LONDON (IT BOLTWISE) – Der Bull-&-Bear-Indikator der Bank of America ist auf den höchsten Stand seit 2021 gestiegen und sendet damit ein Extremsignal. Chefstratege Michael Hartnett empfiehlt Anlegern, Risikoaktien zu reduzieren und in defensive Sektoren, den US-Dollar sowie Nebenwerte umzuschichten. Der Hintergrund: Fondsflüsse in High-Yield-Anleihen nehmen zu, während die Bewertung der Risikopositionen gleichzeitig überhitzt wirken könnte. Ob sich daraus eine spürbare Korrektur ergibt, soll sich vor allem an Renditen, Dollarentwicklung und Bankaktien zeigen.

Der Bull-&-Bear-Indikator der Bank of America hat zuletzt einen Bereich erreicht, der in der Vergangenheit häufig nicht zu entspanntem Markten geführt hat. Laut den zugrunde liegenden Bank- und Stimmungsdaten kletterte der Indikator von 9,4 auf 9,7 und damit in den Verkaufsbereich; konkret wurde dabei der höchste Stand seit 2021 markiert. Für Anleger ist das weniger ein „Timing“-Signal als ein Stimmungsfilter: Wenn die Risikofreude so stark ausgeprägt ist, reicht oft schon eine Enttäuschung bei Finanzierungskosten oder Wachstumserwartungen, um Bewertungen schneller zu drehen als viele Teilnehmer im Voraus einpreisen.
Technisch betrachtet setzt der Indikator nicht nur auf eine einzelne Asset-Klasse, sondern hängt eng mit dem Kräfteverhältnis zwischen Risikokapital in Kreditmärkten und der breiteren Risikobereitschaft zusammen. Der Anstieg wird in der Berichterstattung vor allem mit Zuflüssen in High-Yield-Anleihen erklärt. Gleichzeitig werden engere Spreads bei globalem High-Yield und bei AT1-Anleihen (Additional Tier 1) genannt, also Segmenten, die in stressfreien Phasen besonders stark von sinkenden Risikoaufschlägen profitieren. Wenn dann noch ein „breiterer“ Marktkonsens hinzukommt, in dem viele Marktteilnehmer ähnliche Wachstums- und Renditepfade für wahrscheinlich halten, entsteht eine Konstellation, die Hartnett als zu euphorisch einordnet.
Historisch greift die Bank dabei auf einen wiederkehrenden Mechanismus zurück: Verkaufssignale über dem Extremniveau wurden seit 2002 mehrfach ausgelöst. In der Darstellung der Bank-Argumentation folgte ihnen im Durchschnitt in den folgenden drei Monaten ein Rückgang globaler Aktien um 2 bis 3 Prozent, in Extremfällen auch bis zu 20 Prozent. Entscheidend ist dabei der Vergleich mit dem aktuellen „Fundament“-Bild: Die Cash-Quote von Fondsmanagern wird als relativ niedrig beschrieben, während US-Aktien netto deutlich aufgestockt wurden. Genau diese Kombination, also sehr aktive Risikoallokation bei gleichzeitig knappen Liquiditätspuffern, kann Korrekturen verstärken, weil weniger Marktteilnehmer bereit sind, Schwäche direkt zu kaufen.
Als Konsequenz rät Hartnett laut der wiedergegebenen Strategie-Logik zu einer Rotation: Risikoanlagen sollen reduziert, dafür defensive Sektoren stärker gewichtet werden. Genannt werden unter anderem Konsumgüter, sogenannte Duration-Werte wie Immobilienfonds sowie Nebenwerte und einzelne Biotech-Titel, ergänzt um den US-Dollar. Die Begründung zielt weniger auf eine sichere Rezession als auf den Schutz vor einem möglichen weiteren Anziehen der Finanzierungsbedingungen. In Szenarien, in denen Kredit- und Kapitalmarktrahmen straffer werden, sind zyklische Segmente wie Banken, Industrie oder Halbleiter typischerweise stärker dem Wechselspiel aus Gewinnrisiko und Bewertungsrisiko ausgesetzt als defensivere Cashflow-Profile.
