LONDON (IT BOLTWISE) – Der Bitwise-CIO Matt Hougan kritisiert in einem Interview, dass Anleger ohne Bitcoin-Bezug heute „fehlpositioniert“ sind. Er erwartet 2026 eine Rückkehr in Richtung 100.000 US-Dollar und nennt für 2035 1,3 Millionen US-Dollar als erreichbares Ziel. Seine Strategie koppelt Bitcoin mit KI-Aktien und begründet das mit zwei möglichen Makro-Szenarien rund um Wachstum und Inflation.

Matt Hougan, Chief Investment Officer bei Bitwise, stellt die traditionelle Vermögensaufteilung auf den Prüfstand: Eine Portfoliostruktur ohne Bitcoin sei aus seiner Sicht inzwischen keine neutrale Entscheidung, sondern eine Fehlallokation. Sein Argument läuft darauf hinaus, dass viele klassische Depots faktisch stärker auf Fiat-Währungen setzen als sie es für ihre Geldanlage offiziell ausgeben. Besonders auffällig wird die Kritik an der 60/40-Logik: Wenn Anteile an Anleihen schrumpfen und stattdessen kurzfristige US-Staatsanleihen oder Geldmarkt-nahe Instrumente zunehmen, kippt das Verhältnis aus Hougans Perspektive in Richtung einer „100%-Wette“ auf die Stabilität von Währungen und deren Kaufkraft.
Technisch betrachtet geht es bei der Debatte weniger um eine einzelne Preisprognose als um die Frage, welche Risikoquellen ein Portfolio in unterschiedlichen Marktregimen abdeckt. Hougan beschreibt eine Entwicklung, in der Anleger Long-Duration-Treasuries reduzieren und stattdessen eher auf kurzfristige Laufzeiten ausweichen. Gleichzeitig wächst der Anteil von Krypto-Positionen. Damit könne ein 60/40-Setup in seinem Szenario in etwa zu einer Aufteilung wie 60/35/5 werden: 60 für Aktien, 35 für konservative Zinsprodukte und 5 für Bitcoin. Entscheidend ist dabei der Gedanke, dass Bitcoin nicht nur als „Wette auf Krypto“ verstanden wird, sondern als bewusst eingesetztes Korrektiv für Regime, in denen Inflation oder Währungseinbußen dominieren.
Hougan koppelt seine Allokationslogik an ein politisch-ökonomisches Zwei-Szenarien-Modell. Er knüpft an die Argumentation von US-Finanz-Politikern an, wonach KI-bedingte Produktivitätsgewinne der Wirtschaft helfen könnten, die steigenden Schuldenlasten letztlich „herauszuwachsen“. In diesem Fall, so die Logik, seien KI-Aktien vorne: Man profitiert von Wachstums- und Produktivitätsdynamiken. Falls die Realität dagegen eher über Inflation gelöst wird, wird Bitcoin als potenziell besserer Gewinner gesehen, weil das Asset einen festen Angebotsmechanismus hat. Diese Sichtweise endet bei Hougans Kernaussage: Wer in beiden Welten bestehen will, müsse nicht nur auf einen Gewinner setzen, sondern sowohl Bitcoin als auch KI-Titel halten.
Der Zeitpunkt seiner Argumentation fällt zudem in eine Phase, in der die Markterzählung rund um Liquidität und Krypto-Stimmung wieder an Fahrt gewinnt. Hougan verweist auf eine Maßnahme des US-Finanzministeriums, die den maximalen Umfang von Aktienrückkäufen zur Unterstützung der Liquidität in länger laufenden Staatsanleihen zumindest verdoppeln soll; der Start ist ab dem 9. September vorgesehen. Für Krypto-Investoren ist solche Makro-Unterstützung oft ein Trigger, weil sie die Risikobereitschaft und das „Risk-on“-Momentum beeinflusst. Hougan deutet an, dass damit eine Rückkehr aus der zuvor spürbaren Abwartestimmung möglich wurde – auch, weil Parallelthemen wie Tokenisierung und Assets aus der Realwirtschaft in den Nachrichten wieder stärker präsent seien.
Für die konkrete Kursseite nennt Hougan eine kurzfristige Zielmarke: Er sieht gute Chancen, dass Bitcoin 2026 wieder Richtung 100.000 US-Dollar läuft. Zum Zeitpunkt seiner Einschätzung lag Bitcoin bei rund 79.900 US-Dollar; bis zum Ziel wären damit etwa 25% Aufwärtskurs nötig. Auf der Langfristlinie geht er deutlich weiter und nennt für 2035 1,3 Millionen US-Dollar. Aus der damaligen Preisbasis bedeutet das eine Verfünfzehnfachung, grob mit dem Faktor 16 berechnet. Gleichzeitig bleibt der Hinweis auf Unsicherheit nicht aus: Bitcoin gilt als stark volatil, und weder die Rückkehr auf 100.000 noch die mehrjährige Trendfortsetzung sind „automatisch“. Auch Hougans Aussage, 1,3 Millionen bis 2035 sei „relativ einfach“, zeigt eher die Überzeugung in der Szenariologik als eine Garantie.
Wie plausibel Investoren diese Spanne finden, lässt sich auch an externen Modellen ablesen, die mit unterschiedlichen Annahmen arbeiten. Als Vergleich führt der Artikel ein 2030-Szenariomodell an, das Bitcoin für den Bärenfall auf etwa 300.000 US-Dollar, im Basisszenario auf rund 710.000 und im Bull-Case auf etwa 1,5 Millionen US-Dollar veranschlagt. Solche Projektionen hängen, wie das Modell selbst betont, unter anderem daran, wie stark institutionelle Nachfrage tatsächlich anzieht und in welchem Ausmaß Bitcoin als Wertaufbewahrung („Store of Value“) dauerhaft akzeptiert wird. Hougans spürbare Botschaft an der Stelle ist weniger die exakte Zahl als der Umgang mit dem psychologischen Zyklus: Auch wenn der Kurs zwischenzeitlich Rücksetzer erlebt, werden frühere „Obituaries“ wiederholt – und genau daran rührt er in seiner Aussage zum Mediennarrativ.
Für Entscheider im Investment-Umfeld ergibt sich daraus eine praktische Frage: Wie baut man Bitcoin-Exponierung so in Portfolios ein, dass man die Risiken der Volatilität beherrscht, ohne Chancen in potenziell inflationären oder wachstumsgesteuerten Regimen zu verpassen? Hougans Ansatz zielt auf einen Mittelweg zwischen taktischer Anpassung (z. B. über eine begrenzte Beimischung) und strategischer Positionierung (z. B. als Bestandteil der Antwort auf zwei Makropfade). Unabhängig von der persönlichen Einschätzung der Zielkurse bleibt der Punkt zentral: Die Entscheidung „0% Bitcoin“ ist aus seiner Sicht keine reine Unterlassung, sondern eine bewusste Wette gegen ein bestimmtes Regime – während eine kombinierte Allokation zwischen KI-Aktien und Bitcoin die Abhängigkeit von nur einem wirtschaftlichen Szenario reduziert.
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