DÜSSELDORF / LONDON (IT BOLTWISE) – Die Warenhauskette Galeria hat beim Amtsgericht Düsseldorf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Der Geschäftsbetrieb in 83 Filialen soll vorerst weiterlaufen, damit das Unternehmen die Situation ordnen und stabilisieren kann. Für die rund 12.000 Beschäftigten ist zugleich unklar, wie sich das Verfahren auf Standorte und Jobs auswirkt. Offene Fragen bleiben auch beim Thema Insolvenzgeld.

Die nächste Phase der Galeria-Krise beginnt mit einem Schritt in das formale Insolvenzrecht: Die Warenhauskette hat beim Amtsgericht Düsseldorf die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens beantragt. Nach den Angaben des Unternehmens soll der Geschäftsbetrieb zunächst in 83 Filialen weiterlaufen. Damit gewinnt Galeria zwar kurzfristig Zeit, aber die eigentliche Herausforderung bleibt dieselbe wie in früheren Verfahren: Liquidität stabilisieren, laufende Verpflichtungen sortieren und gleichzeitig die Frage klären, welche Standorte künftig tragfähig wirtschaften können.
Technisch und organisatorisch bedeutet ein Insolvenzantrag vor allem, dass das Unternehmen unter dem Dach des Gerichts in geordnete Bahnen gelenkt wird. Für Beschäftigte wird die Lage dadurch dennoch nicht automatisch planbar: Unklar ist, ob und wie Insolvenzgeld gezahlt werden kann. Hintergrund ist die Planüberwachung aus einem früheren Insolvenzfall: Das Amtsgericht Essen habe die Planüberwachung bislang nicht aufgehoben. Ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit hatte im Juni dazu erläutert, dass bei fortbestehender Planüberwachung mit hoher Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden könne, dass kein weiteres Insolvenzgeld gezahlt werden kann; jede Prüfung müsse aber die konkrete Situation individuell berücksichtigen.
Markt- und Eigentumswechsel spielen in dieser Wiederholung eine sichtbare Rolle. Galeria bringt nach 2020, 2022 und 2024 den vierten Insolvenzantrag innerhalb von sechs Jahren auf den Weg; viele Filialen wurden in der Folge der früheren Verfahren bereits geschlossen. Seit Sommer 2024 gehört die Warenhauskette der US-Investmentgesellschaft NRDC sowie einer Beteiligungsfirma des Unternehmers Bernd Beetz; außerdem verlegte Galeria den Sitz von Essen nach Düsseldorf. Der Wandel am Eigentumsschild ist allerdings nicht gleichbedeutend mit einer Stabilisierung der Erlösseite – im Gegenteil: Wenn große Teile der Fläche bereits reduziert wurden, steigt der Druck, die verbleibenden Standorte dauerhaft profitabel zu betreiben.
Aktuell verschärft sich der Handlungsdruck durch konkrete Zahlungs- und Standortfragen. Im April 2026 beklagten mehrere Vermieter ausbleibende Mietzahlungen; die Geschäftsführung verwies auf Liquiditätsschwankungen und räumte ein, Vermieter um eine Stundung gebeten zu haben. Erst im Juni erhielt Galeria eine neue Kreditfinanzierung von bis zu 160 Millionen Euro. Die Kreditlinie, bereitgestellt durch die US-Investmentgesellschaft Gordon Brothers, soll unter anderem dazu dienen, einen laufenden Kredit abzulösen und offene Mietzahlungen zu begleichen; zugleich ist die Finanzierung an einen auf drei Jahre angelegten Sanierungsplan geknüpft, der weitere Schließungen vorsieht.
Parallel dazu läuft die operative Restrukturierung: Im Juli kündigte Galeria an, 33 Warenhäuser auf den Prüfstand zu stellen und mit Vermietern über Mietkonditionen zu verhandeln. Das zentrale Argument lautet dabei, dass ohne tragfähige Lösungen die Fortführung der jeweiligen Filiale gefährdet sei. Für die Umsetzung entscheidend ist, dass die Warenhäuser nicht nur kurzfristig überleben, sondern nachhaltig positive Deckungsbeiträge erzielen. Eine solche Anforderung kollidiert mit den größeren Markttrends im Einzelhandel: Laut Handelsforschungsinstitut EHI sind die Erlöse im Verlauf der Jahre deutlich gesunken – von einem Nettoumsatz von 4,5 Milliarden Euro im Jahr 2019 (bei 174 Filialen) auf weniger als die Hälfte, zuletzt rund 2 Milliarden Euro. Auch die Bedeutung klassischer Kauf- und Warenhäuser nimmt ab: EHI nennt für die Marktanteile seit 2020 einen Rückgang von 4,2 Prozent auf 1,2 Prozent; in dieser Betrachtung sind neben Galeria unter anderem MülIer und Woolworth enthalten.
Damit steht Galeria nicht allein, sondern steht exemplarisch für eine Branche, in der der Wettbewerbsdruck aus dem Onlinehandel und eine schwache Konsumstimmung zusammenwirken. Laut Kreditversicherer Allianz Trade hat die Zahl der Insolvenzen im Einzelhandel ein Zehnjahreshoch erreicht: Zwischen Juni 2025 und Mai 2026 meldeten demnach gut 2.600 Einzelhändler Insolvenz an. Zu den prominenten Fällen zählten unter anderem die Non-Food-Discounter Kodi und Mäc Geiz, außerdem stellte die Deko-Kette Depot den Geschäftsbetrieb ein; auch die Baumarktkette Hellweg wird abgewickelt, wobei Filialen von anderen Händlern weiterbetrieben werden. Selbst ohne Insolvenz schließen viele Geschäfte dauerhaft, und Prognosen des Handelsverbands Deutschland sehen für dieses Jahr einen Rückgang der Geschäftszahl auf unter 300.000 gegenüber etwa 372.000 Ende 2015.
Für Unternehmen und Zulieferer im Umfeld der Warenhausbranche ist der Fall vor allem ein Signal für die unruhige Übergangsphase zwischen Sanierung und gerichtlicher Ordnung. Ein vorläufig weiterlaufender Betrieb kann zwar Bestände und Umsätze glätten, ersetzt aber keine tragfähige Kostenstruktur. Der weitere Verlauf wird deshalb weniger an der reinen Insolvenzantrag-Formalität festzumachen sein, sondern daran, ob der Sanierungsplan in der Fläche greift: Welche 83 Filialen bleiben tatsächlich aktiv, wie schnell werden Miet- und Abwicklungsfragen gelöst, und ob sich die Erlösdelle der vergangenen Jahre wenigstens teilweise in eine stabile Cash-Planung überführen lässt.
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