LONDON (IT BOLTWISE) – Die Bitkom-Strategie richtet den Blick nicht nur auf die frühe Gründung, sondern vor allem auf Wachstum, Skalierung und bessere Exit-Bedingungen. Dafür sollen mehr privates und institutionelles Kapital fließen, zudem sollen große Finanzierungsrunden künftig häufiger auch aus Deutschland und Europa heraus möglich werden. Zusätzlich nimmt die Agenda neue Themen wie Sicherheit und Verteidigung stärker ins Startup-Ökosystem auf. Entscheidend wird, ob die angekündigten Maßnahmen mit messbaren Zielen, ausreichend Volumen und umsetzbaren Verfahren hinterlegt sind.

Bitkom-Strategie stärkt Startup- und Scaleup-Finanzierung, Exits und Sicherheit
Bitkom-Strategie stärkt Startup- und Scaleup-Finanzierung, Exits und Sicherheit (Foto: IT BOLTWISE)
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Die Debatte um Startup- und Scaleup-Finanzierung dreht sich in Deutschland seit Jahren zwischen zwei Polen: Auf der einen Seite existieren solide Förderinstrumente für frühe Stadien, auf der anderen Seite fehlt in der Breite das, was spätere Wachstumsphasen im internationalen Wettbewerb typischerweise benötigen – große Ticketgrößen, ausreichend Risikokapital und planbare Wege zu Exits. Genau an dieser Lücke setzt die von Bitkom kommentierte Strategie an, indem sie Kapitalzufluss entlang der gesamten Unternehmensentwicklung adressiert. Im Kern geht es darum, dass Wagniskapital nicht bei der Seed-Phase stehen bleibt, sondern auch die Scaleup-Phase mitnimmt, in der sich Teams, Produkte und Vertrieb in kurzer Zeit industrialisieren müssen. Gerade wenn es um Zukunftsfelder wie KI, Quantencomputing, Cybersicherheit oder ClimateTech geht, wird der Bedarf nach stärkerer Wachstums- und Wagniskapitalversorgung als Engpass beschrieben – nicht als Nebenthema.

Für die Umsetzung nennt die Strategie eine Reihe konkreter Instrumente, die den Kapitalzugang verstetigen oder erweitern sollen. Dazu zählt die Fortführung des Zukunftsfonds bzw. Zukunftsfonds II (Deutschlandfonds) sowie eine Ausweitung der Startup- und Scaleup-Finanzierung über die Programme wie Scale-up Direct aus Deutschlandfonds und Zukunftsfonds. Ergänzt wird das Profil durch First-of-a-Kind-(FOAK)-Investitionen, die typischerweise genau dort wirken sollen, wo neue Technologien den Sprung von der Machbarkeit in die erste industrielle Nutzung schwer bezahlbar machen. Außerdem taucht das VC- und Mezzanine-Thema in mehreren Ausprägungen auf: Venture-Capital-Beteiligungen über die Landwirtschaftliche Rentenbank (LR) zur Bereitstellung von Eigenkapital und eigenkapitalnahen Finanzierungen, Beteiligungen von VC in der Altersvorsorge und Investitionen von Stiftungen in Startups. Damit zielt die Strategie nicht auf eine einzige Geldquelle, sondern versucht das Risiko über unterschiedliche Investorentypen zu verteilen – ein Ansatz, der in der Praxis oft wichtig ist, weil spätere Finanzierungsrunden andere Rendite- und Kontroll-Erwartungen mitbringen als frühe Finanzierungsrunden.

Spätere Wachstumsfinanzierung hängt jedoch nicht nur am Kapital, sondern auch an den Regeln, nach denen Kapital fließt und wieder zurückkommt. In der Strategie wird deshalb ein ganzer Strauß an finanzmarkt- und investitionsnahen Hebeln angesprochen, etwa die Reform von Solvency II oder ein INVEST-Programm mit Bezug zu Gründungstalenten aus dem Erwerbsleben. Dazu kommen Maßnahmen, die die europäische Kapitalallokation verbessern sollen, beispielsweise im Kontext der EU-Spar- und Investitionsunion sowie der Abbau grenzüberschreitender Investitionshemmnisse. Auch die Idee eines Sekundärmarkts für VC/PE-Fondsanteile und die Frage nach Transparenz für VC als Anlageklasse greifen einen Punkt auf, der vielen Gründern erst spät begegnet: Wenn Beteiligungen schwer handelbar sind, verlangsamt das nicht nur einzelne Exitpfade, sondern verändert auch die Risikokalkulation in den Folge-Runden. Bitkom stellt zudem heraus, dass am Ende entscheidend ist, ob Zielmarken, Volumen und Exit-Bedingungen tatsächlich greifen – denn ohne diese „Rückkanäle“ bleibt Kapital häufig zu konservativ oder konzentriert sich zu früh auf kurze Zeithorizonte.

