LONDON / LONDON (IT BOLTWISE) – BP hat den Vorsitzenden Albert Manifold nach internen „ernsthaften Bedenken“ mit sofortiger Wirkung abberufen. Laut Berichten stehen Vorwürfe im Raum, er habe Mitarbeitende durch wiederholtes Bullying unter Druck gesetzt und die Aufsicht sowie das Verhalten gegen geltende Code-of-Conduct-Regeln verstoßen. Die Aktie reagiert mit einem Kursrückgang, während das Unternehmen gleichzeitig gerade den CEO-Wechsel und die strategische Neuausrichtung vorantreibt. Als Interims- Vorsitzender soll Ian Tyler die nächsten Schritte begleiten, darunter die Suche nach einem dauerhaften Nachfolger.

Der Ölkonzern BP steht inmitten einer weiteren Phase interner Erschütterungen: Nur wenige Wochen nachdem Meg O’Neill als neue CEO gestartet ist, hat der Vorstand den Vorsitzenden Albert Manifold abberufen. In der Mitteilung verweist BP auf Governance-Standards, Aufsicht und Verhalten, die „nicht akzeptabel“ gewesen seien. Der Schritt kommt besonders heikel, weil er nicht als reines Personalrouting wirkt, sondern als Governance-Signal: Wer eine Organisation führt, soll Rollen klar trennen, Kontrolle im Rahmen der Satzung ausüben und eine respektvolle Unternehmenskultur sicherstellen. Die Aktienreaktion – zeitweise minus vier Prozent – deutet darauf hin, dass Investoren nicht nur die Personalie, sondern das Risiko von Kontroll- und Compliance-Lücken neu bewerten.
Technisch-administrativ betrachtet ist der Fall weniger eine Frage von „Soft Skills“ als von Systemen: Wie werden Meldungen aus dem Unternehmen erfasst, verifiziert und zeitlich korrekt eskaliert? BP habe laut Berichten eine Vielzahl von Hinweisen über die interne Helpline erhalten, die Manifold betreffen. Wenn Vorstandsgremien erst nach längerem Zeitraum oder ohne frühzeitige Einbindung des Betroffenen handeln, entsteht nicht nur ein Vertrauensproblem, sondern auch ein Audit- und Haftungsrisiko. In vielen Konzernen werden solche Vorgänge über Case-Management-Workflows gesteuert, die Compliance, HR und Legal koordinieren. Genau an dieser Schnittstelle entscheidet sich, ob Governance „papierbasiert“ bleibt oder als belastbarer Prozess greift.
Marktseitig verstärkt sich dadurch der Eindruck, dass BP trotz operativer Bemühungen um Stabilisierung weiterhin mit Führungs- und Kontrollumbrüchen zu kämpfen hat. Branchenbeobachter ordnen den Schritt auch im Kontext der letzten Jahre ein, in denen BP wiederholt CEO- und Vorstandsthemen abarbeiten musste: Looney wurde 2023 nach Offenlegungsversäumnissen zu Beziehungen zu Mitarbeitenden abgelöst, zuvor gab es weitere Wechsel unter Druck. Manifold war zudem erst seit weniger als einem Jahr im Amt. Interessant ist dabei die Nähe zur CEO-Neubesetzung: Laut Berichten soll er versucht haben, O’Neills Möglichkeit einzuschränken, sich unabhängig mit nicht-exekutiven Direktoren abzustimmen – ein klassisches Muster für „Power-Overhang“ zwischen Gremienrollen, das bei externen Investoren besonders sensibel wahrgenommen wird.
Vergleicht man das Vorgehen mit anderen großen Playern, wird klar, warum der „Board-Behavior“-Aspekt in den letzten Jahren stärker in den Fokus geraten ist. So haben sowohl Shell als auch TotalEnergies wiederholt betont, dass Risiko- und Compliance-Strukturen nicht nur auf harte Kontrollen (Audits, Policies) setzen, sondern auch auf wirksame Kultur- und Eskalationsmechanismen. In der Praxis sehen Governance-Prüfer immer wieder dieselben Fehlerbilder: unklare Zuständigkeiten, informelle Machtkonzentrationen und zu späte Reaktionen auf Meldungen. Dass BP den Schritt als „entscheidende Maßnahme“ rahmt, folgt dem Muster, mit dem Unternehmen versuchen, externe Prüfinstanzen und Märkte vom Vorhandensein funktionierender Aufsicht zu überzeugen.
