THÜRINGEN / LONDON (IT BOLTWISE) – Psychische Erkrankungen treiben die Fehlzeiten bei AOK-Mitgliedern nach oben: Laut WIdO stiegen die psychisch bedingten AU-Tage von 284 je 100 Mitglieder (2016) auf 403 (2025). Besonders auffällig ist die Entwicklung bei der AOK PLUS in Thüringen, wo die Ausfalltage von 275 auf 461 zulegten. Gleichzeitig wächst das Krankengeld-Volumen in der gesetzlichen Krankenversicherung, weil die Fälle im Schnitt deutlich länger dauern als viele somatische Diagnosen. Die Verbände und Krankenkassen richten den Fokus daher stärker auf Prävention und rechtssichere Gefährdungsbeurteilungen am Arbeitsplatz.

Wenn ausgerechnet die AU-Tage wegen psychischer Ursachen Jahr für Jahr zunehmen, verschiebt sich die Debatte in Unternehmen meist weg von Einzelschicksalen hin zu strukturellen Arbeitsbedingungen. Berichte rund um den Welttag beziehungsweise Internationalen Tag der seelischen Gesundheit nehmen dabei vor allem die Krankmeldungen in den Blick: Das Wissenschaftliche Institut der AOK (WIdO) nennt für AOK-Mitglieder einen Anstieg psychisch bedingter Arbeitsunfähigkeits-Tage von 284 je 100 Mitglieder im Jahr 2016 auf 403 im Jahr 2025. Das entspricht einem Plus von knapp 42 Prozent. Noch stärker ist die Dynamik in einzelnen Regionalbereichen: Für die AOK PLUS in Thüringen kletterten die entsprechenden Ausfalltage von 275 je 100 Versicherte (2016) auf 461 (2025), also um rund 68 Prozent.
Nicht nur die Menge der Fälle, auch das Muster der „Burnout-Ausfalltage“ fällt laut WIdO ins Gewicht. Bei Burnout-Ausfällen je 100 AOK-Mitglieder stieg der Wert von 11 im Jahr 2016 auf 19,5 im Jahr 2025, was einem Zuwachs von 77 Prozent entspricht. Die AOK PLUS weist im gleichen Zeitraum sogar einen Anstieg um 109 Prozent aus. Dazu passt, dass weitere Auswertungen für 2025 durchschnittlich 470 AU-Tage je 100 AOK-versicherte Beschäftigte mit psychischen Diagnosen veranschlagen, verglichen mit 292 vor zehn Jahren; das wären rund 60 Prozent mehr. Innerhalb dieser Kategorie verdoppelten sich Burnout-Ausfalltage von 8 auf 16 je 100 Versicherte.
Der Blick auf Krankmeldungen wird häufig nur als statistischer Trend interpretiert. Doch mehrere genannte Auswertungen legen nahe, dass sich vor allem die Falldauer verschärft. Laut WIdO dauerten psychische Erkrankungen 2025 im Schnitt 28,5 Tage je Fall, während Atemwegserkrankungen auf 5,7 Tage je Fall kamen. Der AOK-Bundesverband beziffert die durchschnittliche Falldauer bei psychischen Diagnosen ebenfalls auf fast 29 Tage. Andere Auswertungen nennen rund 26 Tage je Fall bei psychischen Erkrankungen, im Vergleich zu Herz-Kreislauf-Erkrankungen (18 Tage), Muskel-Skelett-Erkrankungen (16 Tage) und Atemwegsinfekten (6 Tage). In den genannten DAK-bezogenen Daten wird zudem eine durchschnittliche Dauer von 34,2 Tagen je Fall erwähnt.
Damit treffen die Folgen nicht nur Beschäftigte, sondern auch die Kostenseite der Kassen. Für das Jahr 2025 beziffert das WIdO das Arbeitsunfähigkeitsvolumen der 14,9 Millionen erwerbstätigen AOK-Versicherten mit 23,3 AU-Tagen je Mitglied; 2015 lag der Wert bei 24,5 (2022) sowie 23,9 (2023 und 2024). Psychische Erkrankungen kommen dabei auf 14,1 AU-Fälle je 100 Mitglieder, Atemwegserkrankungen auf 80,3 Fälle. Gleichzeitig zeigen die Angaben zu den Krankengeldausgaben, wie stark lange Ausfallzeiten in Geld messbar werden: Vorläufigen WIdO-Daten zufolge lagen die Krankengeldausgaben der gesetzlichen Krankenversicherung 2025 bei 21,6 Milliarden Euro, entsprechend 6,1 Prozent der Gesamtausgaben; 2015 waren es 11,2 Milliarden Euro bei 5,2 Prozent. Von 2021 bis 2025 sollen die psychischen Krankengeldfälle um knapp 25 Prozent gestiegen sein, während die Ausgaben dafür um 54 Prozent zunahmen, somatische Ausgaben hingegen nur um 27 Prozent.
