SWINEMÜNDE / LONDON (IT BOLTWISE) – Vor Swinemünde, nahe der Insel Usedom, ist erneut eine Bohrplattform im Einsatz. Das kanadische Unternehmen Central European Petroleum (CEP) plant laut Unternehmensangaben eine zweite Bohrung, die das weitere behördliche Verfahren vorbereiten soll. Für das Vorhaben liegen Unterlagen für ein grenzüberschreitendes Umweltverträglichkeitsverfahren vor. Vorgesehen ist zudem eine künstliche Insel für Förderung, Erstverarbeitung und den Abtransport per Schiff.

Vor der polnischen Stadt Swinemünde (Swinoujscie) steht erneut eine Bohrplattform in der Ostsee – in Sichtweite der deutschen Küste und damit auch in der Nähe von Usedom. Ein Unternehmenssprecher bestätigte, dass die Anlage für Central European Petroleum (CEP) im Einsatz ist. Damit knüpft das Unternehmen an einen vorherigen Einsatz an: Bereits Ende 2024 bis Anfang 2025 war in der Region eine Bohrplattform aktiv, nachdem CEP ungefähr sechs Kilometer vor Swinemünde probeweise gebohrt und dabei nach eigenen Angaben auf ein größeres Ölvorkommen gestoßen war. Der aktuelle Schritt betrifft laut Sprecher nicht nur den Betrieb vor Ort, sondern auch den nächsten Abschnitt – eine zweite Bohrung, die als Teil des weiteren Verfahrens behördlich vorgegeben sei und laut Planung einige Tage dauern soll.
Technisch betrachtet steht bei solchen Vorhaben weniger der kurze Zeitraum einzelner Bohrkampagnen im Fokus, sondern die Frage, wie Förderung und Logistik anschließend dauerhaft organisiert werden. CEP beschreibt dafür ein Konzept, das die Projektskala deutlich macht: Etwa sechs Kilometer von der Hafeneinfahrt Swinemünde soll demnach eine künstliche Insel mit rund 10 Hektar Fläche entstehen. Ein Wellenbrecher soll die Struktur schützen, während die Förderung von der Insel aus erfolgen und dort auch direkt weiterverarbeitet werden soll, sodass das Öl als Rohöl per Schiff abtransportiert werden kann. Dazu soll laut eingereichten Unterlagen außerdem eine eigene Zufahrt ausgebaggert werden; unter der Insel sind mehrere Bohrlöcher vorgesehen. Die prognostizierte mögliche Förderdauer gibt CEP mit mehr als 30 Jahren an – und verweist darauf, dass die Insel auch für spätere Erweiterungen des Projekts sowie für mögliche Gasförderung ausgelegt sei.
Die Debatte bekommt dadurch eine besondere Dynamik, weil das Vorhaben in Deutschland nicht nur als potenzielles Umwelt- und Sicherheitsrisiko diskutiert wird, sondern auch als Belastung für den Tourismus. Vertreter der Gemeinde Heringsdorf zeigten sich überrascht – ein Hinweis darauf, dass sich die Auswirkungen der Projektplanung nicht im Behördenprozess allein erschöpfen, sondern unmittelbar am Wahrnehmungsraum der Region ankommen. Umweltorganisationen kritisierten zudem vor allem die Transparenz. Die Deutsche Umwelthilfe (DUH) erklärte zur erneuten Sichtbarkeit der Plattform, die Anwohnerinnen und Urlauber hätten „wieder überraschend eine Bohrplattform vor die Nase gesetzt bekommen“, und sprach von Intransparenz. Zugleich forderte die DUH, dass eine neue Öl- und Gasförderung direkt vor Usedom nicht stattfinden dürfe.
Im politischen Raum wird das Projekt zudem an die Frage gebunden, wie stark die Ostsee bei gleichzeitig laufender Klimadebatte und hoher Ökosystembelastung weiter in Anspruch genommen werden soll. Laut Angaben der Europaabgeordneten Hannah Neumann wurde erst am Donnerstag eine Petition an die EU-Kommission überreicht, die auf ein Verbot jeglicher neuer Öl- und Gasförderung in der Ostsee zielt. Neumann argumentierte, die Ostsee befinde sich bereits heute in einem schlechten ökologischen Zustand und stehe unter enormem Druck; insbesondere auf Usedom hingen Tourismus, Arbeitsplätze und Lebensqualität an sauberen Stränden, einer intakten Küste und einer gesunden Ostsee. Auf deutscher Landesebene griff Till Backhaus das Projekt ebenfalls auf und ordnete es als „klimapolitisch rückwärtsgewandte Industriepolitik“ ein, die den Umwelt- und Tourismusinteressen entgegenstehe.
Damit rückt die grenzüberschreitende Umweltverträglichkeitsprüfung (UVP) in den Mittelpunkt – genau dort, wo technische Annahmen in behördliche Bewertungen übersetzt werden. Nach Angaben des Schweriner Wirtschaftsministeriums hat die polnische Seite in diesem Sommer um Klärung gebeten, ob Mecklenburg-Vorpommern an dem Verfahren teilnimmt; das Land habe Interesse an einer Beteiligung bekundet. Aktuell laufe das sogenannte Scoping: Dabei stecken Behörden den Rahmen und den Umfang des späteren UVP-Berichts ab. Ziel sei, dass bei den folgenden Prüfungen alle relevanten Auswirkungen berücksichtigt werden. Das Bergamt Stralsund fordere Behörden und Naturschutzvereinigungen zur Stellungnahme auf und werde die deutschen Bewertungen zum Umfang des Umweltverträglichkeitsberichts an die polnische Behörde übermitteln. Auch die Beteiligung der Öffentlichkeit und damit die Möglichkeit für private Betroffene oder Bürgerinitiativen, eine Einwendung abzugeben, soll im weiteren Verfahren erfolgen.
Für die Praxis zeigt sich damit ein typisches Muster: Die Entscheidung über ein Projekt entsteht nicht mit dem ersten Bohrtag, sondern durch die Verknüpfung mehrerer Faktoren – technische Machbarkeit, Umweltfolgen, Beteiligungsprozesse und politische Zielkonflikte. Dass CEP parallel eine langfristig angelegte Förderstrategie über eine künstliche Insel skizziert, erhöht den Druck auf die UVP-Phase, weil die Bewertungen dann nicht nur die kurze Bohrphase, sondern potenziell auch den Ausbaupfad, die Logistik und die Auswirkungen über Jahre umfassen müssen. Zugleich macht die wieder sichtbare Plattform, wie stark solche Projekte die öffentliche Akzeptanz beeinflussen können, bevor klare Ergebnisse aus dem Prüf- und Beteiligungsprozess vorliegen.
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