Aus Sicht des Expertenkontexts liefert die öffentliche Kommunikation selbst Hinweise auf die Linienführung. Amanda Blanc, BP’s senior independent director, sagte dazu: „Albert hat geholfen, BP einen willkommenen Fokus und ein Tempo für die Transformation zu geben. Allerdings hat der Vorstand überrascht und enttäuscht festgestellt, dass es Governance-, Aufsichts- und Verhaltensprobleme gab, die als nicht akzeptabel gelten, und hat entsprechend entschieden gehandelt.“ Diese Aussage ist nicht nur eine Distanzierung, sondern auch eine Rahmung, die Leistung (Tempo in der Transformation) von den beanstandeten Verhaltensaspekten trennt. Das ist wichtig, weil Investoren dadurch gleichzeitig Kontrolle über den Prozess signalisieren und den Transformationskurs nicht als vollständig gekippt interpretieren sollen.
Historisch betrachtet ist das Thema Bullying und Oversight nicht neu, aber die Erwartung an die Nachweisbarkeit schon. Vor rund einem Jahrzehnt reagierten Vorstände in der Energiebranche häufig spärlicher auf Kulturvorwürfe, weil betriebliche Belange als schwer quantifizierbar galten. Seitdem verschärften sich jedoch Anforderungen an Governance-Transparenz, und auch regulatorische Entwicklungen in Europa haben „Speak-up“-Mechanismen gestärkt. Hinzu kommt: Wenn Vorwürfe über interne Kanäle laufen, steigt der Druck auf die Dokumentation – etwa darüber, wann welche Person Zugriff auf Informationen hatte, wie Untersuchungen geführt wurden und ob der Beschuldigte fair eingebunden war. Gerade hier berichten Quellen, Manifold habe keine frühzeitige Gelegenheit zur Stellungnahme erhalten.
In der Zukunft wird entscheidend, wie BP die Governance-Lücke schließt, ohne den operativen Takt zu bremsen. BP hat angekündigt, eine neue permanente Besetzung des Vorsitzes zu suchen; interimistisch soll Ian Tyler übernehmen. Damit versucht das Unternehmen, Kontinuität zu sichern und gleichzeitig ein sichtbares Signal an Mitarbeiter und Markt zu senden. Der nächste Schritt wird aber „prozessual“ sein: Welche Untersuchungsergebnisse werden veröffentlicht, wie wird die Helpline-Logik überprüft, und welche internen Kontrollpunkte werden angepasst? Für Unternehmen bedeutet das eine klare Lehre: KI-gestützte Fallklassifikation und moderne Workflows im Compliance-Bereich können zwar helfen, Muster zu erkennen, sie ersetzen jedoch nicht klare Entscheidungswege, saubere Dokumentation und faire Anhörungsprozesse.
Für die strategische Ebene kommt hinzu, dass BP gerade versucht, die Vergangenheit zwischen erneuerbaren Ambitionen und der Rückkehr in den Kernmarkt zu sortieren. O’Neill hatte das Unternehmen in zwei Hauptgeschäftseinheiten gegliedert – ein Schritt, der Effizienz und Verantwortlichkeiten neu ordnet. Gerade in Umbruchphasen steigt jedoch das Risiko, dass Führungspersonen informell Einfluss über Rollen hinweg ausüben. Der Fall Manifold wirkt wie ein Test, ob BP solche Dynamiken künftig zuverlässig dämpfen kann. In den nächsten Quartalen wird der Markt vor allem danach schauen, ob das Unternehmen strukturell Vertrauen zurückgewinnt: durch überprüfbare Oversight-Prozesse, konsequente Umsetzung von Code-of-Conduct-Regeln und eine Kultur, in der Meldungen nicht erst bei Eskalation Wirkung entfalten.
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