Aus Unternehmenssicht wird an dieser Stelle wichtig, welche Arbeitsbereiche besonders betroffen sind. WIdO-Daten nennen für 2025 etwa 39 psychische AU-Fälle je 100 AOK-Mitglieder im Dialogmarketing. Danach folgen Haus- und Familienpflege (25,6), Altenpflege (24,9), Heilerziehungspflege und Sonderpädagogik (24,6) sowie Kinderbetreuung und -erziehung (23). Das deutet auf zwei wiederkehrende Muster hin: hohe emotionale Belastung durch Kunden- beziehungsweise Klientenkontakt und gleichzeitig oft knappe Personalkapazitäten. In Österreich verweist die Arbeiterkammer Salzburg zudem auf eine Befragung, wonach vier von zehn Beschäftigten häufig unter Alltagsstress leiden und mehr als die Hälfte sich regelmäßig erschöpft fühlt. Wer dort ansetzt, landet zwangsläufig bei Workload-Planung, Autonomie im Arbeitsalltag und der Frage, ob Führungs- und Organisationsentscheidungen kurzfristige Effekte über längerfristige Gesundheit stellen.
Genau deshalb richten die genannten Akteure den Fokus stärker auf Prävention, und zwar möglichst früh. Der T V Rheinland empfiehlt, Belastungen über gesundheitsorientierte Führung, Beratung und Gefährdungsbeurteilungen systematisch zu adressieren. Die SRH betont dabei, dass Angebote wie Yoga oder Achtsamkeit eine chronische Überlastung allein nicht „wegtherapieren“ können, sondern dass realistische Arbeitsmengen, ausreichend Personal, verlässliche Arbeitszeiten und Entscheidungsspielräume notwendig sind. Ergänzend fordern die Arbeiterkammer Salzburg und der Österreichische Gewerkschaftsbund planbare Arbeitszeiten, lebensphasenorientierte Modelle sowie betriebliche Gesundheitsförderung; auch auf Arbeitsdruck, Personalmangel und Arbeitsverdichtung wird verwiesen. Auf Kassenseite wird wiederum mit konkreten Kurskapazitäten argumentiert: Zu Beginn der Woche der seelischen Gesundheit nennen die gesetzlichen Krankenkassen bundesweit nahezu 50.000 Präsenzkurse und rund 2.500 Onlineangebote zu Stress- und Ressourcenmanagement; insgesamt laufen über 120.000 zertifizierte Präventionskurse. Die AOK PLUS begleitet außerdem in Sachsen und Thüringen 1.216 Unternehmen bei betrieblicher Gesundheitsförderung.
Für die praktische Umsetzung in Unternehmen ist entscheidend, wie Gefährdungsbeurteilungen und Präventionsprogramme ineinandergreifen. Wenn psychische Belastungen nicht als Zusatzaufgabe, sondern als Teil der regulären Arbeitsschutzlogik verstanden werden, lässt sich die Organisation gezielter auf „Faktoren“ ausrichten, etwa auf Schicht- und Vertretungsplanung, Ziel- und Aufgabenklare Prozesse oder die Geschwindigkeit von Entscheidungswegen. Dass psychische Erkrankungen im Schnitt fast 29 Tage dauern, macht den ökonomischen Hebel zusätzlich sichtbar: Eine Präventionsmaßnahme, die Ausfallspitzen glättet, wirkt nicht nur in der HR-Abteilung, sondern auch in der Einsatzplanung, in der Qualitätssicherung und indirekt im Krankenstand. Gleichzeitig sollte man Kursangebote als Baustein begreifen, nicht als Ersatz für strukturelle Anpassungen. In der Summe zeigt die Datenlage: Mit steigenden psychisch bedingten Fehlzeiten rückt „präventives Arbeitsdesign“ stärker in den Mittelpunkt von Management und Führung.
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