Neben dem Geldstrom legt die Strategie außerdem Wert auf bessere Wege aus Wissenschaft und Forschung in den Markt. Das betrifft nicht nur organisatorische Abläufe, sondern auch geistiges Eigentum, denn Deeptech-Startups scheitern häufig nicht an der Technologie, sondern an unklaren oder schwer handhabbaren IP-Strukturen bei Ausgründungen. Bitkom begrüßt, dass Ausgründen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen weiterhin Schwerpunkt bleibt, betont aber zugleich die Lücke zwischen exzellenter Forschung und marktfähigen Unternehmen, die „noch zu selten schnell genug“ geschlossen werde. Viele der genannten Initiativen – von Entrepreneurship Education und Role Models über Startup Factories bis zu Reallaboren als Transferinstrument – adressieren genau diese Schnittstelle: aus Lehrplänen, Forschungsumgebungen und Validierungsräumen sollen verlässliche Pfade werden. In der IP-Praxis setzt die Strategie dabei auf eine stärkere Standardisierung über einen zentralen Werkzeugkasten und eine IP-Dealdatenbank, inklusive IP-Awareness und IP-Transfer-Synergien. Der Bitkom-Hinweis ist gleichwohl eindeutig: Statt echter verbindlicher Ausgründungsverträge für Forschungseinrichtungen sehe die aktuelle Linie stärker nach Bündelung vorhandener Muster statt nach Durchsetzung neuer Verbindlichkeit aus. Für Gründerinnen und Gründer ist das relevant, weil Zeit und Rechtssicherheit bei der Vertragsgestaltung oft den Unterschied machen, ob ein Spin-off schnell in Richtung Produkt und Finanzierung geht.

Ein weiterer Schwerpunkt, der in der Strategie explizit neu gesetzt wird, ist Sicherheit und Verteidigung. Bitkom ordnet das als positives Signal ein, weil es sicherheitsrelevante Technologien wie KI, Cybersicherheit, Drohnen, Datenanalyse und Dual-Use stärker im Startup-Ökosystem verankert. Der Ansatz zielt dabei nicht nur auf „Innovation um der Innovation willen“, sondern auch auf die Fähigkeit, schnell von der Erprobung in Beschaffungs- und Einsatzkontexte zu kommen. Dafür nennt die Strategie Direktbeteiligungsvehikel für Unternehmen der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie sowie Investitionen in VC-Fonds für Startups und Scaleups in diesem Bereich – wiederum über Deutschlandfonds und Zukunftsfonds. Zusätzlich werden Praxistests für die Ausweitung von Investitionsmöglichkeiten von VC-Fonds erwähnt, in die der EIF investiert ist, sowie Förderinstrumente wie die Bundesagentur für Sprunginnovationen (SPRIND) für den Verteidigungsbereich. Ergänzend kommen Netzwerk- und Infrastrukturbausteine ins Spiel, von Vernetzungsplattformen wie „SVI Connect“ bis zu Hub-Strukturen, etwa der NATO Defence Innovation Accelerator for the North Atlantic (DIANA) und HEDI als Hub für EU Defence Innovation. In Summe entsteht damit ein Bild, in dem staatliche Bedarfsträger, Forschung, Industrie und Finanzierung nicht mehr nur punktuell zusammenkommen sollen, sondern über wiederkehrende Strukturen.

Damit diese Vorhaben im Alltag nicht an Verwaltung und Beschaffungslogik scheitern, adressiert die Strategie außerdem Bürokratieabbau, Fachkräfte und die Vergabe an Startups. Für junge Wachstumsunternehmen ist der Zeitfaktor oft entscheidend: Lange Bearbeitungszeiten, komplexe Nachweise und analoge Prozesse binden Ressourcen, die für Produktentwicklung, Vertrieb und Wachstum gebraucht werden. Entsprechend werden beschleunigte Gründungsprozesse, digitale Verwaltungsverfahren, modernisierte Register, leichter zugängliche Förderangebote sowie weniger Berichtspflichten genannt. Auch im öffentlichen Einkauf sollen Hürden sinken: Direktauftragswertgrenzen für Vergaben an Startups, innovative Unternehmen im Vergabebeschleunigungsgesetz, Reformen europäischer Vergaberichtlinien sowie ein „Digitaler Marktplatz Deutschland“ und ein Kompetenzzentrum für innovative Beschaffung. Dass Bitkom hier betont, Startup-freundliche Vergabe müsse „praktisch anwendbar“ sein, ist ein wichtiger Hinweis auf das Umsetzungsproblem: Selbst gute Gesetzesabsichten verlieren Wirkung, wenn Prozesse in Bund, Ländern und Kommunen nicht durchgängig nachgezogen werden. Gleichzeitig bleibt der Fachkräftezugang zentral, weil der Talentmangel als unmittelbare Wachstumsbremse beschrieben wird – unter anderem durch schnellere und transparente Verfahren für internationale Gründerinnen und Gründer, bessere Informationen im Förderprogramm „exist“ sowie Regelungen zu Remote Work und die Vermeidung von Scheinselbstständigkeit über vereinfachte Statusfeststellung. Am Ende entscheidet die Kombination: Kapital, IP-Sicherheit, Behörden- und Vergabeprozesse sowie Personalpolitik müssen so zusammenwirken, dass aus Ideen zeitnah belastbare Unternehmen werden und Scaleups tatsächlich wachsen können.


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