Gleichzeitig liefern die kurzfristigen Daten einen widersprüchlichen Unterton: Laut den angegebenen Fondsflüssen fließen erhebliche Summen in Geldmarktfonds, Aktienfonds und Anleihefonds, wobei US-Aktien hohe Zuflüsse verzeichnen. Technologiefonds dagegen hätten erstmals seit mehreren Wochen Abflüsse gezeigt, ihre Zuflüsse würden aber dennoch auf einem sehr hohen Niveau bleiben. Das wirkt wie ein Markt, der zwar risikofreudig ist, aber zugleich anfängt, sich differenzierter zu positionieren. Für die Bewertung des Verkaufssignals ist das relevant, denn die Bank knüpft ihre „Frühwarn“-Logik an konkrete Trigger: steigende Anleiherenditen, ein fallender US-Dollar und die Kursentwicklung bei Bankaktien sollen Hinweise liefern, ob die Euphorie in eine breitere Korrektur übergeht.
Bemerkenswert ist auch, dass die Bank of America trotz des Warnsignals an ihrer Grundhaltung festhält. In der Darstellung der Strategie wird die Asset-Allokation weiterhin mit „Aktien long, Anleihen short“ beschrieben. Die Argumentation verweist auf eine Art strukturelle Stabilisierung durch politische Entscheidungsträger: Der Aktienmarkt stehe wegen der Verbindung zur Realwirtschaft und dem Ausbau von KI-Rechenzentren im Fokus, wodurch die Wahrscheinlichkeit abrupt zerstörender Szenarien für den Markt niedriger eingeschätzt werde. Zu den erwarteten Boomerang-Mustern zählt die Bank zudem den Punkt, an dem Blasen nicht nur platzen, sondern zuvor durch Rendite- und Währungsbewegungen eine fiskalpolitische Kehrtwende auslösen könnten.
Der zweite Treiber in Hartnetts Argumentation ist der Gewinnoptimismus. In der Quelle wird beschrieben, dass 12-Monats-Vorwärtsschätzungen für den Gewinn je Aktie zeitweise um 33 Prozent gestiegen seien, begünstigt durch eine Zollrückerstattung von 35 Milliarden US-Dollar zwischen Mai und Juli 2026. Dadurch sei ein vorheriger, zollbedingter Ergebniseinbruch von 75 Milliarden US-Dollar zwischen Mai und Juli des Vorjahres teilweise neutralisiert worden. Ergänzend wird erklärt, warum Anleihemärkte stärker auf Arbeitsmarktdaten als auf reine Inflationskennzahlen reagieren: Wenn Beschäftigung und Unternehmensgewinne gekoppelt sind, wirken sich produktivitätssteigernde Effekte bislang eher nicht in einem breiten Stellenabbau aus; in der Folge bleiben die Zinsmärkte anfälliger für Wachstumsüberraschungen als für rein kurzfristige Preisimpulse.
Für Entscheider in Unternehmen, die selbst nicht direkt in Indizes traden, lässt sich aus dem Signal eine praktische Schlussfolgerung ableiten: Risikoappetit am Kapitalmarkt kann sich kurzfristig schneller ändern, als es die operative Planung von Treasury, Investitionszyklen oder Finanzierungskosten ohnehin nahelegt. Wer etwa Emissionsfenster, Kreditlinien oder Hedging-Strategien steuert, sollte das Zusammenspiel aus Renditen, Dollar und Kreditspreads ernst nehmen. Ob aus dem Extremsignal eine kurzfristige Episode wird oder eine größere Korrektur tatsächlich einsetzt, hängt daher weniger an der Stimmung allein ab als an der Frage, ob die nächste Datenrunde die Finanzierungsbedingungen weiter entspannt oder spürbar restriktiver macht.
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