DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Warenhauskette Galeria hat beim Amtsgericht Düsseldorf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Der Geschäftsbetrieb in den 83 Filialen soll vorerst weiterlaufen, während das Gericht den Antrag prüft. Die rund 12.000 Beschäftigten wurden bereits informiert und müssen um ihre Arbeitsplätze bangen. Parallel fehlen weiterhin klare Aussagen dazu, ob es für Mitarbeiter Insolvenzgeld geben wird.

Die Lage bei Galeria spitzt sich erneut zu: Die Warenhauskette hat beim Amtsgericht Düsseldorf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Laut Unternehmensangaben soll der Geschäftsbetrieb in 83 Filialen zunächst weiterlaufen. Der Antrag soll dabei vor allem den rechtlichen Rahmen schaffen, um die Situation zu ordnen, das Unternehmen zu stabilisieren und die Voraussetzungen für eine nachhaltige Zukunft zu schaffen. Was das in der Praxis für einzelne Standorte bedeutet, bleibt allerdings offen – genau in diesem Punkt entscheidet sich für Beschäftigte, Lieferanten und Vermieter, ob der nächste Sanierungsschritt ein geordneter Umbau oder ein beschleunigter Rückzug wird.
Für die rund 12.000 Beschäftigten ist der Zeitplan spürbar eng: Die Mitarbeiter wurden am Freitagvormittag informiert. Ob sie Insolvenzgeld erhalten, ist nach den Angaben im Umfeld der bisherigen Verfahren derzeit unklar. Entscheidend ist die Einordnung im Insolvenzkontext, denn das Amtsgericht Essen hatte die Planüberwachung nach dem bislang letzten Insolvenzfall zuvor nicht aufgehoben. In der Branche wirkt das wie ein Signal mit Hebelwirkung: Wenn ein Unternehmen weiter in einer Planüberwachung ist, könne nach Aussagen eines Sprechers der Bundesagentur für Arbeit mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass nicht erneut Insolvenzgeld gezahlt werden kann. Gleichzeitig betont die Situation, dass jede Prüfung individuell ausfällt – das macht die Unsicherheit für viele Betroffene doppelt.
Dass es überhaupt wieder zu einem Insolvenzantrag kommt, unterstreicht die strukturelle Schwäche des Modells „klassisches Warenhaus“ in Deutschland. Galeria ist nach 2020, 2022 und 2024 der vierte Insolvenzantrag innerhalb von sechs Jahren. Zahlreiche Filialen wurden in den vergangenen Verfahren geschlossen, während Gläubiger offenbar Milliardenforderungen verzichteten, um den Weg aus der Krise zu ermöglichen. Seit Sommer 2024 gehört Galeria der US-Investmentgesellschaft NRDC sowie einer Beteiligungsfirma des Unternehmers Bernd Beetz; der Markenname wurde entsprechend bereinigt, der Sitz von Essen nach Düsseldorf verlegt. Hinzu kommt, dass Vermieter im April 2026 ausbleibende Mietzahlungen beklagten; die Geschäftsführung verwies auf Liquiditätsschwankungen und hatte Stundungen angestoßen.
Technisch betrachtet ist die „Infrastruktur“ solcher Sanierungen weniger eine einzelne Entscheidung als eine Kette aus Finanzierungsbausteinen, Verhandlungen und operativer Anpassung. So erhielt Galeria erst im Juni eine neue Kreditfinanzierung von bis zu 160 Millionen Euro, die unter anderem dazu dient, einen laufenden Kredit abzulösen und offene Mietzahlungen zu begleichen. Die Kreditlinie stellt Gordon Brothers bereit, gesichert über Warenbestände und an einen auf drei Jahre angelegten Sanierungsplan gekoppelt, der weitere Schließungen vorsieht. Im Juli kündigte das Unternehmen zudem an, 33 Warenhäuser auf den Prüfstand zu stellen und mit Vermietern über Mietkonditionen zu verhandeln. Damit verschiebt sich der Fokus von der reinen Bestandserhaltung hin zu einer neuartigen Filiallogik, in der Standortqualität und Miettragfähigkeit über Fortbestand oder Abwicklung entscheiden.
Ob diese Logik reicht, hängt stark davon ab, ob es gelingt, die Erlösbasis zu stabilisieren. Handelsexperten gehen zwar trotz „großer Skepsis“ von einer gewissen Überlebensfähigkeit einzelner Standorte aus. Der Ansatz sei jedoch nicht mehr „Vollsortiment wie bisher“, sondern eine differenzierte Positionierung: lokal verankerte Konzepte mit Erlebnischarakter, ergänzenden Drittpartnern und einer höheren Aufenthaltsqualität. Gleichzeitig deutet die Aussage eines Experten auf eine harte Grenze hin: Ohne strategischen Investor, der wirklich transformieren will, werde es eher auf eine geordnete Abwicklung hinauslaufen. Genau hier wird das Marken- und Flächengerüst zur kritischen Ressource, denn Flächenkosten und Mietstrukturen lassen sich nicht beliebig „weg sanieren“, wenn das Umsatzprofil zu schwach bleibt.
Die Marktzahlen zeigen, warum der Umbau so schwierig ist. Laut EHI sanken die Erlöse über Jahre deutlich: 2019 erwirtschaftete Galeria Karstadt Kaufhof mit 174 Filialen einen Nettoumsatz von 4,5 Milliarden Euro; sechs Jahre später wurden mit weniger als der Hälfte der Standorte nur noch etwa 2 Milliarden Euro umgesetzt. Auch die Marktanteile gingen von 4,2 Prozent seit 2020 auf zuletzt 1,2 Prozent zurück. In diesen Daten sind neben Galeria auch andere Ketten wie Müller und Woolworth enthalten, dennoch wird sichtbar, dass Kauf- und Warenhäuser im Wettbewerb um Kundengunst und Lieferfähigkeit stark an Bedeutung verloren haben. Gleichzeitig steigt der Druck durch den Onlinehandel und eine schwache Konsumstimmung – und die Insolvenzwelle trifft den Handel insgesamt: Laut Allianz Trade erreichte die Zahl der Insolvenzen im Einzelhandel ein Zehnjahreshoch. Zwischen Juni 2025 und Mai 2026 meldeten demnach gut 2.600 Einzelhändler Insolvenz an, weitere prominente Fälle folgten, etwa bei Kodi und MÄC Geiz, während Depot den Geschäftsbetrieb einstellte und die Baumarktkette Hellweg abgewickelt wird.
Für den weiteren Verlauf bedeutet das: Das Verfahren in Düsseldorf ist nicht nur ein juristischer Schritt, sondern eine Zäsur für die operative Steuerung – vom Umgang mit Warenbeständen über Zahlungsströme bis hin zur Entscheidung über Schließungen. Wenn der Geschäftsbetrieb zunächst weiterläuft, steigt die Bedeutung von Liquiditätsdisziplin und einer belastbaren Standortselektion. Für Unternehmen in der Zulieferkette und für Dienstleister ist das eine Planungsaufgabe: Bestellzyklen, Zahlungsziele und Annahmequoten müssen mit dem gerichtlichen Prozessverlauf Schritt halten. Gleichzeitig zeigt der Blick über Galeria hinaus, dass die Sanierung einzelner Häuser nur begrenzt gegen den strukturellen Gegenwind ankommt. Das macht den Ausgang für den Handel insgesamt zu einer Art Stresstest: Nicht nur für die Frage, ob Standorte erhalten bleiben, sondern auch dafür, welches Geschäftsmodell in Deutschland künftig noch in der Fläche trägt.
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