ZÜRICH / LONDON (IT BOLTWISE) – Eine Studie der Universität Zürich und von Agroscope hat den biologischen Abbau in Schweizer Böden mit Bürgerwissenschaft gemessen. Dafür vergruben 1.000 Freiwillige an 1.000 Standorten insgesamt 2.000 Baumwollunterhosen und 12.000 Teebeutel. Nach zwei Monaten zeigte sich: In Privatgärten waren Baumwollfasern um 58 % weiter abgebaut als auf Rasenflächen, auf landwirtschaftlichen Äckern lagen sie bei 51 %. Die Auswertung verknüpft die Zersetzungsrate zudem mit Landnutzung und mit Hinweisen auf einen erhöhten Nährstoffgehalt, insbesondere Phosphor.

Wer die Bodenfruchtbarkeit verbessern will, landet schnell bei der Frage, wie stark der Boden überhaupt biologisch aktiv ist. Genau hier setzt das Projekt der Universität Zürich gemeinsam mit Agroscope an: Es wollte nicht nur chemische Werte betrachten, sondern sichtbar machen, wie schnell organisches Material unter realen Bedingungen in verschiedenen Landnutzungen verschwindet. Ausgezeichnet wurde das Vorhaben am 3. September 2026 mit dem Ig-Nobelpreis, publiziert wurde es bereits am 26. August 2026 in der Fachzeitschrift „Plants, People, Planet“. Der Ansatz klingt provokant, technisch betrachtet ist er jedoch vor allem eine großflächige Messkampagne für Zersetzungsdynamik in echten Bodenprofilen.
Den Kern bildet eine Methode, die Zersetzung als messbaren Prozess über Zeit abbildet. Statt standardisierter Laborproben setzte das Projekt auf einen „Proof by Underpants“-Aufbau: 1.000 Freiwillige vergruben an ebenso vielen Standorten in der Schweiz Proben in der Erde. Als Trägermaterial dienten 2.000 Baumwollunterhosen sowie 12.000 Teebeutel. Nach zwei Monaten werteten die Forschenden die Ergebnisse aus und verglichen dabei die Abbauraten zwischen Privatgärten, landwirtschaftlichen Flächen und Grünland beziehungsweise Rasen. Die Leitung lag bei Marcel van der Heijden (Universität Zürich) und Franz Bender (Agroscope); durch den flächendeckenden Charakter ließen sich unterschiedliche Bodentypen und Nutzungsformen in dieselbe Auswertung einbeziehen.
Was dabei auffällt, ist der Zusammenhang zwischen Landnutzung und Zersetzungsgeschwindigkeit. In Privatgärten war der Abbau der Baumwollfasern am weitesten fortgeschritten: Nach 2 Monaten lag die Abbaurate bei 58 %. Auf landwirtschaftlichen Äckern betrug der Wert 51 %, während er auf Grünland bei 47 % lag. Am langsamsten zersetzte sich organisches Material mit 40 % auf Rasenflächen. Die statistische Analyse ordnet die Landnutzung als entscheidenden Faktor ein und macht damit aus einer Beobachtung eine erklärbare Varianzquelle: Das entwickelte Modell kann laut den Studienergebnissen 16,5 % der Variation in der Zersetzungsgeschwindigkeit erklären. Das ist kein vollständiges Abbild aller Einflüsse im Boden, aber ausreichend, um einen konsistenten Effekt der Bewirtschaftung auf die biologische Aktivität zu stützen.
Warum passt das zur Praxis? Die Studie verbindet die schnellen Abbauwerte indirekt mit dem Nährstoffstatus des Bodens. Besonders rascher Abbau organischer Stoffe kann Forschenden zufolge auf eine Überversorgung hinweisen, weil Mikroorganismen dann nicht durch limitierte Nährstoffe gebremst werden. In den untersuchten Privatgärten wurde zudem ein durchschnittlicher Phosphorwert von 13,74 mg/kg ermittelt. Zum Vergleich nennt die Studie einen allgemeinen Richtwert von 1,6 bis 4,3 mg/kg. Gleichzeitig betonen die Forschenden: Die verwendete Methode bildet die Bodenfruchtbarkeit bzw. die beobachtbare biologische Aktivität präzise ab, setzt diese aber nicht automatisch mit „gesamter Bodengesundheit“ gleich. Denn ein starkes mikrobielles Geschehen durch Nährstoffüberschuss kann langfristig ökologische Nachteile verursachen, etwa durch Verschiebungen im Nährstoffhaushalt oder Folgewirkungen in angrenzenden Ökosystemen.
Für die Einordnung lohnt sich auch der Blick auf den methodischen Fortschritt. Bodenuntersuchungen waren lange Zeit stark getrennt in chemische Laboranalytik (Nährstoffe, pH, Schwermetalle) und biologische Tests (z. B. Aktivitätsmessungen oder Abbauraten), oft mit unterschiedlichen Probenschemata. Der Ansatz der Bürgerwissenschaften verknüpft beides indirekt, weil er die Zersetzung unter realen Bewirtschaftungsbedingungen „vor Ort“ erfasst und damit eine Brücke zwischen Laborlogik und Gartenalltag schlägt. Technisch ist das auch eine Frage der Datenqualität: Die Veröffentlichung in „Plants, People, Planet“ nutzt die breite Stichprobe, um Unterschiede sichtbar zu machen, ohne dass jede einzelne Bodenprobe zwingend die gleiche Vorgeschichte hat. Genau deshalb ist die Zersetzungsrate als Indikator spannend, auch wenn sie nicht jede Komponente der Bodengesundheit allein abdecken kann.
In den Ergebnissen steckt damit ein praxisnaher Ansatzpunkt für Garten- und Landwirtschaftsstrategien. Aus den Erkenntnissen leitete das Projekt Empfehlungen ab, die in Richtung Kompostierung und Bodenschutz durch permanente Bedeckung gehen. Agroscope rät dabei dazu, stärker auf Kompost zu setzen und den Boden dauerhaft bedeckt zu halten. Der Hintergrund ist vor allem funktional: Eine stabile Bodenstruktur und eine nachhaltige Fruchtbarkeit sollen erhalten bleiben, ohne die Risiken eines Nährstoffüberschusses zu verstärken. Damit wird die Studie auch für Entscheidungsträger in der Agrarberatung interessant, weil sie ein relativ zugängliches Messprinzip mit einer konkreten Hypothese verknüpft: Bewirtschaftung verändert messbar, wie schnell organisches Material abgebaut wird, und daraus lassen sich Hinweise auf den Nährstoffdruck ableiten.
Für die weitere Forschung bleibt zugleich ein klarer Spielraum. Da das Modell laut Studie 16,5 % der Variation erklärt, dürften weitere Faktoren wie Temperaturverlauf, Bodenfeuchte, Bodenstruktur oder die exakte Mikrobenzusammensetzung je Standort eine Rolle spielen. Auch die Zeitachse von zwei Monaten begrenzt die Aussagekraft für langfristige Nährstoffflüsse, kann aber gut zeigen, wie schnell sich organische Substanz im ersten Abschnitt der Zersetzung umsetzt. Wenn solche Messungen künftig stärker standardisiert oder mit ergänzenden Laborwerten kombiniert werden, lässt sich aus dem „Abbau als Indikator“ vermutlich noch besser ableiten, wo über Jahre ein Risiko entsteht und welche Pflegestrategien tatsächlich zu stabileren, weniger überdüngten Systemen führen.
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