 nahe 101.000 US-Dollar geschlossen und am 12. November 2025 erneut bei ungefähr 101.000 US-Dollar gehandelt worden. Obwohl die Kurspunkte fast identisch wirkten, sei der realized price in dieser Zeit von 38.233 auf 56.194 gestiegen. Für Livingston zeigt das eine Umschichtung: Coins, die zu wesentlich niedrigeren Preisen erworben wurden, wanderten zu Käufern, die frisches Kapital nahe der 100.000-US-Dollar-Region bereitstellen.
Diese Umschichtung bringt Livingston in eine weitere Schlussfolgerung: Sie habe das Netzwerk „rekapitalisiert“, weil die durchschnittliche Kostenbasis der bewegten Coins nach oben verschoben worden sei. Anschließend leitet er eine Art Skalierungsrechnung ab: Wenn der realized price in der nächsten Expansionsphase in Richtung 70.000 US-Dollar steige, entspräche ein Bitcoin-Kurs von 200.000 US-Dollar etwa dem 2,86-Fachen dieses realized price. Wichtig ist hier die Logik: Nicht der absolute Kurs in einer einzelnen Momentaufnahme ist für ihn der Kern, sondern der Zustand, der durch die On-Chain-Bewegungen entsteht – also wie der Markt die „durchgehandelten“ Kosten widerspiegelt, wenn sich Coins zwischen Haltern bewegen. Dass Bitcoin danach dennoch auf etwa 63.000 US-Dollar gefallen ist, ändert für ihn offenbar nicht die Richtung der On-Chain-Zustandsbeschreibung, weil der realized price weiterhin erhöht blieb.
Parallel dazu greift Livingston einen zweiten Strang auf: das Muster der vergangenen Preisstruktur. Er vergleicht die gegenwärtige Konsolidierung mit dem Verhalten nach dem FTX-getriebenen Crash im November 2022. Besonders hervorgehoben wird dabei die Kombination aus extrem niedriger Volatilität und einer mehrwöchigen Preisspanne, in der sich der Kurs sehr eng bewegt habe. Livingston beschreibt diese Phase als ungewöhnlich und verweist auf den Bereich von rund 62.000 bis 64.000 US-Dollar, in dem Bitcoin offenbar über zwei aufeinanderfolgende Monate relativ stabil gehandelt habe. Historische Analogien sind allerdings zweischneidig: Genau solche „Erinnerungsmuster“ können sich entweder als Anschub für den nächsten Trend erweisen oder als Fehldeutung dafür, dass Märkte trotz ähnlicher Oberflächensymmetrie andere Treiber haben.
Auf der Gegenseite positioniert sich Benjamin Cowen und bremst die Erwartung einer unmittelbaren Rally. Cowen bleibt laut der vorliegenden Darstellung vorsichtig und verweist darauf, dass Bitcoin trotz günstiger On-Chain-Leseszenarien noch in einen Abwärtsstrudel geraten könnte. In seiner Argumentation spielen dabei zwei Punkte zusammen: der vierjährige Zyklus von Bitcoin und die aus seiner Sicht ungünstige makroökonomische Gemengelage. Die konkrete Kurswarnung fällt entsprechend hart aus: Bitcoin könnte demnach bis in Richtung 40.000 US-Dollar zurückgehen. Das Entscheidende an dieser Gegenposition ist nicht, dass sie „gegen“ On-Chain-Daten arbeitet, sondern dass sie die zeitliche Abfolge betont: Selbst wenn die realized-price-Dynamik bullish aussieht, kann eine schwache Liquiditäts- oder Risiko-Situation den Markt kurzfristig dominieren.
Damit steht der Markt im Kern vor einer Frage, die für Trader wie für langfristig orientierte Investoren gleichermaßen relevant ist: Sind die aktuellen rund vier Wochen bis Monate um 63.000 US-Dollar eher ein Verdauungsprozess vor einem Bruch nach oben – oder ein Konsolidierungsfenster, aus dem später ein weiterer Abverkauf hervorgeht? Die Debatte zeigt auch, wie sich Investoren in der Krypto-Assetklasse zunehmend von einzelnen Charts lösen und stärker auf On-Chain-Kennzahlen und Zeitmuster achten. Für die Praxis heißt das: Wer sich an realized price oder Volatilitätsregime orientiert, muss die Ergebnisse als Hypothesen behandeln, die in Echtzeit durch neue On-Chain-Bewegungen, Orderflow-Entwicklung und makroökonomische Rahmendaten getestet werden. Der aktuelle Kursbereich um 63.300 US-Dollar fungiert dabei als Knotenpunkt – und solange keine klare Folgebewegung einsetzt, bleibt die Unsicherheit zwischen „Surge“-Szenario und „Leg lower“-Szenario bestehen.
Unterm Strich macht die Diskussion deutlich, warum sich Bitcoin-Preisprognosen selten nur aus einem Faktor speisen lassen. Livingstons 200.000-US-Dollar-These basiert auf einer Kombination aus On-Chain-Umschichtung und einem historischen Volatilitätsvergleich, während Cowen stärker auf Zyklus- und Makroargumente setzt. Für den Markt bedeutet das: Selbst wenn die Richtung der Coins in den Büchern des On-Chain-Ökosystems „rekapitalisiert“ wirkt, entscheidet am Ende das Zusammenspiel aus Liquidität, Risikoappetit und Erwartungsmanagement darüber, ob der nächste große Schritt nach oben oder nach unten tatsächlich eingelöst wird.
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